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Mönchengladbach: Opferexperte ist für Mediation

Mönchengladbach : Opferexperte ist für Mediation

Verbrechensopfer wollen in Strafprozessen von den Angeklagten eine Erklärung für die Tat. Auch den Eltern des zehnjährigen Mirco aus Grefrath geht es so. Mediation nach Straftaten könnte helfen, meint ein Viktimologe.

Dass der 45-jährige Familienvater Olaf H., der derzeit wegen Mordes am zehnjährigen Mirco aus Grefrath vor dem Schwurgericht in Krefeld steht, eine Erklärung für seine Tat liefert, scheint nach den ersten Prozesstagen eher unwahrscheinlich. Aber genau das sei es, was Verbrechensopfer erwarteten.

Das sagt der Dekan des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und Experte für Viktimologie (Opferforschung). Professor Peter Schäfer. Für Opfer sei das geradezu ein Grundbedürfnis. Sie wollten das Unbegreifliche, das ihnen widerfahren sei, verstehen, sagt Schäfer.

Beispielen anderer Länder folgen

Der Wissenschaftler vertritt die Hochschule Niederrhein in einem internationalen Netzwerk, in dem sich regelmäßig Experten der Viktimologie treffen. Schäfer würde es begrüßen, wenn es in Deutschland neben dem Strafverfahren die Mediation als Möglichkeit der Aufarbeitung von Straftaten gebe. Aus Ländern, in denen Verbrechen wie Morde nicht nur in einem Strafprozess verhandelt, sondern zusätzlich auch in der Form der Mediation besprochen würden, sei bekannt, dass diese Form der Auseinandersetzung mit dem Geschehen für die Opfer sehr hilfreich sei.

Schäfer nennt als Beispiel die USA. Dort werde Mediation nach Morden praktiziert. Sie sehe vor — wenn beide Seiten zustimmen —, dass sich Täter und Opfer an einen Tich setzen und unter Leitung eiens Mediators über die Tat und die Motive sprechen. Im deutschen Strafprozess sei das nicht möglich. Angeklagte müssten keine Angaben zur Tat machen. Schäfer ist für die Mediation. Alles, was den Opfern helfe, müsse in Erwägung gezogen werden, sagt er.

Dass Opfer von Straftaten vom mutmaßlichen Täter eine Entschuldigung verlangten, könne hilfreich sein für die Bewältigung der psychischen Belastungen, denen die Opfer ausgesetzt seien, sagt Schäfer. Diese Erfahrung hätte man in den in Südafrika geschaffenen Wiedergutmachungskommissionen gemacht, die nach dem Ende des Apartheid-Regimes eingerichtet worden seien. Entschuldigungen seitens des Täters könnten dazu beitragen, "dass Opfer mit dem Leid in Anführungszeichen besser umgehen können".

Dass Opfer von Straftaten sich im Prozess mit dem mutmaßlichen Täter konfrontieren, indem sie als Zeugen oder als Nebenkläger auftreten, sei eine Möglichkeit, mit dem Geschehen fertig zu werden. Das lasse sich aber nicht generalisieren. Es komme auf das individuelle Bewältigungsmuster der Opfer an, sagt Schäfer.

Die Konfrontation mit dem Täter könne unter bestimmten Voraussetzungen bei Opfern sogar zu einer Retraumatisierung führen. Das sei zum Beispiel bei Opfern von Sexualstraftätern beobachtet worden, die im Prozess mit dem Täter zusammentrafen. Opfer wollten "Sühne, aber nicht im archaischen Sinne, sondern im Sinne einer der Tat angemessenen Strafe", sagt Schäfer.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mircos Mutter sagt im Prozess aus

(RP/rl)