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Wladimir Klitschko — Boxen, bis die Quote fällt

Analyse zum peinlichen WM-Kampf : Klitschko — Boxen, bis die Quote fällt

Der 38-jährige Ukrainer verteidigt seinen Titel im Schwergewicht gegen einen mal wieder überforderten Herausforderer.

Es gab einmal eine Zeit, da hat sich die Familie um Viertel nach acht am Samstagabend zum Unterhaltungsprogramm vor dem TV-Gerät versammelt. "Einer wird gewinnen" oder natürlich lange "Wetten, dass..?" waren Formate aus der Kategorie Straßenfeger. Gute Quote wird an diesem Tag nur noch zur vorgerückten Stunde gemacht. Verantwortlich dafür ist kein gelernter Showmaster, sondern ein Berufsboxer — die Grenzen dazwischen verwischen seit zehn Jahren immer mehr.

Es ist auch diesmal wieder viel sogenannte Prominenz unterm geschlossenen Dach in Oberhausen versammelt — vorzugsweise aus der Verwertungskette von RTL. Als erste haben die "Scorpions" ihren Auftritt zu Halb-Playback. Zwischendurch wird Lothar Matthäus als Stargast am Ring verkündet, nach einem Pfeifkonzert des Publikums hernach aber lieber nicht mehr erwähnt. Alles ist für die große TV-Bühne durchchoreographiert - die Klitschkos liefern die passende Show. Das alles wirkt oft zu perfekt. Natalia Klitschko, die Ehefrau von Vitali, singt die ukrainische Hymne vor Kampfbeginn. Vitali erzählt etwas über seinen Kampf als Politiker für Frieden und Freiheit in der Heimat.

Und dann gibt es schließlich auch noch Wladimir, der für den Klamauk im Ring zuständig ist. Als Partner des Schauspiels wurde diesmal ein dicklicher Herr aus Samoa mit australischem Pass verpflichtet. Alex Leapai hatte im Vorfeld verkündet, er würde Klitschko auf die Bretter schicken. Am Ende des ungleichen Gefechts hat er angeblich den Weltmeister im Schwergewicht zehn Mal getroffen — Klitschko seinerseits hat dagegen 147 Mal zugeschlagen. In der fünften Runde so ausreichend, dass dem überforderten Kontrahenten (Vitali Klitschko: "Wladimir hat ihn wie einen Anfänger aussehen lassen") kurzzeitig die Lichter ausgingen. Der 23. Sieg im 25. WM-Kampf für den Titelträger. Klitschko hat sich diesen Gegner nicht ausgesucht, es war eine Pflichtverteidigung. Das mindert das desaströse sportliche Niveau nur unwesentlich. Das Schwergewicht ist am Boden.

Die Show hat mit dem K.o. indes erst richtig begonnen. Denn es haben sich an diesem Abend im Revier gleich mehrere Aspiranten versammelt, die gerne künftig von Klitschko einmal vermöbelt werden möchten — gegen die Zahlung eines Schmerzensgeldes von rund einer Million Euro, wie es jetzt auch Alex Leapai überwiesen bekommen hat. Auf der einen Seite des Rings ist Manuel Charr mit seiner finsteren Entourage aufmarschiert. Der Libanese versuchte, in den Ring zu stürmen, um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Seine 20 Begleiter riefen munter "Manuel, Manuel" — die übrigen 12.000 Zuschauer pfiffen ihn für das peinliche Schauspiel aus. Charr schaffte es immerhin noch vor eine Kamera von RTL und konnte seine Botschaft so hinterlegen: "Ich will einfach meinen Rückkampf haben, ich möchte hier in Deutschland boxen", forderte er. "Wladimir kann mir nicht aus dem Weg gehen. Ich werde ihn verfolgen." Bernd Bönte, der Manager von Wladimir Klitschko war wenig amüsiert von diesem Plan und polterte nach Kräften. "Der Typ", sagt er, "erzählt nur Müll. Er ist ein zweitklassiger Boxer."

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Damit wäre er fast schon überqualifiziert für einen Kampf gegen Klitschko. Denn viele der bisherigen Kontrahenten waren vom Format her eher drittklassig. Die Alternativen klingen jedenfalls nicht vielversprechender. Shannon Briggs aus den USA hat sich in der vergangenen Woche ein paar Mal mit Pöbeleien in Erinnerung gerufen und sogar sein T-Shirt ausgezogen, um zu zeigen, wie durchtrainiert er ist. Von ihm in Erinnerung geblieben ist vor allem der Kampf gegen Vitali Klitschko, an dessen Ende er auf direktem Weg ins Krankenhaus gebracht wurde. Briggs kann diese Erfahrung nicht davon abhalten, es erneut zu probieren — bei dem zu erwarteten finanziellen Gewinn. Aus dem Umfeld des Klitschko-Lagers witzelte ein Vertreter, Briggs solle zunächst gegen Charr antreten, der Gewinner könne dann ja den Weltmeister herausfordern. Zunächst hat Kubrat Pulew, genannt der "bulgarische Hengst", als IBF-Pflichtherausforderer laut "Bild" beste Chancen auf den Zuschlag.

Im Prinzip ist der Gegner ganz egal. 8,21 Millionen Zuschauer sahen den Fight von Klitschko gegen Leapai bei RTL. Gegen Alexander Powetkin waren es zwar noch drei Millionen mehr, aber das ist Klagen auf sehr hohem Niveau. Und so wird alles so lange weitergehen, bis die Quote fällt.

Anzeichen dafür gibt es bislang nicht.

Hier geht es zur Infostrecke: Wladimir Klitschko - Alex Leapai: Runde für Runde

(RP)