Chemtrails: Verschwörungstheorien um Kondensstreifen

"Chemtrails" : Warum ein Anwalt glaubt, dass das keine Kondensstreifen sind

Tausende Menschen sind überzeugt, dass am Himmel heimlich Wolken versprüht werden, die das Wetter beeinflussen und uns alle krank machen. Sind die verrückt? Unser Autor hat einen Mann getroffen, dem man Verschwörungstheorien eigentlich nicht zutraut.

An einem Montag setzt Dominik Storr der mächtigsten Frau Deutschlands eine Frist. Am 6. Juni 2011 schreibt der Rechtsanwalt aus 97845 Neustadt am Main einen Brief an Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, Willy-Brandt-Straße 1, 10557 Berlin. Er fordert sie auf, gegen das "wohl größte Umweltvergehen seit dem Zweiten Weltkrieg" vorzugehen. "Es erhärteten sich in den letzten Jahren die Indizien und Beweise, dass auch im deutschen Luftraum systematisch und gezielt große Mengen von Schadstoffen durch Flugzeuge ausgebracht werden, um das Klima zu manipulieren."

Der Rechtsanwalt Dominik Storr sagt: "Wenn ich die Sache mit den Chemtrails vor ein deutsches Gericht bringen würde, hätten die viel Ärger.". Foto: Sebastian Dalkowski

Er wendet sich nicht an sie, um mit ihr über die Existenz der so genannten Chemtrails zu streiten. "Dafür liegen in der Zwischenzeit zu viele Beweise vor." Bis zum 24. Juni solle die Kanzlerin ihm mitteilen, ob die Bundesregierung die nötigen Schritte unternehmen werde. "Bitte sorgen Sie dafür, dass wir Bürgerinnen und Bürger nicht mehr mit toxischen Stoffen aus der Luft besprüht und vergiftet werden." Den neunseitigen Brief beantwortet das Bundeskanzleramt mit dem kurzen Hinweis, dass das Schreiben ans Umweltbundesamt weitergeleitet worden sei.

Mit seinen blonden Haaren, die ihm bis auf die Schultern und häufig ins Gesicht fallen, sieht Storr aus wie ein ehemaliger Profi-Surfer, der im Ruhestand zu wenig Sonne abbekommt. Dass er im Januar 45 geworden ist, verrät nur sein Personalausweis, der auch eine Ungeheuerlichkeit bezeugt. Auf der Webseite seiner Kanzlei postet er Strandbilder aus der Bretagne und schreibt, dass er sich auf "Fälle gegen staatliches Unrecht" spezialisiert hat.

Storr gewinnt seine Prozesse auch vor dem Europäischen Gerichtshof

Dieser Mann sagt, dass die meisten Kondensstreifen gar keine gewöhnlichen Kondensstreifen sind. Stattdessen lasse eine geheime Macht weltweit und systematisch durch Flugzeuge Wolken am Himmel versprühen, die nicht nur das Wetter beeinflussen, sondern auch die Menschen krank machen - Chemtrails. Er hält das nicht bloß für möglich, er ist davon so überzeugt, dass selbst die stärksten Gegenargumente ihn nicht zweifeln lassen. Storr ist ein Verschwörungstheoretiker. Jedenfalls für alle, die nicht von dem überzeugt sind, was er sagt. Für ihn ist die Mitte der 90er erstmals in den USA erwähnte Verschwörung keine Theorie, sondern Tatsache. Er sagt: "Wenn ich die Sache mit den Chemtrails vor ein deutsches Gericht bringen würde, hätten die viel Ärger."

Unglaublicher noch als das, was Storr erzählt, ist, dass es einer wie er erzählt: ein Anwalt, der zwei Staatsexamen bestanden hat und seine Fälle notfalls auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewinnt. Wer seine Behauptungen anzweifeln will, der kann also nicht bequem darauf verweisen, dass Storr einfach nicht die hellste Kerze am Leuchter ist. Warum sagt ein Mensch, der in seinem Beruf in hohem Maße auf seinen Verstand angewiesen ist, Dinge, die für andere Menschen mit Verstand abwegig sind?

