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Der Fall Mirko: „Wir beteten für den Jungen und die Polizei“

Der Fall Mirco : "Wir beteten für den Jungen und die Polizei"

Vieles ist über den Fall Mirco gesagt worden – über den gemeinen Mord, die mit Wucht geführten Ermittlungen, über die bewundernswerte Haltung der Eltern. Das Kloster Mariendonk stand einige Zeit im Mittelpunkt der Polizeiarbeit. Erstmals erzählt eine Nonne von den Ereignissen.

Vieles ist über den Fall Mirco gesagt worden — über den gemeinen Mord, die mit Wucht geführten Ermittlungen, über die bewundernswerte Haltung der Eltern. Das Kloster Mariendonk stand einige Zeit im Mittelpunkt der Polizeiarbeit. Erstmals erzählt eine Nonne von den Ereignissen.

"Was ist, wenn der Mörder sich bei uns meldet?" Diese Frage stand für Schwester Placida und die Nonnen des Klosters Mariendonk im Raum. Was sagt man einem solchen Menschen? "Schön, dass Sie da sind. Bitte nehmen Sie Platz!" oder "Möchten Sie ein Glas Wasser? Wir rufen jetzt die Polizei." Die Möglichkeit, dass der Mörder von Mirco sich bei den Nonnen melden könnte, war realistisch. Äbtissin Christiana hatte ihn in einem Fernsehaufruf gebeten, einen Hinweis auf den Verbleib von Mirco anonym in die Krippe des Klosters zu legen.

Der Aufruf geschah im Auftrag der Sonderkommission Mirco. Für die Benediktinerinnen war das ein unglaublicher Schritt. "Wir leben ein Stückweit in der Verborgenheit. Das ist unsere Berufung", sagt Schwester Placida, Hausmeisterin des Klosters. "Es ist nicht unsere Sache, aktiv in die weltlichen Dinge einzugreifen." Doch mit dem Verschwinden des zehnjährigen Mirco am 3. September 2010 hielten weltliche Ereignissen von der schlimmsten Sorte Einzug: Ein Kind war ermordet worden.

Unversehens wurde das Leben der Ordensfrauen von einem Verbrechen erschüttert. Die Polizei ermittelte im und um das Kloster. Es liegt nur drei Kilometer von jenem Ort entfernt, an dem Mirco entführt und sein Fahrrad gefunden wurde. Das Verbrechen stellte die Nonnen vor unerwartete Glaubensfragen und Gewissensentscheidungen.
Schwester Placida erinnert sich: "An dem Samstag haben wir auf dem Vorplatz gefeiert. Die Sonne schien, es war ein zauberhaftes Fest. Doch dann sahen wir, dass Polizisten die Feldwege und das Niers-Ufer absuchten. Als ich sie ansprach, sagten sie: Wir suchen ein Kind. Von da an lag ein Schatten auf dem Fest. An dem Nachmittag habe ich zum ersten Mal für die Familie gebetet."

30 Benediktinerinnen leben in dem Grefrather Kloster. "Vier Gottesdienste am Tag geben unserem Leben den Rhythmus. Wir haben bewusst die Abgeschiedenheit gewählt", sagt Schwester Placida. Doch mit dem Verschwinden von Mirco war es mit der Stille vorläufig vorbei. Eine Hundertschaft rückte an, Polizisten durchforsteten das Klostergelände. "Bei dem Gedanken, dass sie das Kind hier finden, haben mir die Knie gezittert", sagt die Ordensfrau. Die Nonnen gaben den Ermittlern einen Katasterplan, aber sie unterstützten sie auch moralisch — mit Gastfreundschaft und Gebeten. Ein grauenvolles Verbrechen schmiedete eine seltsame Allianz. "Die Polizisten haben mich beeindruckt. Sie waren diszipliniert und diskret", erzählt die Nonne.

