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Honest Trailers auf Youtube: Die Rächer des Kinopublikums

"Honest Trailers" : Die Rächer des Kinopublikums

Fast 900 Millionen Youtube-Klicks haben sich Filmliebhaber mit ihrem Satire-Format "Honest Trailers" verdient – mit Ahnung, Akribie und einem atemberaubenden Sprecher.

Trollen, Haten, Bashen – das Netz ist voll von billigen, destruktiven Formen der Kritik. Immer nach dem Motto "Wer am Lautesten schreit, gewinnt". Inhaltlich, differenziert, konstruktiv setzen sich die wenigsten mit ihren Themen auseinander, denn damit lässt sich in der Aufmerksamkeitsökonomie eben kein Blumentopf gewinnen.

Wenn Kritiker allerdings wirklich etwas bewirken wollen, wenn ihre Kritik kein Selbstzweck ist, sondern ein Ansporn zur Verbesserung von etwas, das ihnen am Herzen liegt, wenn sie keine Besserwisser sind, sondern sie Relevantes tatsächlich besser wissen – dann können sie eine Ausnahme zu dieser Regel in die Welt setzen.

Eine wie "Honest Trailers".

Antiwerbung mit Aplomb

Die ersten Interviews der jungen Nerds mit Filmstars, ihre Zusammenschnitte von Letzten Worten, Trunkenheitsszenen und "heißen in Horrorfilmen getöteten Mädels" hatten ordentlichen Erfolg gehabt, ein paar zehntausend Klicks hier, ein paar hunderttausend da. Im Februar 2012 aber stießen sie zufällig auf eine Marktlücke: Originalbilder aus aktuellen, populären Kinofilmen – kommentiert mit beißendem Sarkasmus. Vom vierten "Star Wars"-Film und dem 3D-Humbug waren sie so enttäuischt, dass sie die Chance bejubelten, "die größte Enttäuschung der Filmgeschichte jetzt auch in 3D zu erleben".

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Statt der üblichen geraunten Superlative gab ein typisch überdrehter Sprecher Antiwerbung mit Aplomb von sich: "Sehen Sie eineinhalb Stunden lang Menschen in Halbkreisen stehen! Ratssitzungen! Andere Ratssitzungen! Und sonstiges Herumsitzen! Alles, um fünf Minuten cooles Zeug zu sehen!"

Das kam so gut an, dass die "ehrliche Filmvorschau" in Serie ging. "Honest Trailers" ist nur ein Format der Filmliebhaber vom Youtube-Kanal "Screen Junkies" (850 Millionen Klicks). Aber jenes, das die ersten 40 Plätze auf der Liste ihrer beliebtesten Werke belegt.

In inzwischen mehr als einhundert Filmchen geben sich die Macher nicht mit leichter Beute zufrieden, mit abstrusen Logiklücken in Superhelden-Filmen etwa oder schamlos ganz und gar nicht im Sinne des Erfinders aufgeblasener Literatur ("Der Hobbit"). Regelmäßig werden Selbst- und Fremdplagiate der Regisseure entlarvt. Das dauert teils mehr als eine Woche – und diese Arbeit lohnt sich.

Die "Honest Trailers" machen schlichtweg Spaß – egal, ob man die aufs Korn genommenen Originale kennt oder nicht, ob man sie liebt, hasst oder ihnen gleichgültig gegenübersteht. Oft bersten sie vor Insiderwitzen, aber in jedem Blockbuster erkennen die Profis auch offensichtliche Nachlässigkeiten, Frech- und Faulheiten, Klischees und überreizte Stilmittel, die einem als Zuschauer trotzdem durchgerutscht wären. Die zu identifizieren ist die eine Hälfte der "Screen Junkies"-Kunst; die andere ist die Präsentation so fern von jedem Besserwisser-Ton.

Fallhöhe durch den sonoren, epischen Bass des Sprechers

Apropos Ton: der Durchbruch der "Honest Trailers" kam mit Jon Bailey, einem ehemaligen Gabelstaplerfahrer und Burgerbrater, den vor sechs Jahren seine Frau dazu ermutigte, seine Leidenschaft für Stimmenimitation als "Voice Actor" zum Beruf zu machen. Erst der sonore, epische Bass dieses mittlerweile dritten Sprechers in der "Honest Trailers"-Geschichte sorgt für die nötige Fallhöhe in den Gesamtkunstwerken. Und macht selbst Fast-Food-Bestellungen zum Erlebnis.

Als Moral der überaus populären Kinderfilm-Eiskönigin ("Frozen") nennt er genüsslich: "Mädchen brauchen keinen Prinzen, der sie rettet … weil alle Männer ekelhafte Einzelgänger sind. Oder gierige Mörder. Oder lügende, manipulative, machthungrige Soziopathen" – darauf folgen Parodien diverser Songs des animierten Musicals:

Angenehmerweise lassen die "Screen Junkies" auch Raum für Widersprüchliches: "The Lego Movie" etwa nennen sie einen "Werbeclip in Spielfilmlänge … der tatsächlich süß ist und zu Herzen geht". Um zwei Minuten später anstelle der üblichen Vorstellung der Hauptcharaktere nonchalant die Namen und Verpackungen rund 20 Bausätze zu zeigen, die der Spielzeugkonzern eigens parallel auf den Markt geworfen hat. Als Begleitmusik eines Films, dessen Botschaft ist, dass es keiner Baupläne bedarf, sondern bloß Fantasie. Dankbare Vorlage, unwiderstehlich verwandelt.

Langsam, aber sicher beeinflusst das Wirken der "Screen Junkies" sogar die Filmindustrie: Aus Angst vor einem Verriss überprüfen Regisseure wie Joe Russo ihre Drehbücher härter als früher auf Logiklücken. Das Material dürfte den "Honest Trailers"-Machern dennoch kaum ausgehen. Jeden Dienstag wollen sie auch zukünftig einen weiteren Clip veröffentlichen.

Und sobald man alle alten durchgeklickt hat, warten die "Honest Game Trailers" über Videospiele. Dort berichten sie beispielsweise aus einem "Königreich mit einer absurd hohen Rate von Prinzessinnen-Entführungen", in dem "bittere Rivalen ihre jahrzehntelangen, blutigen Fehden vergessen, um einen Tag lang lustig gegeneinander Go-Kart zu fahren – auf Strecken, die definitiv nicht dafür gemacht sind, wie volle Autobahnen oder ausbrechende Vulkane."

Oder kurz: Der Heimat von Super Mario.

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(tojo)