Krefeld: Wie aus einer alten Schule schöner Wohnraum wird

Krefeld: Wie aus einer alten Schule schöner Wohnraum wird

Es ist ein fabelhaftes Beispiel, wie aus einem alten Schulgebäude ein schönes Wohnhaus wird: die denkmal-geschützte Konrad-Görtz-Schule an der Inrather Straße. Die Geschichte des Baus reicht bis ins Jahr 1846 zurück. Nun ist es stilvoller, moderner, barrierefreier Wohnraum.

In die Konrad-Görtz-Schule zieht wieder Leben. Doch statt gelernt wird nun gewohnt, und das laut privatem Anbieter "in gehobener Ausstattung". Von der Verwaltung 2007 als "Sorgenkind" unter den sanierungsbedürftigen Schulen eingestuft, hatte die Stadt 2009 den Förderschulbetrieb an der Inrather Straße eingestellt und den denkmalgeschützten Komplex, nach Jahren des Leerstands, 2015 für 590.000 Euro an einen privaten Investor verkauft. Mit Blick auf den heutigen Zustand des Gebäude-Ensembles ein Glücksfall. "Drei Millionen Euro und viel Herzblut" hat der neue Besitzer nach eigenen Worten in den traditionsreichen Gebäudekomplex investiert. Aus den ehemaligen Klassenzimmern sind mehrheitlich Ein- und Zweiraum-Wohnungen entstanden; je nach Geschosshöhe ergänzt durch Erker oder Balkone. Vierzehn Wohneinheiten plus Lehrerhaus werden derzeit bezogen. Nur wenige Wochen auf einem Immobilienportal inseriert, ist das "Wohnen in denkmalgeschützter Schule mit Loftcharakter" auf breites Interesse gestoßen. Ohne Altersbeschränkung trifft es offenbar den Geschmack all jener, für die Wohnen und der Wunsch nach Individualität zusammengehören.

Es geht um Flair und Atmosphäre. Es geht um das Wohnen in historischem Gemäuer mit 3,60 Meter hohen Decken bei gleichzeitigem Wohnkomfort eines Neubaus. Pro Quadratmeter beträgt die Kaltmiete acht Euro; geboten werden Barrierefreiheit, sehr gute Sanitärausstattung, neue, denkmalgerechte Kassettenfenster und auf Wunsch ein Stellplatz für Auto oder Fahrrad. Städtisches Wohnen von seiner schönsten Seite, den Bedürfnissen der Bewohner angepasst.

Ursprünglich ein Außengeländer, wurde dieses schöne schmiedeeiserne Stück ins Innere verlegt und zum Akzent. Foto: Lammertz Thomas

Das gilt sowohl für die jungen Mieter, die vor dem Bezug der ersten Wohnung noch den Vater zum Besichtigungstermin mitbringen, als auch für die ältere Dame aus dem Bismarck-Viertel, die in Krefelds gehobener Wohnlage zunehmend um den Verlust der Einkaufsmöglichkeiten fürchtete und ihre "Erledigungen für den täglichen Bedarf" zukünftig fußläufig an der "Geschäftsmeile" Hülser Straße tätigen will.

