Familie: Männer müssen sich emanzipieren

Familie : Männer müssen sich emanzipieren

Der neue Mann soll sensibler Partner, zugewandter Vater, aber ein "ganzer Kerl" sein. Die Erwartungen an Männlichkeit sind widersprüchlich. Doch auch Männer müssen sich behaupten und keine erzwungenen Rollen spielen.

Die Familie ist entsetzt: Eine Lawine rauscht auf die Terrasse eines Bergcafes zu. Mächtig, unaufhaltsam, eine Welle aus Eis. Dabei wurde gerade noch das Essen serviert, ließ die Mama den Papa probieren. Jetzt springen alle auf, schreien, totale Panik. Und dann passiert es: Der Vater greift Handy, Portemonnaie und stürmt von der Terrasse. Seine beiden Kinder sieht er nicht, die Hilferufe seiner Frau hört er nicht. Bloß weg hier! Und als dann doch nichts passiert, die Lawine weit vor der Terrasse ausrollt und der Schneestaub sich gelegt hat, ist doch etwas geschehen. Ein Bild ist zerbrochen: Der starke Vater und Beschützer-Ehemann hat versagt, hat sich nicht vor seine Familie geworfen. Und nun weiß seine Ehefrau nicht mehr, wie sie ihn ansehen soll. Und er selbst vermeidet den Blick in den Spiegel.

Männliche Ideale beerdigt

In seinem Film "Höhere Gewalt", der 2014 erschienen und inzwischen auf DVD zu haben ist, begräbt der schwedische Regisseur Ruben Östlund mit Wucht männliche Ideale unter einer Wolke aus Nichts. Der neue Mann, sensibler Vater, aber doch knallharter Typ, versagt. Im Alltag hat er gelernt, alles zugleich zu sein: feinfühlig in der Beziehung, empathisch in der Kindererziehung, kumpelig mit den Freunden, knallhart im Job. Doch als sein Leben bedroht ist, fallen die einstudierten Rollen, all das eingeübte Verhalten einfach von ihm ab. Der Instinkt übernimmt. Und das Handy ist wichtiger als die Kinder.

Wann ist ein Mann ein Mann? Die alte Frage hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Nur wird die Antwort darauf immer komplizierter. Denn es sind eben nicht nur die Frauen, die Beruf und Familie, neue Selbstverwirklichungsideale und die alte Sehnsucht nach Sicherheit in tradierten Rollen abwägen müssen. Auch an Männer werden widersprüchliche Erwartungen gestellt. Familienbewusst sollen sie sein, zugewandt und feinfühlig. Aber in der Kölner Silvesternacht sollten sie doch die Freundin vor den Grapschern verteidigen und den starken Beschützer geben.

Abwertung der körperlichen Arbeitskraft

Mit dem Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft hat die körperliche Arbeitskraft eine enorme Abwertung erfahren. Muskeln dienen nicht mehr dem Lebensunterhalt. Dagegen wird der Sozialstil, der häufig Frauen zugeschrieben wird, werden Empathie, Teamfähigkeit, Gesprächstalent im Zeitalter der Projektarbeit wichtiger. Der neue Mann muss also seine Rolle neu finden, doch ein eigener Weg wird ihm kaum zugestanden. Stattdessen begegnet er je nach sozialem Umfeld mehr oder weniger fixen Vorstellungen von Männlichkeit.

"Papa ist heute so etwas wie Mama zweiter Klasse. Ähnlich bemüht, aber nicht so angesehen", schreibt Barbara Streidl in ihrer Streitschrift "Lasst Väter Vater sein". Dabei müssen Männer auf die Anforderungen in der Doppelrolle Job/Familie eigene Antworten finden. Sie stellen zwar Machtverhältnisse her, wie der Soziologe Lothar Böhnisch schreibt, seien ihnen aber gleichzeitig unterworfen. Sie müssten im kapitalistischen System funktionieren, hätten aber keine Rückzugsmöglichkeit, wie sie Frauen zugebilligt würde, sobald sie Mutter würden.

Häme über die "Ferien-Väter"

Und wenn Männer dann "nur" zwei Monate Elternzeit nehmen, weil der Unterhalt der Familie langfristig doch an ihnen hängt, ergießt sich Häme über die "Ferien-Väter", die vor dem echten Baby-Alltag kneifen. "Auch die meisten Eltern-Kind-Angebote sind nach wie vor fast ausschließlich für Frauen ausgelegt", sagt Matthias Becker, der bisher einzige Männerbeauftragte einer Stadt, der in der Gleichstellungsstelle der Stadt Nürnberg arbeitet. "Männer finden sich dann in der Krabbelgruppe allein unter Frauen wieder, spezifische Gesundheitsangebote für sie gibt es fast gar nicht, da müssen sie schon in den Yogakurs."

Einerseits versuchen Männer also, im weiblich geprägten Familienumfeld ihre Rolle zu finden. Zugleich sind die alten Männlichkeitsideale noch mächtig. Und so ist auch eine Repopularisierung von Zeichen der Virilität zu beobachten. Plötzlich ist der Vollbart wieder Mode, wenn auch verschämt als ironisches Zitat. Plötzlich beginnt das Wettrüsten bei der Grillausrüstung, auf Zeitschriften für Männer sind wieder diese Muskeltypen mit dem stahlharten Blick abgebildet. Und auch Frauen erzählen wieder ohne Scheu, dass sie sich einen "ganzen Kerl" wünschen.

Wechselseitiger Tanz

"Viele Frauen und Männer halten heimlich mit Hingabe an den tradierten Rollenmustern fest, das ist ein wechselseitiger Tanz", sagt Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Düsseldorf. Natürlich gebe es weiter Frauen, die einen starken Problemlöser suchten, der sie schützt und ihnen die Verantwortung für ein selbständiges Leben oder die Angst vor der Vereinnahmung durch die eigene Mutter abnehme. "Männer, die mit solchen Ansprüchen konfrontiert werden, reagieren häufig darauf, indem sie fatalerweise Gefühlsferne, homophobe Schweigsamkeit, Machotum präsentieren und so den Ansprüchen vermeintlich entsprechen", sagt Matthias Franz. Zu einer echten zwischenmenschlichen Begegnung komme es so allerdings wohl nicht.

Für Frauen ist der Kampf um Gleichberechtigung im Job oder bei der Aufteilung der Familienarbeit längst nicht ausgefochten. Doch auch Männer müssen sich noch behaupten - etwa darin, keine erzwungenen Rollen zu spielen, weder als Macho noch als Softie oder als Supervati. Vielmehr wird es für sie darum gehen, selbstbewusst zu leben, was sie empfinden. Emanzipiert von allen Erwartungen. Das wäre wirklich männlich.

(dok)
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