Duisburg: "Mein Sehen hat sich geändert"

Duisburg : "Mein Sehen hat sich geändert"

interview Cyrus Overbeck über seine Rückkehr nach Duisburg, seine Erfahrungen in New York und im ostfriesischen Städtchen Esens sowie über seine quälenden Versagensängste und Streicheleinheiten von der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

interview Cyrus Overbeck über seine Rückkehr nach Duisburg, seine Erfahrungen in New York und im ostfriesischen Städtchen Esens sowie über seine quälenden Versagensängste und Streicheleinheiten von der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

Cyrus Overbeck, am 1. Juni 40 Jahre alt geworden, kehrt nach Duisburg zurück. In Rheinhausen wird er ab Herbst drei Bliersheimer Villen (Logport-Gelände) beziehen, um hier ein neues Kunstzentrum einzurichten (die RP berichtete). Seit Mitte der neunziger Jahre hatte er in der Duisburger Kunstszene für frischen Wind gesorgt. Sein Atelier in der "Alten Brotfabrik" seines Großvaters in Bruckhausen war viele Jahre lang ein wichtiger kultureller Treffpunkt der ganzen Stadt. Mit Cyrus Overbeck führte Peter Klucken folgendes Interview.

Vor drei Jahren haben Sie zuletzt in Duisburg ausgestellt und dabei vorübergehend wieder die Alte Brotfabrik in Bruckhausen als Atelier genutzt, nachdem Sie sieben Jahre Ihren Lebensmittelpunkt ins ostfriesische Esens verlegt hatten. Wie ging es seitdem weiter?

Overbeck Nachdem ich mehrere Jahre in Esens gelebt habe, hatte ich das Bedürfnis, mir über mich und meine künstlerische Position Klarheit zu verschaffen. Das ging am besten durch räumlichen Abstand. So bin ich dann nach vielen Jahren wieder für längere Zeit in Duisburg und New York abgetaucht. Selbst für meine Freunde war ich zu diesem Zeitpunkt nicht ansprechbar.

Welche Rolle spielt New York nun in Ihrem Leben?

Overbeck Atmosphärisch gesehen ist New York eine extrem verdichtete Stadt. Durch die ständige Bewegung und Veränderung übernehmen dort völlig neue und somit aufregend fremde Gefühle die Regie über mein Denken und Fühlen und damit auch über Wehen und Geburt meiner Bilder. Dieser Ort schafft eine angenehme Transparenz von meinem Bewusstsein zu bisher unbewusst wahrgenommenen Innenwelten und schärft somit wieder mein Sehen für die Gegenwart, in der ich ja nun mal lebe. Nach einem haltlosen Tag wird ein Stück Pizza und ein Bier im Stehen an der Fifth Avnue bei Sonnenuntergang zur emotionalen Heimat. In aller Einsamkeit dort zu erleben, wie wenig ich doch letzten Endes brauche, ist ein unheimlich starkes Erleben der eigenen Kräfte.

In dem Artikel über Ihre letzte Duisburger Ausstellung im Jahr 2007 wählte ich die Überschrift "Abgetrotzte Glücksmomente". Gemeint war, dass Sie nach wie vor die dunklen Kapitel des Weltgeschehens und Lebens nicht ausklammern, aber auch dem Schönheitsempfinden Rechnung tragen. Wie sehen Sie selber Ihre künstlerische Entwicklung?

Overbeck In dem Maße, in dem ich mich verändert habe, hat sich auch mein Sehen und damit meine Ausdrucksweise geändert. Die Dinge die mich damals bewegten, haben sich nicht verändert. Meine Arbeitsweise hat sich hingegen völlig geändert. Vor 20 Jahren hab ich die Farbe mit meinen Händen aufgetragen. Einen Pinsel hätten Sie vergeblich gesucht. Ich war fasziniert von van Gogh und Kirchner. Heute sprechen mich Ingres und Caravaggio mehr an. Damals ging es mir nur um die Inhaltlichkeit. Zudem war ich ein extremer Nachtarbeiter. Ich war ein richtiger Junkie, der süchtig nach Rotwein und Callas war. Das hat sich völlig geändert. Heute fange ich morgens um 9 Uhr an und höre um 21 Uhr auf. Und das alles nüchtern bei absoluter Ruhe. Keine Musik, keine andere atmende Person im Raum. In dieser Zeit widme ich mich zwei Stunden dem Radieren. Danach folgen Zeichnen, Komponieren und Ausarbeiten. Zudem quälen mich heute bei jedem Bild brutale Versagensängste, die ich früher nicht kannte. Die Entwicklung könnte schneller gehen, aber künstlerische Gärprozesse brauchen ihre Zeit. Letztes Jahr hat die Staatliche Graphische Sammlung München Arbeiten erworben. Die Bestätigung hat mir sehr gut getan und mich auf meinem künstlerischen Weg gestärkt. Solche Streicheleinheiten tun mir gut.

Sie leben in drei Orten, die sich sehr unterscheiden: In der Weltmetropole New York, im ostfriesischen Städtchen Esens und in Duisburg. Was ist in New York, was in Esens und was in Duisburg für Sie jeweils wichtig oder attraktiv?

Overbeck In New York habe ich das Gefühl, ganz nah an der Zeit zu arbeiten. Hier kann ich mich auf internationalem Niveau orientieren. Das ist wichtig für mich, um meinen eigenen Standpunkt zu bestimmen. Zudem macht mich die Poesie der Stadt glücklich, ebenso wie die Poesie Duisburgs, die ist halt nur etwas herber, aber eben dann doch meine Heimat. In Duisburg haben viele Menschen sehr wohlwollend meinen Weg begleitet und gefördert, dafür bin ich dieser Stadt sehr dankbar. Es ist ein großartiges Gefühl, Lob und Anerkennung zu kriegen und diese Bestätigung bekam ich zunächst hier.

Und das beschauliche Esens?

Overbeck In Esens finde ich Ruhe. Außer der Landschaft ist dort nichts. Dieses unglaubliche Naturerlebnis von Ebbe und Flut nur unweit meines Ateliers zu wissen, ist ein großartiges Gefühl. Es zeigt mir doch, wie klein ich eigentlich bin. Ohne diese Demut der Kunst gegenüber kann ich heut nicht mehr arbeiten. Die Nähe zur Natur macht meine Arbeiten organisch. Hinter den geschlossenen Ateliertüren ist es dann egal, wo ich bin, ob ich in Duisburg, NY oder Esens bin. Den "Wahnsinn" trage ich ja in mir und erfinde meine Realitäten dann doch ortsunabhängig.

(RP)
Mehr von RP ONLINE