Stolperstein gewordene Erinnerung

Stolperstein gewordene Erinnerung

230 "Stolpersteine" erinnern überall in der Stadt an die Opfer des Nazi-Terrors. Düsseldorfer übernahmen die Patenschaft und haben die Steine bezahlt. Über 3000 Juden aus Düsseldorf wurden in die Konzentrationslager deportiert.

Wer mal einen bewusst wahrgenommen hat, sieht sie überall: 230 "Stolpersteine" erinnern in Düsseldorf an Menschen, die Opfer des Nazi-Terrors wurden. Nur zehn Zentimeter groß sind diese Betonwürfel, aber ihre glänzende Messingoberfläche mit den eingravierten Namen leuchtet aus dem Asphalt der Bürgersteige, zieht die Blicke an, fordert zum Innehalten. Halt! Hier hat einer gelebt, der abgeholt, deportiert, ermordet wurde. "Steine des Anstoßes" im besten Sinne, zusammen bilden sie ein Mosaik, verteilt auf die Stadt: Stein gewordene Erinnerung.

Es muss ein schöner Sommertag gewesen sein, als Mitte der 1920er Jahre ein Foto von der Familie Glücksmann entstand, ein Dutzend heitere Menschen in einem eleganten Cabrio. Ein zweites Bild zeigt die Familie 1935 in ihrem Garten, die Blicke sind skeptisch, die Mienen deutlich ernster – zwei Jahre zuvor hatten die Nazis die Macht übernommen. Professor Robert Glücksmann, Dozent an der Hochschule für Hotel- und Verkehrswesen, durfte als "Nichtarier" nicht mehr publizieren, in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war das Wohnhaus der Familie in Grafenberg von braunen Horden gestürmt und die Einrichtung zertrümmert worden. Vier Jahre später wurden Glücksmann, seine Frau und deren Mutter nach Theresienstadt deportiert – von ihnen hat keiner überlebt.

Ihren drei Kindern aber war noch rechtzeitig die Flucht geglückt, Gitta, die Jüngste, war mit einem Kindertransport nach England entkommen, ein schönes Mädchen, das gern Akkordeon spielte. Ihre Eltern glaubten sie in Sicherheit, aber Gitta wurde am 19. Juni 1944 bei einem deutschen Luftangriff auf London getötet. So liegen heute vor dem Haus Geibelstraße 39 vier Stolpersteine - Gitta Glücksmann ist das einzige Opfer, auf deren Messingplatte steht: Tod durch eine Bombe.

Im April 2003 beschloss der Düsseldorfer Kulturausschuss einstimmig, das Projekt "Stolpersteine" zu genehmigen. Das Konzept dieser "Geste der Erinnerung" hatte der Kölner Künstler Gunter Demnig entwickelt. Sein Ziel: den verfolgten und ermordeten Menschen wieder Namen zu geben, ihre Geschichten an dem Ort zu verankern, an dem sie gelebt oder gearbeitet hatten. Eine "soziale Skulptur" wollte er schaffen. So wurde er zum Partner der Mahn- und Gedenkstätte, deren stellvertretende Leiterin Hildegard Jakobs seit Jahren biografische Skizzen der Opfer anlegt, Kontakt hält zu Überlebenden und ihren Kindern, unzählige Fotos und Briefe archiviert. Sie begleitete das Projekt mit ihrer wissenschaftlichen Kompetenz.

  • Pogromnacht : Erinnerung an die Opfer des Nazi-Terrors

Aber eigentlich wurden die "Stolpersteine" zu einer Herzenssache der Düsseldorfer, sie machten sich auf die Spurensuche nach Opfern und übernahmen die Kosten der Steine (mittlerweile 120 Euro). So spendeten die Mitarbeiter des Oberlandesgerichts einen Stein am früheren Arbeitsplatz des ermordeten Rechtsanwaltes Leo Wolf Lichtigfeld.

Über 3000 Juden aus Düsseldorf wurden in die Konzentrationslager deportiert, aber auch Homosexuelle, Deserteure, psychisch Kranke, Sinti und Roma, Kommunisten. Wie Siegfried Stein, der an der Friedenstraße 18 in Unterbilk wohnte. Die einzigen Fotos, die von ihm existieren, stammen aus seiner Gestapoakte. Sie dokumentieren seinen erschütternden Verfall in kurzer Zeit. Man warf ihm vor, Flugblätter vervielfältigt zu haben. Nach einer Zuchthausstrafe wurde er ins KZ Mauthausen deportiert - und "auf der Flucht" erschossen.

Alle Stolpersteine sind im Katasteramt der Stadt registriert - und sollte ein Stein durch eine Baustelle gefährdet sein, wird er vom Amt gesichert und später wieder verlegt. Auch heute wird diese Art der Erinnerung gelegentlich noch praktiziert. So übernehmen Kinder der Jüdischen Gemeinde Anfang nächsten Jahres die Patenschaft über sechs Steine, die an das Schicksal sechs ermordeter Kinder erinnern werden. Hildegard Jakobs nennt das: "Kleine Gesten, die viel aussagen."

(RP)
Mehr von RP ONLINE