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Kuscheln statt Sex: Was tun, wenn die Lust verschwindet?

Kuscheln statt Sex : Was tun, wenn die Lust verschwindet?

Nach anfänglich heißen Liebesnächten kommt irgendwann der Alltag. In den meisten Betten wird dann fast nur noch gekuschelt – das sogenannte Panda-Syndrom macht sich breit. Warum das in den meisten Partnerschaften so ist und wie man die Lust wiederfindet.

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Nach anfänglich heißen Liebesnächten kommt irgendwann der Alltag. In den meisten Betten wird dann fast nur noch gekuschelt — das sogenannte Panda-Syndrom macht sich breit. Warum das in den meisten Partnerschaften so ist und wie man die Lust wiederfindet.

Machen wir uns nichts vor: Über Sex wird viel geschrieben und leider auch geprahlt. Es kommt also nicht von ungefähr, dass viele Menschen vollkommen falsche Vorstellungen darüber haben, wie oft Paare durchschnittlich miteinander schlafen. Selbst die Wissenschaft ist darüber uneins. Die Sexualforscher Janet Hyde und John DeLamater kommen zu folgendem Ergebnis:

Wie viel Sex ist normal?

  • Im Alter von 20 Jahren schlafen junge Paare durchschnittlich zehn Mal im Monat miteinander
  • Mit 30 haben Paare durchschnittlich nur noch sechs bis acht Mal im Monat Geschlechtsverkehr
  • 45-Jährige tun es fünf- bis sechs Mal im Monat
  • 60-Jährige zwei bis vier Mal im Monat

"Eine andere Studie berichtet, dass die Mehrheit der Deutschen noch seltener, nämlich einmal pro Woche Sex hat", halten die Paar- und Sexualtherapeutinnen Kirsten von Sydow und Andrea Seiferth in ihrem Buch "Sexualität in Paarbeziehungen" fest. Neue japanische Studien bescheinigen einem Viertel der Paare sogar totale Sexabstinenz für ein sattes Jahr.

Das zeigt: Die Frage "Wie viel Sex ist normal?" lässt sich kaum beantworten. Die unterschiedlichen Ergebnisse erklärt sich Andrea Seiferth so: "In einer Welt, in der es vorwiegend um Selbstoptimierung geht, fühlen sich viele unter Druck. Darum wird im Bereich der Sexualität viel geschummelt." Offenbar auch in der Beantwortung von Studienfragen.

Einig sind sich die Experten hingegen darin, dass die meisten mit zunehmendem Alter immer weniger Sex haben. Es zählt also zu den normalsten Dingen der Welt, dass im Laufe der Zeit die heißen Liebesnächte seltener werden und stattdessen im Bett auf Kuschelmodus umgeschaltet wird.

Das führt zum Kuschel-Syndrom

Die Gründe dafür sind vielfältig: sich verändernde Lebensumstände, Sorge um Familienangehörige, finanzielle Probleme, zu pflegende Angehörige oder Nachwuchs. Vor allem die Geburt eines Kindes strapaziert die Zweisamkeit. Oft ist ein Baby im Haus beinahe so etwas wie ein Garant für eine No-Sex-Phase, auch Panda-Syndrom genannt.

"Das ist zu Beginn einer Beziehung anders. Zwei Menschen entdecken sich auf verschiedenen Ebenen. Sie bringen ihre Gene zusammen. Das ist unglaublich aufregend. Wir können davon nicht genug bekommen", sagt der Sexualforscher Jakob Pastötter. Ist der Nachwuchs aber da, kommt oftmals auch die Flaute im Bett.

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Denn jetzt ist es schon aus zeitlichen Gründen nicht möglich, regelmäßig eine heiße Nummer zu schieben, wenn zugleich Windeln gewechselt werden müssen, das Kind Hunger hat oder einfach nicht aufhört zu schreien. Die Natur sorgt laut Pastötter für eine sexuell weniger aktive Phase, in der der Fokus auf der Aufzucht des Nachwuchses liegen soll. — Die Zeit also, in der sich das Panda-Syndrom breit macht. Denn, so die ehrliche Bilanz des Sexualforschers: "Aus dieser Phase kommen die meisten Beziehungen später nicht mehr raus."

Wie die Hormone uns kuschelig statt scharf machen

Einen anderen Erklärungsansatz für das Aufkommen des Panda-Syndroms liefern Beziehungsforscher: Sie haben verschiedene Hormone und ihr Zusammenspiel ins Visier genommen. Zu Beginn einer Beziehung sind Botenstoffe wie Östrogen und Testosteron als Scharfmacher im Spiel. "Sie bringen das sexuelle Interesse in Gang", sagt Seiferth. In der daran anschließenden Phase sind vor allem Dopamin, Adrenalin und Serotonin im Spiel. "Sie machen die rosaroten Wolken, den Verliebtheitszustand nach der Anfangsphase leidenschaftlicher Sexualität."

Doch auch dieser Zustand hält nicht lange an. "Nach einigen Wochen kommt das Bindungshormon Oxytocin ins Spiel", sagt die Hamburger Sexualtherapeutin. Nach Auffassung von Bindungsforschern ist es darum absolut unmöglich, beispielsweise bei einer Affäre über längere Zeit mit jemandem Sex zu haben, ohne eine Bindung zu ihm aufzubauen.

