Kolumne Neu In Der Stadtbücherei: Aufregendes Sachbuch: Lesen als Medizin

Kolumne Neu In Der Stadtbücherei : Aufregendes Sachbuch: Lesen als Medizin

Dass Bücher auch von therapeutischem Nutzen sein können, dass sie Menschen aus Leid, Trauer oder Einsamkeit befreien können, das wissen wir nicht erst seit "Doktor Erich Kästners Lyrischer Hausapotheke" von 1936. Doch dass die "Bibliotherapie" in den USA schon seit 1939 als Heilverfahren anerkannt ist und dass man sich in England heutzutage gegen Depressionen auch Bücher verschreiben lassen kann - das weiß ich erst, seit ich Andrea Gerks höchst anregend zu lesendes Sachbuch über "Lesen als Medizin" kennen- und schätzen gelernt habe.

Andrea Gerk, ihres Zeichens Literaturwissenschaftlerin und Journalistin, unternimmt einen unterhaltsamen Streifzug durch die Geschichte der Literatur und des Lesens, mit dem Ziel, der geheimnisvollen Wirkung des Lesens auf die Spur zu kommen. Auf ihren Reisen in Sachen "Bibliotherapie" befragt sie Mediziner, Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker, besucht Kloster-, Patienten- und Gefangenenbüchereien, um herauszubekommen, warum und auf welche Weise Bücher auf ihre Leser befreiend, verwandelnd und heilsam wirken können. Dabei greift sie auch auf die Entstehungs- und die Wirkungsgeschichte großer Werke der Literaturgeschichte zurück und findet so viele Beispiele für die magische und therapeutische Wirkung von Literatur, und zwar auf ihren Autor ebenso auf ihren Leser. Man fühlt sich bei der Lektüre dieses Buches ein bisschen wie in einer altmodischen Apotheke, in der es jede Menge rezeptfreie Medizin gibt gegen fast alle denkbaren Schwierigkeiten der menschlichen Existenz. Das Buch wendet sich sowohl an Leseanfänger als auch an fortgeschrittene Leser. Beim Leseanfänger will der unkonventionelle "Leseverführer" Neugier erwecken und Mut machen, sich auf literarische Entdeckungsreisen einzulassen und die magische Wirkung von Büchern zu erproben. Dem fortgeschrittenen Leser will die Autorin neue literarische Territorien erschließen und ihm noch unbekannte Wege der Selbstheilung durch Bücher aufzeigen.

Aber auch die Lektüre dieses geistreichen Buches über "Lesen als Medizin" wirkt schon therapeutisch auf seine Leser. Denn man fühlt sich beim Lesen schnell nicht mehr einsam, sondern in guter Gesellschaft, genauer: in einer fast schon elitären Gemeinschaft von Menschen, die immer wieder den Kick des Neuen brauchen, denen die reale Welt zu eng ist und die immer wieder lesend aufbrechen müssen, um neue Welten zu entdecken.

DR. RONALD SCHNEIDER

Gerk, Andrea: Lesen als Medizin; Rogner & Bernhard: 2015.

(RP)
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