Zur Jahrtausendwende meint Storr zum ersten Mal zu bemerken, dass am Himmel etwas nicht stimmt. Das Licht hat sich verändert, es sind viel mehr Kondensstreifen zu sehen. Später stellt er fest, dass die Pflanzen in seinem Gemüsegarten krank aussehen. Für ihn sind das Folgen der Sprühaktionen am Himmel, auf die er im Internet unter dem Stichwort "Chemtrails" gestoßen ist. In Storrs Realität sind es keine gewöhnlichen Kondensstreifen, aus dem Flugzeug kommen auch Nanopartikel aus Aluminium, Strontium und Barium, die sich mit den gewöhnlichen Abgasen vermischen. Deshalb lösen sich die Streifen viel später auf. Die Bevölkerung soll davon nichts erfahren. 2011 hat Storr genug. Als die Chemtrails auch noch über der Bretagne auftauchen, jener Küstenregion in Frankreich, in der er seit seiner Kindheit Urlaub macht, als er auch hier aufgrund der Wolken die Sonnenuntergänge nicht mehr sehen kann, beschließt er zu handeln. Er gründet die Bürgerinitiative "Sauberer Himmel". Sie soll darüber aufklären, was seiner Meinung nach da oben passiert. Der Brief an Merkel gehört zu den ersten Aktionen.

Er sagt, da oben ist die Luft viel zu trocken für Kondensstreifen

Wer nun gegen Storrs Theorie argumentieren möchte, kann dies auf verschiedene Arten tun. Grundsätzlich ließe sich wie bei jeder Verschwörungstheorie einwenden: Wie soll eine weltweite Verschwörung dauerhaft vor der Welt geheimgehalten werden? Wer das fragt, dem antwortet Storr, dass eben nur sehr wenige Leute davon wüssten, nicht mal die Piloten. Die, die es wüssten, werden zum Schweigen gezwungen, zum Beispiel Beamte, die ihren Job los sind, wenn sie auspacken. Ihn beirrt nicht, dass es Whistleblower wie Edward Snowden und Bradley Manning gibt.

Storrs zentrales naturwissenschaftliches Argument ist, dass die Kondensstreifen am Himmel schon deshalb in den meisten Fällen keine Kondensstreifen sein könnten, weil die Luft in Flughöhe von knapp 10.000 Metern viel zu trocken ist, als dass sich ein Kondensstreifen länger halten könnte. Auch das lässt sich widerlegen. Ein Kondensstreifen entsteht, wenn der Wasserdampf aus den Abgasen des Flugzeugs aufgrund der kalten Luft kondensiert. Damit dieser länger bestehen bleibt, muss die Luft dort übersättigt sein, so dass sie keinen Wasserdampf mehr aufnehmen kann. Ein Artikel auf der Website von "Sauberer Himmel" verweist auf die Diplomarbeit der Meteorologin Julia Keller. Diese schreibt: Je geringer die Temperatur, desto weniger Feuchte können die Luftmassen aufnehmen. Das ist allgemein anerkannt. Ist die Luft dort oben also zu trocken für Kondensstreifen?

Auf Anfrage erklärt eben jene Frau Keller, warum das nicht als Argument für Chemtrails taugt: "Kalte Luft kann weniger Wasserdampf aufnehmen, dadurch wird aber eben auch bei geringen Mengen Wasserdampf bereits eine Übersättigung der Luft erreicht." Kondensstreifen sind also erst recht möglich. Storr aber spricht Meteorologen die Fähigkeiten ab zu erkennen, ob es Chemtrails oder Kondensstreifen sind. "Die jungen Wissenschaftler kriegen eingehämmert, dass es Kondensstreifen sind." Oder aber sie würden lügen und sind Teil der Verschwörung.

Warum lässt er nicht selbst einen Wetterballon steigen?

Wer Storr nicht nur grundsätzlich und naturwissenschaftlich widerlegen will, kann auch jedes Indiz auf der Website von "Sauberer Himmel" widerlegen. Zum Beispiel die Entwicklung der Flugzahlen. Menschen, die Chemtrails für Quatsch halten, bestreiten nicht, dass am Himmel mehr Streifen zu sehen sind. Die Ursache dafür aber sei die Zunahme an Flügen. Storr glaubt, das mit Zahlen widerlegen zu können. Dafür vergleicht er die Zahl der Starts und Landungen von 2000 und 2010. Das ergibt tatsächlich nur eine Steigerung von 13,2 Prozent. Wer aber stattdessen das Jahr 1994 als Referenzgröße nimmt, der kommt auf eine Steigerung von knapp 50 Prozent. Davon aber hält Storr nicht viel. Nach seinen Beobachtungen habe sich der Himmel erst ab der Jahrtausendwende verändert. Es gebe Menschen, die man nicht an der Nase herumführen könne.

