Sexueller Missbrauch: Diese Folgen haben traumatische Erlebnisse in der Kindheit

Sexueller Missbrauch: Diese Folgen haben traumatische Erlebnisse in der Kindheit

Mindestens 3677 Minderjährige wurden zwischen 1946 und 2014 von Klerikern der katholischen Kirche missbraucht. Traumatische Erfahrungen in der Kindheit prägen einen Menschen jedoch nicht nur als Kind - sie verändern Gehirn, Immunsystem und Psyche ein Leben lang.

Immer wieder werden Kinder und Jugendliche Opfer von sexualisierter Gewalt. Laut polizeilicher Kriminalstatistik für das Jahr 2017 waren davon deutschlandweit im vergangenen Jahr 13.539 Kinder betroffen - und das sind nur die Fälle, die aktenkundig wurden. Besonders dramatisch sind die Übergriffe dann, wenn sie in einem Umfeld passieren, in dem sich Kinder eigentlich behütet fühlen sollen - wie etwa im Umgang mit Geistlichen der katholischen Kirche. Immer wieder werden jedoch Fälle von sexuellen Übergriffen von Geistlichen auf meist minderjährige Jungen bekannt. Zuletzt durch eine große Studie, die ein Forscherkonsortium im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz durchführte. Demnach wurden 3677 minderjährige meist männliche Kinder Opfer von 1670 Tätern, darunter Priester und Diakone. Die Dunkelziffer, so die Forscher dürfte deutlich höher liegen. Das Problem: für die Opfer endet die Tortur in gewisser Weise das ganze Leben nicht. Auch, wenn es in vielen Fällen zunächst so aussieht.

„Kommt es zu sehr belastenden, existenziellen Katastrophenerlebnissen, dem Erleben von brutaler Gewalt, Vernachlässigung oder Entwürdigung, denen Menschen nicht gewachsen sind, spalten sich diese Erlebnisse ab“, sagt Michaela Huber, Diplom-Psychologin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation. Da das Gehirn in solchen Momenten überfordert ist, sorgt es unter existenzieller Bedrohung dafür, dass die schwer zu verarbeitenden Ereignisse ausgeblendet werden und der Mensch so scheinbar unbeeinträchtigt weiter funktionieren kann.

Das sichert zwar in bedrohlichen Situationen die Chance zu überleben, doch hinterlassen extreme Stresssituationen tiefe Spuren, die die eigene Gesundheit und sogar die von Nachkommen ein Leben lang beeinträchtigen können. Bleiben Menschen nach akuter Anspannung lange im Stressmodus, erhöht sich nicht nur für den Betroffenen selbst das Risiko, später an einer Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken. Ein Trauma hinterlässt Spuren im Gehirn, beeinflusst den Stoffwechsel sowie das Immunsystem und begünstigt bestimmte Erkrankungen, weiß man aus der aktuellen Forschung. „Wer als Kind traumatische Erfahrungen macht, ist als Erwachsener anfälliger für psychische Krankheiten, aber auch für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Krebs“, sagt Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Charité Berlin.

Weitere Studien deuten darauf hin, dass sich traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit nicht nur auf das neurobiologische System und die Psyche auswirken, sondern auch Effekte auf zahlreiche Organsysteme haben. Sie erhöhen beispielsweise die Gefahr für chronische Lungenerkrankungen.

Heim konnte bei Ihren Forschungsarbeiten mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen, wie traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit die Hirnentwicklung konkret verändern. „Gerade Gehirnareale, die für die Stressregulation zuständig sind, sind bei den Probanden verkleinert“, sagt sie. Eine Ursache dafür: Stress wirkt toxisch auf die Zellen.

„In Folge dessen kann es zur Rückbildung von Synapsen oder sogar zum Zelltod kommen“, sagt Heim. Auf Hirnscans zeigten sich beispielsweise Volumenveränderungen oder verminderte Aktivität im Hippocampus oder Frontalcortex. In diesen Hirnbereichen Gedächtnisinhalte werden emotionale und körperliche Reaktionen auf Belastungen reguliert und das Angstgedächtnis kontrolliert. Von der Funktion dieser Region hängt ab, inwieweit Menschen auf Ereignisse emotional angemessen reagieren oder nicht.

