About a Boy: Was ich mit Kohlensäure vorm TV-Gerät erlebte

About a Boy : Was ich mit Kohlensäure vorm TV-Gerät erlebte

Düsseldorf (RPO). Unser Kolumnist trinkt, was er nicht trinken soll. Dann sieht er im Fernsehen einen Prominenten, der eine Strecke von mehreren Hundert Metern am Stück Fahrrad fahren kann.

Es ist besser, wenn ich keine kohlensäurehaltigen Getränke zu mir nehme. Neulich nahm ich kohlensäurehaltige Getränke zu mir. In einem nicht vertretbaren Ausmaß. Die Kohlensäure stieg sehr schnell in meinen Kopf.

Danach setzte ich mich vor den Fernseher und sah mir eine Sendung an, in der Herr K. oder Herr B. vertraut mit Prominenten sprechen, die einen Film gedreht oder etwas anderes Wichtiges getan haben. Ich saß leicht versetzt vor dem Fernseher. Dadurch veränderten sich Ton und Bild. Die Kohlensäure machte es nicht besser.

So sah ich die Sendung:

Herr K. oder Herr B.: Sie haben ein Buch veröffentlicht, es heißt "Ich fahr dann mal los", und beschäftigt sich mit einem ganz besonderen Ereignis in Ihrem Leben. Worum geht es?
Promi A-Z: Es war ungefähr vor einem Jahr. Sie müssen wissen, wir wohnen in der Nähe eines Kiosks. Dorthin habe ich jeden Morgen meinen siebenjährigen Sohn geschickt, damit er mir die Zeitung geholt. Es sind ungefähr 200 Meter. Nun war ich damals für drei Wochen in einem buddhistischen Tempel in Tibet, weil ich mich selbst verloren hatte. Und als ich dort so kniete und betete, hatte ich plötzlich ein Erweckungserlebnis. Ich dachte: Du kannst nicht jeden Morgen deinen Sohn schicken, die Zeitung zu holen. Du selbst muss diese Zeitung holen.

Aber Sie wollten die Zeitung nicht irgendwie holen.
Ganz sicher nicht. Ich wollte, dass es etwas Besonderes wird. Ich habe hin- und herüberlegt. Ich surfte durchs Internet, ich ging in die Bibliothek. Dann stand fest: Ich hole die Zeitung jeden Morgen mit dem Fahrrad. Die ganzen zweihundert Meter.

Dass macht niemand einfach so nebenbei.
Sie sagen es. Und ich bin ja sportlich. Aber diese Herausforderung war auch für mich eine völlig neue Dimension. Mit dem Fahrrad. Die Zeitung. Holen. Zweihundert Meter. Jeden Morgen.

Nicht jeder hat an Sie geglaubt.
Im Gegenteil. Viele Freunde meinten, ich sei doch verrückt geworden. Einige wandten sich sogar von mir ab. Das aber hat mich noch viel stärker motiviert. Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war, als mir viele sagten, ich sei auf dem falschen.

Wie hat Ihre Familie reagiert?
Meine Familie stand von Anfang an hinter mir. Meine Frau hat gesagt, dass wir das zusammen schaffen. Das hat mir viel Kraft gegeben.

Wie sind Sie vorgegangen?
Erstmal habe ich mir alle Bücher gekauft, die es zum Thema Fahrradfahren in der Buchhandlung gab. Dadurch habe ich eine völlig neue Sicht aufs Fahrradfahren gewonnen.

Wie meinen Sie das?
Wer wirklich Fahrrad fahren will, der strampelt nicht mit den Beinen, sondern mit der Seele. Dass zu lernen, hat mir wahnsinnig viel gebracht.

Wie haben Sie trainiert?
Ich saß jeden Tag mehrere Stunden auf dem Fahrrad, an Wochenenden von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Am Anfang fuhr ich nur wenige Meter, bald schaffte ich mehr als zehn und als ich die 50-Meter-Marke überfahren hatte, wusste ich, dass ich eine realistische Chance hatte, es zu schaffen.

Trotzdem — einfach war es zu keinem Zeitpunkt. Was hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht?
Man stellt sich das immer so leicht vor. Einfach aufs Fahrrad setzen und losfahren. Das stimmt aber nicht. Man muss das Fahrrad richtig positionieren, dann muss man sich nicht mit irgendeinem Körperteil, sondern mit dem Gesäß auf den Sattel setzen, dann müssen die Schuhe ordnungsgemäß geschnürt sein, der Lenker muss exakt nach vorne zeigen und dann muss man treten. Immer abwechselnd das linke und das rechte Bein belasten. Ich sage Ihnen, das ist kein Zuckerschlecken. Das erfordert volle Konzentration.