Auch für den, der von ihm verlangt, doch einfach mal einen Wetterballon steigen zu lassen und Messungen in den Kondensstreifen zu machen, hat er eine Antwort. Die Nanopartikel seien viel zu klein, um nachweisbar zu sein. Dann könne er doch wenigstens messen, ob die Luftfeuchtigkeit dort viel zu niedrig sei für einen gewöhnlichen Kondensstreifen. Das solle er von seinem eigenen Geld machen? Jeden Tag? Nein, stattdessen sollte die Gegenseite mal beweisen, dass es keine Chemtrails seien. Als Anwalt ist es Storr gewohnt, alles im Sinne seines Mandanten auszulegen. Nur dass er jetzt sein eigener Mandant ist.

Dominik Storrs Geschichte ist eine Geschichte der Entfremdung von Politik und Gesellschaft. Einen Einblick erhält jeder, der am 22. September 2009 die Talkshow von Sandra Maischberger einschaltet. Storr sitzt dort wenige Tage vor der Bundestagswahl mit seinen langen Haaren neben Ingo Appelt. Storr ist als Nichtwähler geladen, bezeichnet sich als "Urgrüner" und sagt Sätze wie "Politik wird heute nicht von Politikern gemacht, sondern von mächtigen Interessengruppen". Wegen einer Tonpanne muss er ein Mikrofon in die Hand nehmen, in den Youtube-Kommentaren glauben einige, dass das kein Zufall gewesen ist. Er erhält dort viel Zustimmung. Doch es ist nur ein Zwischenstand seiner politischen Entwicklung.

Wann diese genau beginnt, ist schwer zu sagen. Storr kommt 1971 zur Welt und wächst in einem Vorort von Würzburg auf. Der Vater ist Richter, die Mutter Kunstlehrerin. Als Kind hat er zwei Hobbys: Sport und Natur. Er wohnt im letzten Haus des Ortes. Storr muss nur über den Zaun, dann ist er im Grünen. Er liebt die Streuobstwiesen, Felder, Steinbrüche, er studiert Eidechsen, Schnecken, Frösche und Schmetterlinge. Am meisten faszinieren ihn Seen und Teiche. Mit großem Schrecken sieht er, was die Flurbereinigung anrichtet. Natur verschwindet, Ackerfläche entsteht. Für ihn ist das staatliche Naturzerstörung. Ein früher Bruch, dem noch viele kleine folgen werden, aber nie ein einziger großer. Wenn sie in den Urlaub in die Bretagne fahren, stellt er jedes Mal fest, dass es ihm im Ausland besser gefällt als in Deutschland.

Gegen die Schule sträubt er sich nach eigener Darstellung von Anfang an. Es ist für ihn ein "Masseneinheitssystem", stolz sagt er noch heute: "Die Lehrer haben es nicht geschafft, mich zu beugen." Er ist in einem ehemaligen Mädchengymnasium einer der wenigen Jungen in der Klasse. Erst Richtung Abitur fängt er an zu lernen, seine Lieblingsfächer sind Sport und Kunst. Ein Außenseiter sei er nicht gewesen, sagt er, aber er habe schon damals das Bedürfnis gehabt, sich immer wieder vom Mainstream zurückzuziehen. "Ich habe mich nicht so in die Erwachsenenstrukturen einordnen können."

Nach dem Abitur studiert er Jura in Würzburg. Er ist so selten wie möglich an der Uni, um in Ruhe lernen zu können. Auf sein Examen bereitet er sich in der Bretagne vor, alleine, monatelang, ohne Telefon und Fernseher. Er habe dort begriffen, was für einen starken Geist der Mensch habe und auf einem ganz anderen Niveau gelernt. Nach seiner Rückkehr denkt er: Was ist denn hier los? Der Stress. Die Lautstärke. Er beschließt, nach dem Examen auszuwandern. In Kapstadt hat er während eines Urlaubs Kontakte zu einer deutschen Familie geknüpft Als Jurist arbeiten will er nicht. Er glaubt, dass das Leben mehr zu bieten hat als eine Behörde. Doch das Projekt Südafrika scheitert nach knapp einem Jahr. Er kehrt zurück nach Deutschland, in jenes Land, in dem er sich nie richtig wohlfühlt.

Am Ende wird er doch Anwalt

Storr bewirbt sich bei einer Wirtschaftskanzlei in Düsseldorf, doch schon im Fahrstuhl auf dem Weg zum Gespräch bekommt er Magenschmerzen, als er all diese "Fließbandanwälte" sieht. Er landet in einem Kölner Internetunternehmen. Man erinnert sich dort kaum an ihn. Wegen einer Frau zieht er 2001 zurück nach Würzburg und eröffnet mit ihr einen Klamottenladen, eine Mischung aus 70er Jahre und Second Hand. Auch dieses Projekt scheitert bald. Es lag an der Einführung des Euro, sagt Storr.

