Debatte in NRW-Landesvertretung: Überfordert das Internet den Menschen?

Debatte in NRW-Landesvertretung: Überfordert das Internet den Menschen?

Ist das Internet dabei, unsere Gesellschaft und uns selbst stärker und radikaler zu verändern, als wir es uns vorstellen können? "Wir steuern auf eine kopflose Kultur zu", warnte Prof. Frank Hartmann aus Weimar beim jüngsten Hauptstadtdialog in der NRW-Landesvertretung. Der homo sapiens werde zum homo videns, also der weise zum nur noch guckenden Menschen.

Der Internet-skeptische FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ("Payback") rief bei diesem Symposium zu größerer Ehrlichkeit auf: Keiner könne wissen, welche Entwicklung als nächstes anstehe. Bill Gates habe das Internet nicht vorausgesehen, und Google habe Facebook nicht vorausgesagt. Allerdings neigt Schirrmacher dazu, dem Netz grundsätzlich alles zuzutrauen. Alles spreche dafür, dass die Internetsuchmaschine Google bereits über ein umfassendes Psychogramm der Gesellschaft verfüge. Die Entwicklung des Internets daher mit der Entwicklung des Buchdrucks zu vergleichen, greife viel zu kurz. Die Parallele würde nur funktionieren, wenn Gutenberg Bücher erfunden hätte, die beim Lesen die Leser lesen.

Schirrmacher reicht es daher nicht, immer neue "Gebrauchsanweisungen zum Umgang mit der Maschine" geliefert zu bekommen. Er vermisst vielmehr "Gebrauchsanweisungen über den Umgang von Maschinen mit Menschen". Gruselig erscheint Schirrmachers Blick auf die Empfindungen von DNA-Forschern, die mit Hilfe modernster Computer-Programme nicht nur sensationelle Fortschritte beim Entschlüsseln menschlichen Erbgutes machen, sondern laut Schirrmacher auch beobachten "wie die Software und die DNA immer besser miteinander kommunizieren, während wir nicht verstehen, worüber sie reden". In einem Satz: Das Internet überfordert den Menschen. Dabei gehe es nicht einmal darum, ob der Einzelne nun dazu gehöre oder nicht: Ob online oder offline, jeder sei "drin".

Markus Beckedahl, Mitbegründer von " re:publica" und Blogger bei Netzpolitik.org, sagte voraus, dass sich auch die Politiker immer mehr verändern. Sie würden sich zu "Community Managern" entwickeln, die stark darauf zu achten hätten, ihre Netzwerke in ihre Handlungen und Vorschläge einzubeziehen. Nachdrücklich sprach sich Beckedahl dafür aus, dem Internet die Fähigkeit des Vergessenkönnens zu verleihen. Was heute eingestellt und gesammelt werde, müsse nach zwei Jahren auch wieder gelöscht werden können. Bei den Chancen und Gefahren des Netzes zeigte sich Beckedahl gespalten. Es stimme zwar, dass etwa bei Wikipedia alles erst publiziert und dann erst überprüft werde. Und er "glaube auch nicht an die Weisheit der Vielen, aber es kommt was Tolles dabei raus", sagte Beckedahl.

  • Fotos : Das interessierte Deutschland 2009 im Internet

Philosophisch setzte sich Prof. Dr. Frank Hartmann von der Bauhaus-Universität in Weimar mit den Folgen des Internets auseinander. Er verwies auf die Warnung, durch den Einsatz von Taschenrechnern verlerne man das Kopfrechnen, und stellte sie in Beziehung zur aktuellen These, wonach das Gehirn unter der Flut der Bilder im Netz zu leiden beginne. Es komme durch das Internet zu einem "Auslagern von Gedächtnisleistungen". Aber es müsse auch die Frage gestellt werden, welche Möglichkeiten sich ergäben, wenn das Gehirn von lästiger Routine befreit werde und mehr Raum für Kreativität bekomme. Letztlich sei dies auch eine "Generationenfrage", und zwar in der Hinsicht, dass die nächste Generation nicht mehr wisse, wie die Welt ohne Internet aussah. Hartmann: "Wir werden in völlig neuen Kategorien denken, und wir sind nicht am Ende der Geschichte."

Auf wichtige Orientierungspunkte machte der Kommunikationswissenschaftler Prof. Christoph Neuberger von der Uni Münster aufmerksam. Es gebe zwar 70 Millionen Blogger, aber diese täten sich schwer, selbst Themen zu setzen. Sie folgten vielmehr dem klassischen Journalismus. Und wenig pessimistisch gab sich auch Constanze Kurz, die Sprecherin des Chaos Computer Club. Die meisten Nutzer hätten sich bereits Techniken zugelegt, um mit der Vielzahl möglicher Informationen umzugehen, sie filterten sie beispielsweise mit Hilfe sozialer Netzwerke.

Und damit sind die modernsten Kommunikationstechniken wieder genau da, wo die Neandertaler in der Höhle begannen: Die Komplexität der fremden und gefährlichen Welt anhand jener Informationen einschätzen, die von glaubwürdigen und wichtigen Leuten aus Familie oder Freundeskreis kommen oder weitergereicht werden.

(RP)