Doch nicht nur die Mieter, auch der Erwerber hat den Standort Inrath für sich zunächst intensiv analysiert. Lohnt eine Investition? Entwickelt sich die Lage Richtung 2A oder eher 2B? Aus der Tatsache, dass der Denkmalstatus die aus den Jahren 1846 und 1905 stammenden Gebäude für ihn als Investor steuerlich interessant gemacht hat, macht der neue Besitzer keinen Hehl. "So etwas muss durchgerechnet sein. Insbesondere dann, wenn nicht billig saniert werden soll, um das schnelle Geld zu generieren". Die Liebe zum Detail habe jedoch oft dazu geführt, dass "die teurere Variante zum Zuge gekommen" sei. So habe man einige alte Fenster des Gebäudes restauriert, statt sie durch neue zu ersetzen, was wesentlich günstiger gewesen wäre. Das gleiche gelte für den Erhalt und die Aufarbeitung der von vielen Schülergenerationen genutzten hölzernen Handläufe in den Treppenhäusern. Als schmückende Besonderheit habe man überflüssig gewordene Teile des schmiedeeisernen Zaunes in die Brüstung der Flur-Treppe eingefügt. "Ich hab mir gedacht, es soll richtig schön werden", erinnert sich der Bauherr. Dafür bedurfte es nach seinen Schilderungen einiger Fantasie. Die erste Besichtigung der Schule im Jahr 2014 habe, mit leichter Abwandlung, etwas vom Besuch bei Dornröschen gehabt. Überall Spuren von Leben, das urplötzlich aufgegeben worden war. Im Lehrerzimmer des alten Schulhauses auf dem Tisch noch die Reste des letzten Frühstücks und an den Tafeln in den Klassenräumen der Stoff von längst vergangenen Unterrichtsstunden. Zwischen Besichtigung und Kauf sei "in unzähligen Gesprächen" zu klären gewesen, wie der Anspruch an modernes Wohnen mit den Auflagen des Denkmalschutzes miteinander zu vereinbaren waren. Es habe Hürden gegeben. So sei zum Beispiel nicht gestattet worden, das Gebäude an seiner Rückseite zu öffnen, um zusätzliche Fenster zu schaffen. Andererseits habe es die Auflage gegeben, Lichtschächte in das Schuldach einzulassen, um für eine zusätzliche Ausleuchtung der oberen Wohnungen zu sorgen. Eine Notwendigkeit, die für das Bauamt zu Zeiten des Schulbetriebes augenscheinlich nicht bestanden habe. "Ich habe von der Stadt ein desolates Gebäude übernommen, das die Verwaltung bereits 2007 als totalsanierungsbedürftig eingestuft hat", die Erfahrung zeige, "in dem Moment, wo der private Erwerber für das Objekt verantwortlich ist, steigt im Bauamt der Anspruch auf Qualität und Notwendigkeiten um ein Vielfaches". Krefelds Ruf, ein schwieriges Terrain für Investoren zu sein, müsse er, in Abstimmung mit seinem ortsansässigen, auch überregional arbeitenden Bauunternehmer leider bestätigen.

Reizvoller Kontrast: Die historische Fassade mit vorgeschalteten Glas-Erkern. Foto: Lammertz Thomas
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Die Umsetzbarkeit aller Maßnahmen sei im Vorfeld des Erwerbs geklärt worden, dennoch habe die Genehmigung der Baupläne ein ganzes Jahr gedauert. Dass letztlich die Umsetzung aller Arbeiten zügig vonstatten gegangen sei, sei der guten Abstimmung zwischen den Gewerken der zumeist Krefelder Handwerksbetriebe zu verdanken.

Für einen unvorhergesehenen Baustopp und zusätzliche Kosten hatte die Entdeckung von Fledermauskot im Turm der Schule gesorgt. Ein Experte musste hinzugezogen werden, der Kot gesammelt, fachlich begutachtet und in einem Bonner Institut auf Beschaffenheit und Alter untersucht werden. Dann die Entwarnung: alles nur Spuren der Vergangenheit - auch die Fledermäuse waren irgendwann einfach ausgezogen.

So sieht ein Klassenzimmer aus, wenn es leer ist und zum Wohnraum umgestaltet: hell, großzügig, stilvoll. Foto: Lammertz Thomas

Aktuell werden die letzten Arbeiten auf dem Schulhof abgeschlossen. Nicht einfach begrünt, sondern durch einen Krefelder Landschaftsarchitekten "aufwendig gestaltet", war das 2600 Quadratmeter große Schulgelände von Anfang an in die Pläne des Sanierungskonzeptes mit einbezogen worden. Der alte Baumbestand blieb erhalten und ist "nach Jahren erstmalig" wieder fachgerecht beschnitten worden.

Das Treppenhaus: hell, großzügig und still. Foto: Lammertz Thomas

Der Investor zeigt sich mit seinem Projekt zufrieden. "Der Charakter des Gebäudes wurde erhalten und ist selbst für einen Ortsfremden als alte Schule erkennbar." Ihm habe die Wiederherrichtung viel Freude gemacht. Jenseits der Schulmauer teilt ein Spaziergänger die Freude. Der alte Herr hat die Baustellenbesichtigung in sein tägliches Bewegungsprogramm aufgenommen und urteilt "die Inrather Straße ist schöner geworden. Die Schule ist ein echtes Stadtteil-Juwel."

Was einmal Schulhof war, wird zum Garten- und Aufenthaltsraum für die Bewohner; die Backsteinwände sind mit behutsamen Eingriffen aufbereitet. Foto: Lammertz Thomas
(RP)