Ernest Shackleton: 635 Tage gefangen im Eis

Antarktis-Expedition von Ernest Shackleton: 635 Tage gefangen im Eis

Die Antarktis-Expedition von Ernest Shackleton scheiterte, sein Schiff sank im November 1915. Doch wie der Brite seine Männer aus der eisigen Hölle rettete, gilt bis heute als Vorbild für Führung. Nun versuchen Forscher, das Wrack in der Tiefe zu finden.

„Männer gesucht für eine gefährliche Reise, geringe Löhne, extreme Kälte, sichere Heimkehr ungewiss, Ehre und Anerkennung im Fall des Erfolgs“. Mit dieser Stellenanzeige hatte der britische Polarforscher Ernest Shackleton in der „Times“ vor über 100 Jahren Männer für eine Expedition in die Antarktis angeworben. Nachdem seine erste Expedition zur Erreichung des Südpols gescheitert war und sein Landsmann Robert Scott den Wettlauf mit dem Norweger Roald Amundsen verloren hatte, wollte Shackleton nun das ganz große Ding: Er wollte den eisigen Kontinent gleich ganz durchqueren.

Sein Schiff „Endurance“ stach mit 28 Männern an Bord im August 1914 im britischen Plymouth in See. Er wollte in der Weddell-Bucht der Antarktis anlanden, den Kontinent über den Südpol zu Fuß durchwandern und nach 2700 Kilometern in der McMurdo-Bucht ankommen, wo ein zweites Schiff ihn abholen sollte. Der Plan scheiterte krachend. Am Ende setzte Shackleton nicht einen Fuß auf antarktisches Festland, die „Endurance“ wurde vom Packeis zerquetscht und sank. Doch Shackletons Rettungsaktion wurde zum Heldenpos. Der britische Seefahrer gilt bis heute als Vorbild für gute Führung, seine Expedition beschäftigt noch immer Forscher. Vor wenigen Tagen nun ist eine Expedition um den britischen Forscher John Shears gestartet, die das Wrack der „Endurance“ in eisiger Tiefe aufspüren und fotografieren will.

Dabei hatte es 1914 zunächst gut ausgesehen. „Es wird ein guter Kampf werden“, schrieb Shackleton in sein Tagebuch. Anfang Dezember, dann ist auf der Südhalbkugel Sommer, erreichte sein Schiff die Walfangstation auf Südgeorgien, von dort aus ging es weiter Richtung Süden. Doch schon nach wenigen Tagen und ungewöhnlich hoch im Norden erreichte die „Endurance“ Packeis. Es sollte das Schiff nie wieder los lassen. Zunächst fand die Besatzung immer wieder Rinnen im Eis, doch im Januar 1915 wird klar: Das Packeis hatte sich um das Schiff geschlossen. Als erstes musste Shackleton den Plan aufgeben, das Land zu erreichen und seine „Imperial Trans-Antarctic“-Expedition erfolgreich zu beenden. Dann ging es bald nur noch darum, seine Männer wieder aus dem Eis zurückzubringen.

Den Winter über waren Schiff und Besatzung im Eis gefangen, mit dem Eis drifteten sie durch das gefrorene Weddellmeer. Shackleton wusste: Nichtstun macht die Menschen verzweifelt und aggressiv, erst recht, da der Winter Temperaturen von minus 40 Grad und die lange antarktische Nacht mitbrachte. Also verordnete er der Mannschaft einen strengen Tagesablauf: Er ließ die Schlittenhunde trainieren, veranstalte Hunderennen und Fußball-Turniere auf dem Eis. So lange sich noch Pinguine und Robben zeigten, ließ er diese als Nahrungsvorrat jagen. Noch hatte man das stabile Schiff und genug zu essen.