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Das Kuschelhormon Ocytoxin wird auch beim Stillen ausgeschüttet und verstärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Folge dessen: "Die Frauen sind dann zwar sehr kuschelig, haben aber keine Lust mehr auf Sex", sagt Seiferth. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das Zusammenspiel der Hormone in dieser Angelegenheit bei Frau und Mann gleich funktioniert. "Haben Männer beispielsweise nach der Geburt eines Kindes sehr engen Kontakt zu Frau und Kind, geht auch ihr Testosteronspiegel herunter und sie haben weniger Lust", sagt die Expertin. Das heißt nicht nur Leidenschaft adé. Die Beziehung gerät sexuell gesehen in eine Abwärtsspirale. Denn Sexverzicht steigert nicht etwa die Lust.

Enthaltsamkeit als Lusttöter

Für Männer wie Frauen gilt: "Use it or lose it" — übersetzt: Wer keinen Sex hat, wird lustlos. Denn nicht nur Testosteronpegel und Lustfaktor verabschieden sich. Bei beiden Geschlechtern kann das laut Pastötter weitere Folgen haben: Bei Frauen erschlaffe die Vaginalmuskulatur. Damit steigt das Risiko eines Gebärmuttervorfalls. Beim Mann macht die Muskulatur am Schwellkörper schlapp, wenn sie nicht gefordert wird.

Aber der Experte räumt auch ein: Das alles ist so lange nicht von Bedeutung, wie sich beide Partner mit der Situation wohl fühlen. Ein Problem, gegen das man etwas tun sollte, um die Partnerschaft nicht zu gefährden, gibt es erst dann, wenn sich mindestens einer der Partner etwas anderes als den Status quo wünscht.

Paaren, die im Kuschelmodus nicht glücklich werden, empfehlen Experten:

  1. Ein Date miteinander ausmachen
  2. Räumen Sie sich überhaupt erst einmal wieder Zeit für Zweisamkeit ein. Denn spontaner Sex, so wie man ihn zu Beginn der Beziehung einfach passieren lassen konnte, ist zum Beispiel bei veränderter familiärer Konstellation nicht mehr so einfach möglich. "Garantiert steht dann ein Kind in der Tür", sagt Sexualtherapeutin Seiferth.
  3. Für ungestörte Zweisamkeit sorgen
  4. Manche Paare können nach langer Enthaltsamkeit darum besser die erste Hürde nehmen, wenn sie ganz allein für sich sind. Dafür kann es auch hilfreich sein, in ein Hotel auszuweichen und einen Sitter zu engagieren, der das Kind Zuhause hütet.
  5. Langsam angehen lassen
  6. Verbringen Sie mal wieder einen gemütlichen Abend miteinander, gehen Sie gemeinsam essen und beschäftigen Sie sich bewusst miteinander. "Besonders Frauen brauchen vor dem Sex das Gefühl von Vertrautheit und Nähe. Das bekommen sie durch gute Gespräche und die Aufmerksamkeit durch den Partner. Dann können sie weich werden und auch Sexualität zulassen", sagt die Expertin.
  7. Lassen Sie den Alltag draußen
  8. Sexualität findet vor allem im Kopf statt. Sorgen Sie also dafür, dass Raum dafür ist. "Wenn im Kopf der Alltag Karussell fährt und der Gedanke bei der piependen Spülmaschine oder den Renovierungsarbeiten im Flur ist, wird man nicht in Stimmung kommen können", sagt Jakob Pastötter.
  9. Zum richtigen Zeitpunkt über die eigenen Wünsche reden
  10. Einfach ist das für die meisten ganz und gar nicht: Auch im aufgeklärtem Zeitalter fällt es vielen schwer über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Darum rät Therapeutin Andrea Seiferth: "Wählen Sie einen guten Zeitpunkt für ein solches Gespräch. Schlecht sind Momente, in denen Sie sehr aufgebracht sind oder gar wütend." Dann sei die Gefahr groß, dass das Gespräch eher in Vorwürfe ausartet wie: "Jetzt ist es schon wieder so, dass du mich abweist. Ich habe langsam die Nase voll." Besser sei es ein solches Gespräch anzukündigen, damit sich der andere darauf einstellen kann. "Formulieren Sie es als Bitte und fragen Sie, ob der Partner dazu bereit ist.
  11. Nutzen Sie Urlaube oder Spaziergänge
  12. Den ort zu wechseln oder beim Spaziergang entspannt händchenhaltend nebeneinander zu gehen, aber sich nicht zwanghaft anschauen zu müssen, kann bei allen schwierigen Themen helfen. Nutzen Sie diese Situation oder einen entspannten Urlaub, um das Thema Sexualität anzugehen.
  13. Lassen Sie sich auf fremd gewordene Berührungen ein
  14. "Geben Sie dem anderen die Chance, Sie zu erregen", rät Pastötter. Probieren Sie zärtliche Berührungen einfach mal wieder aus. Über ein "Probieren wir es doch! Streicheln wir uns!" könne mehr entstehen.

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(wat)