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RP-Serie „Engel im Alltag“ (Teil 16): „Ich hatte mich verloren“

RP-Serie „Engel im Alltag“ (Teil 16) : „Ich hatte mich verloren“

Vor zwei Jahren kamen Aniko Balogh und ihr Sohn zum Düppelpunkt der Caritas Dinslaken, weil die junge Mutter nicht mehr weiter wusste. Für die Hilfe, die sie dort erhalten hat, ist sie mehr als dankbar.

„Wir hatten viele Probleme“, versucht Aniko Balogh die schwierige Zeit für sie und ihre Familie zu umschreiben. Die 37-jährige zweifache Mutter findet nur schwer die richtigen Worte dafür. Zwischen ihren Erzählungen schaut sie immer wieder zu Jana Gerkemeier, ihrer Helferin vom Düppelpunkt in Dinslaken. Mit Tränen in den Augen beschreibt sie, warum es ihr jetzt besser geht, warum es für sie noch vor zwei Jahren unmöglich gewesen wäre, dieses Interview zu geben. „Aber wenn ich heute weine, dann nur aus Freude. Hier hat man mich aufgefangen, mich und Jan, und uns wieder aufgebaut“, sagt Aniko Balogh und schenkt Jana Gerkemeier ein strahlendes, süßes Lächeln.

Gerkemeier weiß: Baloghs Dankbarkeit kommt aus tiefstem Herzen. „Es ging damals gar nichts mehr, nicht zu Hause, nicht in der Schule. Die Situation war einfach festgefahren“, sagt die 31-jährige Sozialpädagogin. Aniko Baloghs Sohn Jan (Name von der Redaktion geändert) hat ADHS – oft eckt er damit bei anderen an, sowohl in der Schule als auch zu Hause oder in seiner Freizeit. Oft muss Balogh, die gelernte Gärtnerin und Floristin ist, von der Arbeit wegbleiben, weil Jan frühzeitig von der Schule abgeholt werden soll. „Immer habe ich nur gehört: ,Jan hat Probleme’“, sagt Aniko Balogh. Aus oft wird zu oft, so dass die 37-jährige Mutter nach einiger Zeit ihren Beruf aufgibt, um für Jan da zu sein.

Doch auch zu Hause ist es für Aniko Balogh und ihre Familie nicht einfach. „Ich bin doch eh immer schuld“, habe Jan oft gesagt. Die junge Mutter bemerkt, dass ihr Sohn sich schlecht fühlt, sich klein macht, nicht an sich glaubt – und sich gleichzeitig zu wehren versucht. Hässliche Wörter seien oft gefallen, teilweise sei es auch sehr laut geworden, sagt Balogh. In dieser Zeit sei viel Vertrauen verloren gegangen, für einige Zeit habe Jan sogar mit seinem Lieblingshobby, dem Schwimmen, aufgehört. Die schwierige Situation zehrt an der jungen Mutter, einen Ausweg sieht sie zunächst kaum.

Bis vor zwei Jahren. „Ich habe mich zuerst ans Jugendamt gewandt, und die haben mir den Düppelpunkt empfohlen“, sagt Aniko Balogh. In der Einrichtung der Caritas in der Düppelstraße wird sie sofort herzlich aufgenommen. „Plötzlich sagte man mir: ,Jan ist ein tolles Kind, er ist total hilfsbereit’. Ich dachte nur: Was?“, sagt Balogh. Dass jemand sie und ihren Sohn wertschätzt – bedingungslos und ohne Wertung –, das hatte sie bisher kaum erlebt.

In die Nachmittagsbetreuung des Düppelpunkts kommt Jan fortan jeden Tag und wird dort von Jana Gerkemeier und ihrem Kollegen Cem Ates betreut. Und auch Aniko Balogh bekommt hier Unterstützung. „Wir haben viele Gespräche geführt“, sagt Jana Gerkemeier. Auch mit anderen Familienmitgliedern, denn es sei wichtig, dass die ganze Familie in den Prozess mit eingebunden wird.

Der Anfang sei alles andere als leicht gewesen, aber mit der Zeit haben sowohl Aniko Balogh als auch ihr Sohn Jan viel dazugelernt, sagt Gerkemeier. „Jan weiß jetzt, dass er nicht nur schlecht ist, dass er sich nicht beweisen muss“, sagt Balogh. Im Düppelpunkt wird er so akzeptiert, wie er ist, und das hat ihm gut getan. Ihr Sohn habe nun auch die Schule gewechselt, und dank eines Ferien-Ausflugs mit dem Düppelpunkt ins Schwimmbad habe der heute 10-Jährige wieder zurück zu seinem Hobby gefunden. Mit Jana Gerkemeier und Cem Ates verstehe er sich so gut, dass er die beiden auch zu seiner Kommunion eingeladen habe. „Er hat sein Vertrauen zurück bekommen“, sagt Aniko Balogh glücklich. Genau wie sie. „Ich habe für mich gelernt, dass ich eine gute Mama bin, dass ich alleine stark bin, dass ich mich nicht klein machen muss.“ Vieles davon hat sie Jana Gerkemeier, Cem Ates und den vielen anderen Mitarbeitern im Düppelpunkt zu verdanken. „Hier wurde mir richtig geholfen, Probleme werden hier wirklich gelöst“, sagt sie.

Im kommenden Jahr wird Jan an die weiterführende Schule kommen, damit ist er aus dem Düppelpunkt-Alter heraus gewachsen. Trotzdem möchte Aniko Balogh weiter den Kontakt halten. Hier habe man immer ein offenes Ohr für sie, auch wenn man mal keinen Termin bei der Beratung habe. „Ich hatte mich selbst verloren“, sagt Balogh. Doch jetzt sei das anders. „Der Düppelpunkt ist für mich ein Stück Familie geworden.“

Kennen Sie auch einen Engel im Alltag? Wer ist Ihnen eine besondere Hilfe, wem sind Sie für seinen Beistand dankbar? Unsere Adventsreporterin Maren Könemann wird Sie (und Ihren Engel) gerne besuchen. Kontakt: adventsreporterin@rheinische-post.de oder Tel. 0281 14340.