Neuss: Die Vermessung des Nagers

Neuss: Die Vermessung des Nagers

Die Neusser Firma TPW Rowo Material Testing ist darauf spezialisiert, Details im Mikromillimeter-Bereich sichtbar zu machen. Jetzt stieß sie mit dieser Technik die Tür zur Medizin auf und hofft auf ein neues Geschäftsfeld.

Ihr Geld verdient die Firma TPW Rowo Material Testing vor allem mit der Überprüfung von Kesselröhren, die zum Beispiel in Kraftwerken verbaut werden. Solche Röhren stapeln sich in allen vorstellbaren Längen und Wanddicken in den Hallen des Unternehmens an der Xantener Straße und vermitteln fast das Gefühl, in einem Stahlhandel zu sein. Aber TPW Rowo ist — auch wenn die mächtigen Prüfstücke darüber hinwegtäuschen könnten — ein Fachmann für winzigste Details, die mit Hightech-Verfahren sichtbar gemacht werden. Zum Beispiel feinste Strukturen in Kaninchen- oder Meerschweinchenschädelknochen.

Seit Oktober 2008 steht bei TPW Rowo Material Testing der größte frei zugängliche Computertomograph. Dieser ermöglicht bei der Überprüfung aller erdenklichen Werkstoffe den detailgenauen Blick ins Innere — ohne das Bauteil zu zerstören. Diese Fähigkeit wird üblicherweise genutzt, um zum Beispiel Materialfehler aufzuspüren. Das hilft Unfälle zu verhindern, oder sie im schlimmsten Fall nachträglich zu erklären. Kunden aus der Automobilindustrie nutzen dies schon lange. Oder Gutachterbüros, die bei der Unfall-Ursachenforschung nicht weiter kommen. Mit der Vermessung von Nagetierschädeln wurde nun die Tür zur Medizin aufgestoßen. Und Peter Mikitisin, Leiter der Computertomographie-Abteilung, hofft, dass sich daraus ein neues Geschäftsfeld für seine Firma entwickelt.

Ein Tierarzt aus Meschede, spezialisiert auf Tierzahnheilkunde, gab den Anstoß zu dem Projekt. Er suchte nach Anschauungsmaterial, um Haltern von Kleintieren aber auch Studenten vor Augen führen zu können, was passiert, wenn "Hasi" und "Strubbel" nicht artgerecht ernährt werden. Denn weil deren Zähne ein Leben lang wachsen, müssen sie sich abnutzen können. Sonst — und solche Fälle sind nicht selten — werden sie überlang, und das Tier wird am Ende am Fressen gehindert. Schlimmer noch: Geht es unten nicht mehr weiter, wachsen die Zähne fatalerweise auch in die andere Richtung, im schlimmsten Fall bis in die Augenhöhlen hinein. Nur, wie demonstriert man das?

Ein Modell- und Formenbauer, der Schädelknochen mit krankhaft verlängerten Zähnen herstellen kann, war bald gefunden. Doch um den Schädel realitätsgenau nachmodellieren zu können, musste er detailliert vermessen werden. Keine leichte Aufgabe in einem derart verwinkelten Objekt. Auf einer Veranstaltung eines Gesundheitsnetzwerkes kam der Modellbauer mit Peter Mikitisin in Kontakt. Der war gekommen, um Möglichkeiten vorzustellen, wie zum Beispiel Implantate technisch verbessert werden können. Und er fuhr zurück nach Neuss mit dem Vorsatz: "Wir versuchen es." Die Datenfülle, die der Computer bei der Vermessung sammelte, wurde in einer Rapid-Prototyping-Anlage dreidimensional in Kunststoff ausgedruckt. Die Replik ist nun vom Originalschädel nur am Material zu unterscheiden.

(NGZ)