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Düsseldorf: Performance in der Kirche: Der Mensch wird "Dataist"

Düsseldorf : Performance in der Kirche: Der Mensch wird "Dataist"

"Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel", ertönt es von einem mit Planen überzogenen Gerüst. Sechs dieser Gerüste stehen mitten in der Christuskirche. Die Atmosphäre ist viel düsterer als bei einem gewöhnlichen Kirchenbesuch. Statt Bänken stehen Sofas im Raum. Irgendwann kommen unter den Gerüsten zwei Frauen und zwei Männer hervor, nur mit Unterwäsche bekleidet. Sie wirken bedrohlich und rufen in ihre Mikrofone, dass sie die Erde bis an ihre Grenzen erweitern wollen.

In der Christuskirche in Oberbilk feierte nun die futuristische Tanztheater-Performance "Vom Vermessen/Mögliche Un.Möglichkeiten oder Die Erweiterung des Realistischen durch das Phantastische" Premiere. Es ist die dritte Arbeit zum Inszenierungszyklus "Erkundungen und Einmischungen" des Theater-Ensembles Tatraum Projekte Schmidt. Der Zyklus möchte die sozialevolutionäre Veränderung der Gesellschaft thematisieren, und unter der Regie von Michael Schmidt wollen die Darsteller in den Gemäuern der Kirche ergründen, wie der Mensch sich selbst und seine Mitmenschen erforscht. Eine der Darstellerinnen erzählt, dass der menschliche Geist heute Forschungsobjekt sei und von den Wissenschaftlern als "alte Tempelanlage" betrachtet werde. Da der Geist sich ständig verändere und man immer wieder neue Dinge lerne, sei er aber viel mehr eine Art Tunnelsystem, in dem noch lange nicht alles erforscht sei. Die Performance stellt die Naturwissenschaft dem Humanistischen gegenüber und fragt dabei: Was bedeutet Sein?

Es wird die These aufgestellt, dass sich der Mensch im digitalen Zeitalter zu seinem eigenen Projekt entwickelt, indem er sich ständig selbstoptimieren möchte. Die Darsteller ziehen sich schwarze Anzüge an, und die Projektion eines heute so beliebten Schritt- und Kalorienzählers wird an die Kirchenwand geworfen. Der Mensch sei heute ein "Dataist", heißt es. Aber: Glück ließe sich nicht berechnen.

Segmente aus Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman "Solaris" werden eingewoben, Videoinstallationen begleiten die Performance. Die Zuschauer, die auf den Sofas, den Treppen vorm Altar oder auf dem Boden Platz genommen haben, werden involviert, bekommen Scheinwerfer in die Hand gedrückt, manche werden durch die Kirche geschoben. Zuletzt ziehen die Performer ihre Anzüge wieder aus, sie legen sich auf den kalten Boden, das Licht geht aus. Das Publikum verlässt die Kirche nachdenklich. Vielleicht wurden sie Zeuge einer ganz besonderen Art von Predigt.

Info Die Performance ist in der Christuskirche, Kruppstraße 11, noch heute und morgen, jeweils ab 20 Uhr, zu sehen. Eintritt: 15 Euro, erm. 8 Euro.

(RP)