Mit Polizeipressesprecher Willy Theveßen verabredete Schwester Placida, wie viel Öffentlichkeit sie zulassen mussten. Eines war klar: Fernsehen wollten sie nicht.
Zeugenaussagen rückten das Kloster für kurze Zeit in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Von einem markerschütternden, nächtlichen Schrei aus der Nähe des Klosters war die Rede. Die Polizei rückte mit Experten an, um zu klären, aus welcher Richtung der Schrei gekommen sein könnte. "Wir hatten mit fünf oder sechs Leuten gerechnet. Aber dann kam eine ganze Mannschaft." Um die Ermittler zu verköstigen, "verlängerten" die Nonnen ihre Suppe. Die Schallgutachter der Universität Trier stellten Messungen im Maisfeld an. Sie waren Teil einer einzigartigen Suchaktion in der Geschichte der Bundesrepublik, in deren Verlauf Überschallflugzeuge der Bundeswehr eingesetzt wurden und die Soko Mirco rund 9000 Hinweisen nachging.

Eine Nonne hatte den Schrei ebenfalls gehört. "Sie hatte aufgehorcht und war wieder eingeschlafen. Sie ging davon aus, dass ein Tier geschrien hatte. Vermutlich war es auch so", sagt Schwester Placida. Der Verursacher des Schreis wurde nie gefunden. Die Ordensfrauen aber wurden angefeindet. In Internetforen hetzten Menschen darüber, dass die Nonnen schliefen, während in ihrer Nähe ein Kind ermordet wurde. Selbst ernannte Mirco-Sucher kreisten um das Kloster und beleidigten die Ordensfrauen.
Den Eltern von Mirco boten die Benediktinerinnen Beistand an, aber diese lehnten dankend ab. Sie fühlten sich in ihrer freichristlichen Gemeinde gut aufgehoben. Dann bat die Polizei die Nonnen um den Aufruf. Es sollte einer von vielen psychologisch-strategischen Schritten sein, die den Fall im öffentlichen Bewusstsein hielten. In der Adventszeit, so hofften die Ermittler, könnte der Mörder — laut Profiler ein Familienvater aus der Region — sentimental werden. Die Ordensfrauen zögerten. Der Aufruf widersprach ihrer Lebensvorstellung, aber sie beschlossen: "Wir antworten, wenn man uns fragt." Der Mörder meldete sich nicht. In Gedanken und Gebeten blieben die Nonnen bei Mirco und den Ermittlern. "Ich habe der Soko oft einen Weihnachtsgruß oder etwas Aufmunterndes geschrieben", erzählt die Ordensfrau.

Einen Monat nach Weihnachten, fünf Monate nach Mircos Verschwinden, verhaftete Chefermittler Ingo Thiel den Mörder, einen Familienvater aus Schwalmtal — wie die Profiler es vorausgesagt hatten. Noch am gleichen Tag fand die Polizei Mircos Leiche.
Auf der Beerdigung schenkten die Eltern jedem Trauergast Sonnenblumensamen und verbanden damit die Botschaft: Mirco lebt. Er ist bei Jesus im Himmel. "Ich habe Hochachtung für die Eltern. Sie waren nicht nur Opfer, sondern sie haben aktiv auf ihr Umfeld eingewirkt. Sie haben zugelassen, dass Gott etwas Positives daraus macht", sagt Schwester Placida.

Was für die Nonnen nach den beklemmenden Ereignissen bleibt, ist nicht nur ein guter Draht zur Polizei, sondern auch die Konfrontation mit Glaubensfragen, die aus einem Verbrechen erwachsen. Das Buch von Mircos Eltern "Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen." und das von Mircos Eltern empfohlene Buch "Die Hütte" von dem Freikirchler William Paul Young hat Schwester Placida gelesen. "Darin werden gute Fragen gestellt: Wer sind wir, dass wir einen Menschen verurteilen? Und was macht Vergebung mit den Hinterbliebenen eines Mordopfers? Es wird klar, dass es neue Lebensmöglichkeiten eröffnet. Und es wird offen gelassen, dass Gott einen Weg findet — auch für einen Mörder."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Chronologie: Der Fall Mirco

(saja)