Gab es Momenten, in denen Sie aufgeben wollten.
Oh ja, die gab es. Vor allem in der Mitte fiel ich in ein tiefes Loch. Als ich die hundert Meter schaffte. Da wurde mir klar, dass noch eine Menge Arbeit vor mir lag und erst die Hälfte geschafft war. Einmal lief mir ein Hund in die Speichen und ich stürzte so schwer, dass meine Frau mich mit einem Pflaster verarzten musste. Ein anderes Mal wollte ich mir eigentlich den Tatort im Fernsehen anschauen — entschied mich dann aber doch dafür zu trainieren.

Sie haben also Verzicht üben müssen. Das ist selten in dieser Zeit. Warum haben Sie nicht einfach aufgegeben?
Das letzte, was ich wollte, war, meinen Kritikern recht zu geben. Die, die von Anfang an nicht an mich geglaubt hatten.

Und dann kam der Tag, an dem Sie zum ersten Mal die ganze Strecke fuhren.
Ich erinnere mich noch ganz genau. Es war ein milder Herbsttag. Ein paar Wolken am Himmel. Ideale Bedingungen. Ich aß einen halben Beutel Müsli, trank einen Liter isotonische Getränke, dann setzte ich mich aufs Fahrrad.

Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Mir war klar, dass sich nun entscheidet, in welche Richtung mein Leben geht. Würde ich wirklich in der Lage sein, mit meiner Willenskraft alle Hindernisse zu überwinden oder würde ich doch nur Teil der Masse sein.

Beschreiben Sie die Fahrt.
Die ersten 75 Meter verliefen gut. Dann spürte ich plötzlich diesen Schmerz in den Waden und dann spürte ich meinen ganzen Körper. Wie einen Sack Zement. Doch ich biss auf die Zähne und erreichte nach gut einer Stunde den Kiosk. Übermütig machte ich mich auf den Rückweg, als plötzlich Regenwolken aufzogen. Dann begann es zu nieseln. Und wie.

Das klingt übermenschlich. Ich bewundere Sie.
Zurecht. Der Nieselregen war nahezu unerträglich. Ich hatte ja keine Regenjacke eingepackt. Aber ich zog es durch. In diesem Moment habe ich an meine Familie gedacht, die mich sehnsüchtig vor der Haustür erwartete. Ich konnte Sie nicht enttäuschen. Mein Sohn wäre doch in der Schule verprügelt worden. Die letzten Meter fuhr ich wie im Traum. Das war besser als Drogen.

Was war das für ein Gefühl, als Sie das Ziel erreicht hatten?
Unbeschreiblich. So wie wenn plötzlich alles in Gold erstrahlt. Wenn alles Glück der Erde in mir zusammenströmt. Und nun fahre ich die Strecke fast jeden Tag.

Wirklich unglaublich. Warum haben Sie sich entschieden, daraus ein Buch zu machen?
Ich möchte den Menschen ein Vorbild sein. Ich möchte Ihnen Hoffnung geben in diesen düsteren Zeiten. Sie sollen sehen: Alles ist möglich, wenn man nur an sich glaubt.

Kritiker werfen Ihnen ja vor, Sie seien gar nicht die ganze Strecke gefahren oder zwischendurch abgestiegen. Andere sagen, Sie hätten gedopt.
Das ist infam. Das sind Menschen, die mir meinen Erfolg neiden. Solche Menschen wird es immer geben.

Ihr Buch wird ja auch verfilmt werden.
Das ist richtig. Mit Til Schweiger oder Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Ich sage Ihnen, alle Regisseure wollten diesen Film machen. Alle. Weil es eine zeitlose Geschichte von der Willenskraft des Menschen ist, vom Kampf gegen Widerstände.

(seufz)
Was ist denn mit Ihnen los?

(seufz)
Herr K. oder Herr B.?

Verzeihen Sie, ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich habe mich in Sie verliebt. Schon als ich Ihr Buch gelesen habe. Es ist so wundervoll. An der Stelle, wie Sie beschreiben, dass Sie als Kind immer Eddie Merckx im Fernsehen angehimmelt hatten und so werden wollten wie er und plötzlich das Gefühl hatten, nun sogar mehr geschafft zu haben als er — also da hätte ich fast geweint.
Achso. Na ja, das kann ich verstehen.

Sage Sie es offen, habe ich eine Chance bei Ihnen? Ich weiß, Sie sind verheiratet.
Falls ich Ihnen eine Chance gebe — darf ich ein Buch darüber schreiben?

Natürlich. Wie soll es heißen?
"Ich bin dann mal bisexuell."

Sie sind der Größte.
Und verfilmt wird es mit Til Schweiger oder Moritz Bleibtreu. Alle werden diesen Film machen wollen. Alle.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.