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Boris Nemzow: Mord mit einer Makarow-Pistole und ein Fluchtauto aus Inguschetien

Kremlkritiker Boris Nemzow erschossen : Mord mit einer Makarow-Pistole und ein Fluchtauto aus Inguschetien

Mord vor den Toren des Kreml: Ein Attentäter hat den russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow in Moskau auf offener Straße hinterrücks erschossen. Sowohl die Polizei als auch der Kreml gehen von einem Auftragsmord aus. Der 55 Jahre alte Nemzow war ein profilierter Gegner von Präsident Wladimir Putin.

Nach Kremlangaben beauftragte der Präsident die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, das "brutale Attentat" trage "die Zeichen eines Auftragsmordes" und sei eine "große Provokation". Peskow versicherte zugleich, Nemzow habe "keinerlei politische Gefahr" für Putin dargestellt. Das russische Ermittlungskomitee wertete die Tat als einen "Versuch zur Destabilisierung der politischen Lage im Land". Der Mord sei "minutiös geplant" gewesen.

Fernsehberichten zufolge fanden die Ermittler möglicherweise das Fluchtauto der Täter. Der TV-Sender Rossija 24 zeigte das weiße Fahrzeug mit einem Nummernschild der Teilrepublik Inguschetien, die im islamisch geprägten Konfliktgebiet Nordkaukasus liegt. Bei einer der Tatwaffen soll es sich um eine von Militär und Polizei in Russland verwendete Makarow-Pistole handeln.

Drohungen gegen Nemzow

Zuletzt hatten Ermittler als einen von mehreren Ansätzen auch einen islamistischen Hintergrund nicht ausgeschlossen. Nach Darstellung der obersten Ermittlungsbehörde hatte es gegen Nemzow Drohungen gegeben, nachdem sich der Politiker nach dem Anschlag auf das Magazin "Charlie Hebdo" in Paris solidarisch mit den Franzosen gezeigt hatte.

Der frühere Vize-Regierungschef hatte nur drei Stunden vor dem Attentat dem Kreml-Chef im Radiosender Moskauer Echo erneut eine "unsinnige Aggression gegen die Ukraine" vorgeworfen. Nemzow soll überdies an einem Bericht über die russische Beteiligung am Ukraine-Konflikt gearbeitet haben. In dem Radiointerview, das zu seinem politischen Vermächtnis wurde, forderte Nemzow auch Putins Rücktritt.

Trauermarsch für Sonntag angekündigt

Die russische Metropole genehmigte für diesen Sonntag überraschend eine Trauerkundgebung für 50.000 Menschen im Stadtzentrum. Die Initiative ging demnach vom Oppositionsführer und Ex-Regierungschef Michail Kasjanow aus. Er hatte mitgeteilt, dass die Opposition nach den Mord auf einen geplanten Marsch gegen Wladimir Putin verzichten werde.

Russlands Präsident Wladimir Putin verurteilte den "brutalen Mord" ebenso wie US-Präsident Barack Obama. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich bestürzt. Sie forderte Putin auf, "zu gewährleisten, dass der Mord aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden", teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, Nemzows Tod mache ihn "traurig und wütend".

Der Friedensnobelpreisträger und Ex-Kremlchef Michail Gorbatschow warnte vor einer Destabilisierung der Lage in Russland. Die Situation ist angesichts des Ukraine-Konflikts gespannt. Nemzow gehörte zu den prominenten Wortführern der Opposition, die an diesem Sonntag in Moskau Tausende unzufriedene Russen auf die Straße bringen wollte. Nemzow hatte Putin eine Aggression gegen die Ukraine vorgeworfen.

Vier Schüsse in den Rücken

Nemzow war am Freitag um 23.40 Uhr Ortszeit (21.40 MEZ) von hinten mit einer Pistole erschossen worden. Der Täter habe aus einem Auto sieben oder acht Schüsse auf Nemzow abgefeuert, sagte Sprecherin Jelena Alexejewa vom Innenministerium. Vier Kugeln trafen Nemzow in den Rücken. Am Tatort gebe es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hieß es.

Der Regierungsgegner soll zuvor mit einer Bekannten über den Roten Platz spaziert sein. Die Frau, Medien zufolge eine 23 Jahre alte Ukrainerin, überlebte das Attentat. Nemzow galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew. Dort äußerte sich Präsident Petro Poroschenko schockiert über den Mord. In Kiew legten Bürger in der Nacht Blumen vor das Gebäude der russischen Botschaft. Auch in Moskau lagen am Tatort Blumen und Kerzen.

Der Mord reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlicher Taten, denen in den vergangenen Jahren Oppositionelle wie die Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa oder die Journalistin Anna Politkowskaja zum Opfer fielen. Nemzow hatte Einschüchterungen durch die Behörden in der Vergangenheit immer wieder getrotzt. In einem Interview zwei Wochen vor seinem Tod sprach er über seine Angst vor möglichen Racheakten wegen seines Einsatzes gegen die Regierung. Auf die Frage, ob er um sein Leben fürchte, antwortete Nemzow: "Ja, ein bisschen." Die Angst sei aber nicht so groß, dass sie ihn davon abhalten könne, weiter gegen die Regierung zu kämpfen.

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(dpa)