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Theaterscouts: Jubel für die einsame Schildkröte

Theaterscouts : Jubel für die einsame Schildkröte

Als Repräsentanten des Publikums haben die Theaterscouts der Rheinoper und der RP die dreiteilige Ballettpremiere "b.24" am Freitagabend im Duisburger Stadttheater besucht. Besonders vom Stück "Lonesome George" waren alle begeistert.

Drei Uraufführungen von drei international bekannten Choreographen bot der jüngste Ballettabend "b.24" der Deutschen Oper am Rhein in ihrem Duisburger Haus. Im gut besuchten Stadttheater saßen wieder die von der Rheinoper und der Rheinischen Post eingeladenen Theaterscouts, deren Meinung als Repräsentanten des Publikums gefragt ist.

Einhellig gut aufgenommen wurde besonders das zweite Stück des Abends, Marco Goeckes "Lonesome George". Mit dem einsamen Georg spielt der 1972 in Wuppertal geborene Choreograph auf jene Riesenschildkröte auf den Galapagos an, die im Alter von mehr als 100 Jahren 2012 als vermeintlich letzte ihrer Art gestorben ist. (Mittlerweile wurden doch noch einige verwandte Exemplare entdeckt, was Goecke nach eigenem Bekunden sehr freut.) Natürlich ist allen Scouts klar, dass die Schildkröte eine Allegorie der Einsamkeit und der vergeblichen Suche nach Kontakt ist. Fasziniert waren alle Scouts von der einzigartigen Bewegungssprache, die Goecke entwickelt hat. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen ihre Arme und Hände in rasend-schnellen Flimmerbewegungen. In Zusammenhang mit der Lichtregie erscheinen die drehenden Arme wie geschlossene Kreise. "So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen", sagte beispielsweise Christoph Grätz, im Hauptberuf Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Caritas. Die Bewegung habe mechanisch und vital zugleich gewirkt. Die Wirkung sei höchst endrucksvoll, der Ausdruck von Einsamkeit sei spürbar gewesen. Obwohl, so Grätz scherzend, Schildkröten eher langsame Wesen seien. Auch der Architekt Martin Breil fand, dass bei "Lonesome George" alles gepasst habe. Ihm gefiel, wie den meisten anderen Scouts auch, ebenfalls das erste Stück "Illusion" von Young Soon Hue. Allerdings hatte Breil Einwände gegen das Bühnenbild, das er als zu eng empfand. Dr. Kathrin Pilger vom Landesarchiv in Duisburg war hingegen von "Illusion" vollkommen begeistert. Das ganze Stück sei überaus ästhetisch aufgebaut; der Wechsel der Perspektiven der im Mittelpunkt stehenden Frau sei eindrucksvoll gewesen: mal Erinnerungen an glückliche Beziehungen, mal die melancholische Jetzt-Situation. Nicht zuletzt fand sie die Auflösung der Geschlechterrollen durch entsprechende Kostüme und Bewegungsmuster höchst interessant.

Das dritte Stück des Abends, "Voices Borrowed" (entliehene Stimmen), wurden von den meisten Scouts als leicht-gestimmter Abschluss des Ballettabends aufgefasst. Die Lehrerin Jessica Gerhold fand, dass die Arbeit der Choreographin Amanda Miller, die das Ensemble in knall-bunten Kostümen (Männer) und Tutu-Röcken (Frauen) in verspielt-märchenhafter Anmutung klassisch tanzen lässt, den Abend aufgelockert habe. Andere empfanden "Voices Borrowed" als nett, aber eher belanglos. Alle lobten die tänzerische Leistung.

Die Ärztin Birgit Idelberger meinte am Schluss, dass man Skeptikern klar machen müsse, wie erlebenswert modernes Ballett sein kann. (Feuilleton)

(RP)