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25 Jahre nach dem Mauerfall: Was Deutschland aus den Feiern lernen muss

25 Jahre nach dem Mauerfall : Was Deutschland aus den Feiern lernen muss

Die Symbolik zum Mauerfall-Jubiläum ist geglückt. Ein Wochenende lang wurden die Menschen greifbar daran erinnert, wo das Schandmal die Millionen-Metropole brutal trennte, und wie gut wir es heute haben, im Sonnenschein der Weltgeschichte von Ost nach West und von West nach Ost schlendern zu können.

Zu Recht nutzten Politiker und Aktivisten den 9. November dazu, auch an die neuen Mauern zu erinnern, die ein Vierteljahrhundert später die Menschheit trennen: An den EU-Außengrenzen, in den Regionen von Willkür, Unterdrückung und Krieg.

Die abendlichen Bilder aus dem feiernden Berlin bringen die Botschaft um die Welt, die schon die Fußball-WM als nachhaltiges neues Deutschland-Bild vermittelte: Locker, fröhlich und dankbar Gastgeber für Freunde. Deutschland als Nahtstelle des Kalten Krieges und mutmaßlich erstem Austragungsort eines dritten Weltkrieges apokalyptischen Ausmaßes ist nach 25 Jahren ins gerade Gegenteil dessen verkehrt: Als Hort einer friedlichen Welt, während ringsumher Menschenrecht und Völkerrecht in Auflösung begriffen sind.

Das bringt Verantwortung mit sich, und zwar mehr, als frohe Wünsche auf Karten zu schreiben und mit gasgefüllten Ballons als Symbol für die überwundene Teilung in den Berliner Nachthimmel zu schicken. Die Deutschen, die vor 25 Jahren das "glücklichste Volk der Welt" waren, hätten aus ihrer eigenen Geschichte nichts gelernt, wenn sie nur ihre Freiheit und ihren Wohlstand genössen, ohne sich der dramatischen Zunahme des Unglücks auf der Welt entgegenzustemmen.

Die Lehre aus dem Mauerfall kann auch nicht aus einer Arbeitsteilung bestehen: Das Volk feiert die schönen Dinge, und die Politik trägt die Verantwortung für die Mühsal der Welt. Wenn die Menschen vor 25 Jahren nicht zu Zehntausenden die Angst vor dem System überwunden und die Veränderungen immer wieder in ihrem eigenen Umfeld druckvoll eingefordert hätten, gäbe es nichts zu feiern.

Und so muss auch über Deutschlands Rolle in der Welt in jeder Stadt, in jeder Familie neu gestritten und überall klar gemacht werden, dass wir angesichts der dramatischen Entwicklungen in unserer Nachbarschaft nicht nur gute Gastgeber für Fußballfans, sondern auch für Flüchtlinge sein müssen.

Auf lange Sicht kommt noch eine deutlich herausforderndere Verantwortung dazu: Die fürs Nicht-Vergessen. Schon heute haben die 49-Jährigen und alle Jüngeren mehr Zeit nach als vor dem Mauerfall verbracht, können diese sich nur schwer hineindenken in die Erfahrungswelt einer Generation, die kaum noch daran glaubte, dass Mauer, Stacheldraht, Todesstreifen und Willkürherrschaft irgendwann auch einmal enden könnten.

In drei Jahren ist der markante Zeitpunkt erreicht, an dem die Mauer länger Geschichte ist als sie stand. Damit droht der Schrecken in der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung zu verblassen. Zur 25-Jahr-Feier gab es allen Grund, unbekümmert und fröhlich die Vergangenheit zu feiern. Spätestens zum 28. Jahrestag des Mauerfalls wird es allerhöchste Zeit, kluge Formen des Erinnerns zu finden, die zukunftsfest sind.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Berlin feiert den Jahrestag des Mauerfalls mit glanzvollem Bürgerfest

(may)