Amerikanische Pilotin in Afghanistan: Späherin in 30 Kilometer Höhe

Amerikanische Pilotin in Afghanistan : Späherin in 30 Kilometer Höhe

Merryl Tengesdal akzeptiert keine Grenzen: Sie fliegt das geheime Höhenaufklärungsflugzeug U-2 und will Astronautin werden. Die Vorzeige-Soldatin der US-Luftwaffe musste als schwarze Frau gleich doppelt für ihren Traum kämpfen.

Merryl Tengesdal (42) hat Amerikas höchsten Arbeitsplatz - im Cockpit des geheimnisumwitterten Aufklärers U-2. Der 1960 über der Sowjetunion abgeschossene und 1977 verstorbene Pilot Gary Powers hätte sich wohl nicht vorstellen können, wer heute eine Maschine dieses Typs fliegen würde: Oberstleutnant Tengesdal ist nicht nur eine Frau, sondern auch die erste Schwarze in der Geschichte der amerikanischen Luftwaffe, die eine U-2 steuern darf.

Die US-Streitkräfte stellten die kühne Pilotin, die als Kind in der New Yorker Bronx lernte sich durchzubeißen, jetzt offiziell vor - Anlass ist der bevorstehende "Geburtstag" des Jets: Die Lockheed U-2 "Dragon Lady" ("Drachendame") wird 60 Jahre alt und ist noch immer weltweit im Einsatz. Sie ist mit diversen Kameras, Radargeräten und Sensoren bestückt, fast alles streng geheim. Die U-2 ist auch sonst kein normaler Jet, sondern eine Art Düsensegelflugzeug für extreme Höhen. Jeder Pilot bewegt sich im technischen und physikalischen Grenzbereich.

Der "Star Track"-Fan Tengesdal kommt seinen Idolen Captain Kirk und Mister Chekov näher als jede andere Amerikanerin: Der Aufklärer fliegt mindestens doppelt so hoch wie ein Verkehrsflugzeug, genauere Daten sind ebenfalls Verschlusssache. Es wird vermutet, dass die U-2 bis zu 30 Kilometer hoch fliegen kann. In mehr als 20 Kilometer Höhe, so berichtet die Soldatin, könne sie sehr gut die Erdkrümmung sehen. "Fliegen in dieser Höhe ist wunderschön und friedlich. Jeder Flug ist etwas Besonderes."

Laut einer Studie des US-Geheimdienstes CIA sind viele angebliche Ufo-Sichtungen auf die in der Stratosphäre operierenden Flugzeuge zurückzuführen - ihre Tragflächen reflektieren hoch oben noch Sonnenstrahlen, wenn es sonst längst überall dunkel geworden ist. Da die mattschwarz lackierte U-2 in den ersten Jahren in der Lage war, unerkannt und unerreichbar über fremden Staatsgebieten zu operieren, wird sie umgangssprachlich fälschlich als "Spionageflugzeug" bezeichnet. Als Gary Powers damals von den Russen abgeschossen wurde, sorgte das für eine politische Eiszeit zwischen den USA und der UdSSR. Die New Yorkerin war da noch gar nicht geboren.

U-2-Flüge sind hoch kompliziert: Damals wie heute sitzt der Pilot in einer engen Druckkabine und trägt einen schweren Spezialanzug, um bei einem Druckverlust oder einem Notausstieg überleben zu können. Weil man sich damit kaum bewegen kann, hilft ein zweiter Pilot bei den Startvorbereitungen und überwacht vom Boden aus auch die Landung.

Im Cockpit sei es so eng, dass man mit Platzangst kämpfen müsse, berichtete Tengesdal. Bevor der Pilot einsteigt, atmet er im Druckanzug mindestens 90 Minuten lang reinen Sauerstoff ein, um den Stickstoffgehalt im Blut zu reduzieren. Ähnlich einem zu schnell an die Oberfläche gekommenen Taucher müsse sie immer wieder mit der Dekompressionskrankheit kämpfen, sagt die Pilotin. Jede Mission dauere mindestens neun Stunden; Start und Landung seien wegen der übergroßen Spannweite der Maschine und einem Fahrgestell ähnlich einem Fahrrad Millimeterarbeit und erforderten höchste Konzentration.

Tengesdal, die demnächst zum Oberst befördert werden soll, ist stolz darauf, die erste Schwarze im Cockpit zu sein. "Die Streitkräfte waren schon immer führend, wenn es darum ging, Barrieren wie die Rassentrennung niederzureißen." Ihre Kindheit hätte sie leicht auf die schiefe Bahn führen können, meint sie. "Drogen und Alkohol waren allgemein verbreitet." Doch unbeirrt verfolgte sie ihr großes Ziel, Pilotin zu werden, trat nach einem Studium als Elektroingenieurin in die US-Streitkräfte ein, flog zunächst Marinehubschrauber und wechselte 2004 ins U-2-Programm, wo sie harte Tests bestehen und eine neunmonatige Ausbildung bewältigen musste.

Tausende Flugstunden hat sie seitdem hinter sich, immer an der Grenze zum Weltall und etliche Male rund um die Erde. Über Afghanistan war sie im Einsatz, über dem Irak und am Horn von Afrika. "Ich arbeite in einer Männerdomäne. Aber vielleicht helfe ich damit anderen Frauen mit ähnlichen Wünschen, ihren großen Traum zu verwirklichen."

Möglicherweise sind die Tage der U-2 wegen der Sparzwänge beim US-Militär gezählt. Für diesen Fall hat Tengesdal einen Plan B: Sie werde sich dann als Astronautin bei der Nasa bewerben.

(RP)
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