Also wird er doch, was er nie werden wollte: Jurist. Als Anwalt in einer kleinen Wirtschaftskanzlei lernt er, die Gegenseite unter Druck zu setzen, doch hat er den Eindruck, dass es nur darum geht, Rechnungen zu stellen. Seinen Chef habe es gar nicht interessiert, ob er gewonnen habe. Mitte der Nuller Jahre macht er sich selbständig, eröffnet eine eigene Kanzlei und sichert sich die Webseite buergeranwalt.com. Dort schreibt er: "Mein Interesse gilt den unzähligen Davids dieser Welt. Dort, wo das Unrecht am lautesten schreit, setze ich mich am liebsten ein." Er sorgt dafür, dass Menschen ihre Waschmaschine mit Regenwasser betreiben dürfen. Dass es Eigentümern von Jagdgrundstücken möglich wird, die Jagd auf ihrem Grundstück zu verhindern.

Das Ereignis, das ihn zu einem politischen Menschen macht, so sagt er, ist der 11. September 2001. Storr findet die offizielle Version von Anfang an unglaubwürdig. Es gibt viele, die so denken wie er. Die Verschwörungstheorien zu 9/11 gehören zu den ersten, die sich im Zeitalter des Internets entwickeln. Dort recherchiert auch Dominik Storr. Er glaubt schon allein deshalb nicht an einen Anschlag von Islamisten, weil dieser viel zu gut in die Pläne der USA passt. "Ohne den 11. September hätte man nicht in Arabien einfallen können."

Von den Grünen ist er enttäuscht

Zur selben Zeit verliert er den Glauben an die Parteien. Er ist enttäuscht, dass die Grünen 1999 für den Nato-Einsatz im Kosovo stimmen. Dass niemand die Kriege in Afghanistan und Irak verhindern kann. Das ist zu viel für einen, der sich selbst als Pazifist bezeichnet. Politik erscheint ihm als Schauspiel. Trotzdem tritt er um 2005 einer jungen Partei bei. Sie trägt den Namen "Perspektive". Für die Webseite schreibt Storr einen Artikel. "Die Natur wird von einem Teil der herrschenden Eliten immer noch als Maschine betrachtet", schreibt er.

Die Eliten werden zu seinem Feindbild, das er immer weiter ausbaut. Mit Hans-Wolff Graf, dem Vorsitzenden von "Perspektive", entwickelt er ein alternatives Demokratie-Prinzip (hier ansehen), das auf Regionalisierung beruht und in dem Parteien keine besondere Rolle spielen. Um zu zeigen, warum das aktuelle System nicht mehr funktioniert, führen die beiden Autoren zahlreiche Artikel des Grundgesetzes an und erklären, warum diese keine Gültigkeit mehr hätten. Es ist ein schwarz-weißes Bild, das sie zeichnen. Für sie ist das System einfach durch. Doch Storr ist dort nur ein paar Jahre, dann fehlt ihm die Zeit. Graf beschreibt Storr als aufrechten, grundehrlichen und sympathischen Menschen. "Wenn er von etwas überzeugt ist, bleibt er sehr vehement dabei." Graf selbst bezeichnet Deutschland bis heute als "Demokratur", postet auf Facebook Videos, die die Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bestreiten, und nennt Merkel eine Psychopathin. Doch Storr wird Ideen entwickeln, die darüber noch hinausgehen. Er entwickelt eine Sicht auf die Welt, die nur wenige nachvollziehen können.

Es ist nicht so, dass Verschwörungstheoretiker keine Beweise anführen für ihre Sicht der Dinge. Was ihre Thesen unterstützt, nehmen die Verschwörungstheoretiker auf, was sie widerlegt, ignorieren sie. "Verschwörungstheoretiker lehnen Gegenbeweise ab, oft deshalb, weil sie denken, dass es Teil der Verschwörung ist", sagt Quassim Cassam, Philosophie-Professor an der englischen University of Warwick. So lässt sich ein Weltbild, in dem es nur schwarz und weiß gibt, auch dann über lange Zeit aufrecht erhalten, wenn fast alles dagegen spricht. Die Lagerbildung in den sozialen Netzwerken trägt ohnehin dazu bei, dass Menschen vorrangig mit Menschen gleicher Gesinnung in Kontakt kommen. Es ist deshalb schwer bis unmöglich, einen Verschwörungstheoretiker dazu zu bringen, sein Weltbild zumindest in Frage zu stellen. Es ist sowieso schon schwer, die Nicht-Existenz von etwas zu beweisen, zum Beispiel Chemtrails.

Verschwörungstheorie — einfache Erklärung für komplexe Vorgänge