"Male Depression": Warum Depressionen bei Männern so schwer zu erkennen sind

"Male Depression": Warum Depressionen bei Männern so schwer zu erkennen sind

Wer depressiv ist, wirkt müde, traurig, lustlos und hat Schlafprobleme - so oder so ähnlich ist die allgemeine Vorstellung. Tatsächlich sind das jedoch die typischen Symptome von Frauen. Was kaum einer weiß, Männer zeigen in depressiven Phasen sogar aggressives Verhalten.

Psychische Probleme sind längst keine Seltenheit mehr. Vor allem Depressionen gelten wegen ihres häufigen Auftretens inzwischen sogar als Volkskrankheit. Doch diagnostiziert und behandelt werden sie in den meisten Fällen nur bei Frauen. Mit dramatischen Folgen: Männer begehen dreimal so oft Suizid wie Frauen.

Grund dafür ist nicht nur, dass sie aus Scham eher dazu tendieren im Stillen zu leiden. Sondern Männer zeigen während einer depressiven Phase auch eher untypische Symptome, wie Psychiaterin Dr. Christa Roth-Sackenheim erklärt: "Es ist ja so, dass wir bestimmte Kriterien haben, anhand derer sich psychische Erkrankungen feststellen lassen. Depression zum Beispiel ist im ICD10 mit Anzeichen wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Müdigkeit festgelegt, doch wie sich inzwischen herausgestellt hat, machen Männer in einer Depression oft sogar das Gegenteil durch."

Die "untypischen" Symptome der männlichen Depression

Die Schwierigkeit depressive Phasen bei Männern zu erkennen beginnt schon dabei, dass viele von ihnen keine Traurigkeit empfinden. Ein Symptom, das bislang jedoch als das zentrale Element einer Depression betrachtet wurde. Anstatt durch starke Niedergeschlagenheit werden sie auffällig, weil sie, für ihre Persönlichkeit untypisch, plötzlich oftmals extrem gereizt reagieren, häufig stark frustriert sind und schnell die Beherrschung verlieren.

"Außerdem ziehen sich die meisten betroffenen Männer nicht von der Welt zurück, sondern beginnen hohe Risiken einzugehen, etwa im Straßenverkehr, und sie werden mit der Zeit immer aggressiver, bis hin zur Gewalttätigkeit innerhalb der Familie", erklärt Roth-Sackenheim. Zudem wird die Depression durch Suchtmitteln wie Nikotin oder Alkohol kompensiert. Das macht es oft schwierig zu erkennen, ob es sich um ein Suchtproblem oder etwas anderes handelt. Männer zeigen auch häufiger körperliche Symptome als Frauen, dazu zählen meist undefinierbare Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen. Einige stürzen sich in exzessive sportliche Aktivitäten, in viel sexuelle Abenteuer oder in übermäßigen Aktionismus auf der Arbeit.

  • Tipps gegen die Einsamkeit

Da Symptome wie diese jedoch auch bei Persönlichkeitsstörungen auftreten können - und sie eben dem klassischen Bild einer Depression widersprechen, bleibt die so genannte "male depression", die "männliche Depression" in den meisten Fällen unerkannt - und der Betroffene somit auch ohne jede professionelle Unterstützung. Die Folgen sind schwerwiegen. Nicht nur begehen dreimal mehr Männer Selbstmord, als Frauen, auch sind über 70 Prozent der Alkoholabhängigen männlich.

Genaue Gründe für die starken Unterschiede von Depressionen zwischen Männern und Frauen sind bislang nicht bekannt. Einige Studien zeigen, dass die molekularen Vorgänge im Gehirn von depressiven Männern anders sind als jene, depressiver Frauen. Auch genetisch gibt es Unterschiede: Wie Studien der Universität von Pittsburgh zeigen, scheinen 16 von 19 Genregionen, die mit Depressionen zusammenhängen, geschlechtsspezifisch zu sein. Sie wirken sich also nur bei Frauen oder nur bei Männern aus, nur drei wirken sowohl bei Männern, als auch bei Frauen.

Warum Männer aggressiv werden

Weitere Erklärungsansätze sehen Therapeuten im Selbstverständnis von Männern. Das Bild des starken Mannes ist immer noch vorherrschend in der Gesellschaft, und vor allem in den Köpfen von Männer. Das spiegelt sich etwa darin wider, dass sie schon bei körperlichen Beschwerden seltener als Frauen einen Arzt aufsuchen. Entsprechend ist die Hürde bei psychischen Problemen für Männer um ein vielfaches höher.

Gerade die typischen Symptome einer Depression wie Verzweiflung, Trauer und Antriebslosigkeit betrachten viele Männer als "Frauenleiden", und verdrängen lieber, als sich selbst ein solches Problem zuschreiben zu müssen. Sie reagieren sich in Aktionismus, Alkoholkonsum und Risikobereitschaft ab, anstatt nach innen zu blicken, etwas, das ebenfalls vielen Frauen leichter fällt. Perfekt wird die Spirale hinein in aggressives anstatt bedrücktes Verhalten, da viele Männer Probleme damit haben, ihre Gefühle in Worte zu fassen, selbst, wenn sie es wollen. Reden jedoch, ist der einzige Ausweg aus dem Teufelskreis zwischen Verdrängung und Depression.

Hier geht es zur Infostrecke: Fragebogen zur "männlichen Depression"

(ham)