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Ein weiteres Problem zeigt sich in einem weiteren Hirnbereich, der sich Amygdala oder auch Mandelkern nennt. In ihm werden Gefühlszustände, Bilder und auch körperliche Reaktionen gespeichert. Kommt es durch ein traumatisches Erlebnis zur Flutung des Hirns mit Stresshormonen, hat das Auswirkungen auf die Zusammenarbeit von Amygdala und Hippocampus. Eine Folge dessen sind Erinnerungslücken. Sie entstehen dadurch, dass die im Mandelkern gespeicherten Bilder und Gefühle der Realität nicht mehr richtig zugeordnet werden. Das heißt: das biografische Gedächtnis funktioniert zwar noch, das emotionale Gedächtnis jedoch ist schwer gestört und blendet die durchlebten Ereignisse aus. Die Betroffenen können sich gar nicht mehr oder nur bruchstückhaft an das Erlebte erinnern. „Viele betroffene Kinder haben nach traumatischen Erlebnissen Schwierigkeiten damit, Mitgefühl zu zeigen“, sagt Huber.

Weitere Forschungsergebnisse zeigen zudem einen Zusammenhang zwischen belastenden Erfahrungen wie körperlichen und psychischen Misshandlungen in der Kindheit und chronisch erhöhten Entzündungswerten im Erwachsenenalter. Das Immunsystem ist dauerhaft aktiviert. Daraus erklärt sich möglicherweise die höhere Wahrscheinlichkeit für eine Reihe körperlicher Erkrankungen wie das Auftreten von Herzerkrankungen und Autoimmunkrankheiten. Erhöhte Stress- und Entzündungsmarker können vermutlich auch die Zellalterung beschleunigen, sagt Heim.

Nicht jeder ist gleich anfällig für die Folgen von Traumatisierung. Wie sehr sich eine Traumatisierung zeigt, ist unter anderem abhängig von der Interaktion bestimmter Risikogene. Epigenetische Abläufe bestimmen, wie und in welchem Maß Gene abgelesen werden und die darauf gespeicherten Informationen ungesetzt werden. Durch ein traumatisierendes Ereignis kann es zu einer Veränderung des genetischen Musters von Zellen kommen. Stress schaltet laut Huber bestimmte Gene aus. Funktionieren diese nicht, hat das Auswirkungen auf ganze Körpernetzwerke. Es könne dazu kommen, dass sich Knochen- und Muskelzellen nicht richtig ausbilden. Eine Folge sind Entwicklungsverzögerungen.

Extremer Stress kann sich sogar ins Erbgut einbrennen und als Lebensangst über Generationen weitergegeben werden. Kinder von Betroffenen, die die Gräueltaten der Roten Khmer erlebt haben, leiden vermehrt unter Depressionen. Unter den Nachkommen von australischen Vietnamveteranen zeigt sich eine erhöhte Suizidrate. Dass solche Erkrankungen auf durchlebte Traumata der Eltern zurückzuführen sein können, zeigte die Schweizer Hirnforscherin Isabelle Mansuy an Mäusen. Die Forscher nehmen an, dass aus diesem Grund manche psychiatrische Leiden wie bipolare Störungen in manchen Familien gehäuft vorkommen.

Durch eine frühzeitige Behandlung des Traumas ließe sich das vermutlich verhindern. „Der Genschalter kann wieder umgelegt werden. Wenn wir Traumata hingegen nicht verarbeiten, gehen sie in die nächste Generation über“, sagt Huber.

„Durch neue Diagnostik- und Therapieansätze könnte dieser Kreislauf durchbrochen werden“, sagt Heim. Die Hoffnung liegt darin, diese neurobiologischen Prozesse weiter zu entschlüsseln und dann in Zukunft vielleicht Medikamente zur Verfügung zu haben, die kombiniert mit Psychotherapie helfen, um schädliche Veränderungen in den betroffenen Hirnstrukturen umzukehren.

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