CES 2017: Las Vegas hat die Automesse der Zukunft

CES : Las Vegas hat die Automesse der Zukunft

Bei der Autoshow in Detroit präsentieren die Autobauer meist Neuauflagen ihrer Klassiker. Die CES könnte der Messe in Michigan bald den Rang ablaufen.

Mitten in der Wüste Nevadas hat die Zukunft begonnen. Ein erlesener Kreis von Fachleuten durfte auf der Technikmesse CES in Las Vegas staunen oder wahlweise grübeln, als der kalifornische Technologiekonzern Faraday Future Anfang dieser Woche den "FF 91" vorstellte. Nichts anderes als eine "neue Rasse" der elektronischen Mobilität soll das Gefährt sein, das im kommenden Jahr in Serienproduktion gehen soll.

Was die Vorstellung neben der großspurigen Ankündigung so besonders macht, ist der Ort, an dem sie stattfand. Die CES gilt als bedeutendste Messe für Unterhaltungselektronik - wichtige Produkt-Präsentationen gerade US-amerikanischer Autobauer waren bislang der Automesse in Detroit vorbehalten. Dass die Macher von Faraday Future ihr Prestigeprojekt nun aber in Las Vegas enthüllten, ist ein deutlicher Fingerzeig: In Nevada wächst ein Konkurrent für die seit 1907 stattfindende Messe in Michigan heran.

In Nordamerika gilt Detroit als Wiege der Autoindustrie. Die "Big three", die großen Drei der Branche, haben ihren Sitz in der Metropolregion: Chrysler, General Motors und die Ford Motor Company. So bedeutsam die Region für die Herstellung, so prestigeträchtig war bislang die North American International Auto Show (NAIAS) für die Präsentation vor allem in den USA produzierter Fahrzeuge. Jedes Jahr zeigen Konzerne auf der großen Bühne mit rund 800.000 Besuchern ihre neuen Modelle. Seit 1957 zählen auch europäische Unternehmen zu den Ausstellern - das Motto aber ist weiterhin für den US-Markt konzipiert: Groß müssen die Autos sein, und vor allem kraftstrotzend.

"Detroit steht für die ,alte Welt'", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. "Die Show ist auf Leistung getrimmt. Gezeigt werden vor allem große Modelle wie SUVs", erklärt der Automobil-Experte. Das wird auch diesmal auf der am Sonntag beginnenden und bis 22. Januar laufenden Messe nicht anders sein. So wird etwa erwartet, dass Ford eine neue Version des fünf Meter langen SUV-Modells "Expedition" vorstellt.

Während in Detroit Liebhaber alter Modelle bedient werden, blicken sie in Las Vegas bereits in die Zukunft. Wie sehr sich die Ansätze der beiden Shows unterscheiden, zeigt das Beispiel BMW. In Detroit werden die Bayern ihre neue 5er-Reihe, einen neu aufgelegten Klassiker, vorstellen - in Las Vegas hingegen "Holoactive Touch", ein futuristisches Bedienelement als Mischung aus Hologramm und Touchscreen, das im Cockpit schwebt.

"In den USA existieren zwei Welten", erklärt Experte Bratzel den Kontrast beider Messen. Auf der NAIAS stehe die Verbrennungstechnik im Vordergrund, die CES konzentriere sich auf die Digitalisierung der Fahrzeuge. "Damit wird in Las Vegas ein neues Publikum angesprochen", sagt Bratzel. Die "alte Welt" werde noch eine Zeit lang bestehen. Es sei aber gut möglich, dass die CES der Detroiter Messe bald den Rang als bedeutsamste Automesse ablaufe. In Detroit müsse man das Thema Digitalisierung adaptieren, um auf der Höhe zu bleiben. Wie wenig zukunftsorientiert die Detroiter Veranstalter derzeit noch denken, zeigt die Zahl der Start-ups, also junger Unternehmen, die sich auf den beiden Messen der Öffentlichkeit vorstellen. In Detroit sind derzeit rund 50 angekündigt - in Las Vegas stellen aktuell mehr als 600 Start-ups ihre Produkte aus.

Auch der deutsche Markt hat die Zweiteilung der Autowelt in den USA registriert. "Noch ist die Detroiter Messe aber die wichtigere", sagt Eckehart Rotter, Sprecher des Verbandes der Automobilindustrie. Dass Unternehmen wie Faraday Future sich für die CES entschieden, spreche aber für die Attraktivität des Themas Automobil auch für die Unterhaltungselektronik-Branche.

Was die Detroiter Modelle derzeit noch von vielen Projekten in Las Vegas unterscheidet, ist ihre Machbarkeit: echte Fahrzeuge gegen Konzept-autos. Unternehmen wie Faraday Future aber müsse man "auf dem Radar" haben, sagt Stefan Bratzel. Ansonsten könnten sie zu ernsten Konkurrenten etwa von E-Auto-Herstellern wie Tesla werden. Diese Woche haben sie damit angefangen. Nicht in Detroit, sondern mitten in der Wüste.

(tsp)
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