Doch zugleich zeigte ihnen das Eis, wer Herr im Süden ist: Das Packeis drückte auf das Schiff. Und je näher der antarktische Frühling kam, desto schlimmer wurden die Eispressungen. Decksbalken und Planken bogen sich. Am 24. Oktober kam der Anfang vom Ende: Das drückende Eis riss den Achtersteven aus dem Schiff. Es schlug leck. Drei Tage und Nächte kämpfte die Besatzung mit Pumpen. Dann konnte Shackleton nur noch feststellen: „Sie ist am Ende, Männer. Es ist Zeit von Bord zu gehen“, wie Alfred Lansing den Forscher ihn seinem spannenden Expeditionsbericht zitiert. Die „Endurance“ versank in den eisigen Tiefen des Weddellmeeres. Der Fotograf Frank Hurley, der mit zur Mannschaft gehörte, hat das sterbende Schiff und die kämpfende Mannschaft auf Fotoplatten festgehalten.

Mit drei Rettungsbooten, Zelten, Proviant und Werkzeug retteten die Männer sich auf die riesige Eisscholle um sie herum. Erst versuchten sie, die Holzboote über das Eis zu ziehen, um an festes Land oder in freies Wasser zu gelangen. Das funktionierte nicht, also schlugen sei ein Lager auf der riesigen Scholle auf und warteten, dass das Eis aufbrach. „Patience Camp“ nannten sie ihr Lager, und Geduld mussten sie haben. Monatelang. Im April 1916 brach die Scholle, die Männer bestiegen eilig die Rettungsboote.

Aber was heißt schon Rettung? Tagelang trieben sie zwischen Eisbergen in den offenen Booten. Kälte, Nässe, ständige Angst und immer weiter auf die offene See zu. Die einzige Insel, die sie noch erreichen konnten, war Elephant Island, ein unbewohntes Eiland, das noch nicht einmal auf der Route der Walfänger lag. Hier landeten sie an. Zum ersten Mal seit 497 Tagen hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen. Einige Männer, halb im Delirium, stopften sich Kieselsteine in die Taschen.

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In Sicherheit waren die 28 noch immer nicht, denn hier würde sie niemand suchen. Doch Shackleton gab nicht auf, in dem besten der drei Rettungsboote, der „James Caird“, machte er sich selbst auf, um Rettung zu holen – in das 700 Seemeilen entfernte Südgeorgien wollte er segeln. Mit einer Nussschale durch das „härteste Meer der Welt“, wie Arved Fuchs in seinem Buch „Im Schatten des Pols“ schreibt. Fuchs selbst wiederholte Shackletons Fahrt vor 19 Jahren und ist voller Hochachtung. „Keine seiner Expeditionen erreichte ihr Ziel. Doch seine Führungsqualitäten in völlig hoffnungslosen Situation sind einzigartig“, so Arved Fuchs über den Briten.

Ernest Shackleton (1874-1922). Foto: picture alliance / Heritage-Imag/The Print Collector / Heritage-I

Shackleton nahm fünf Männer mit auf die Seereise, darunter den Navigator Frank Worsley sowie den Schiffs-Zimmermann, der als Querulant aufgefallen war und den Shackleton unter Kontrolle halten wollte. Seinen besten Mann, den Ersten Offizier Frank Wild, aber ließ er mit dem Rest der Männer auf „Elephant Island“ zurück. Zwei umgedrehte Rettungsboote diente ihnen als Hütte, hier mussten sie in Kälte und Dunkelheit ausharren und auf Rettung warten. Das Bleiben im Ungewissen war psychologisch der schwerere Teil und brauchte einen besonnenen Führer, wie Wild es war. Der „Boss“ selbst und seine kleine Crew gingen zwar auf eine lebensgefährliche Reise, sie konnten aber wenigstens etwas tun. Durch Schneestürme, haushohe Wellen und Dunkelheit kämpfte sich die knapp acht Meter lange „James Caird“ nach Norden. Goretex-Anzüge und GPS gab es nicht, es gab nur eine nasse Seekarte, Kälte und das Vertrauen auf Worsleys Kunst.

Tatsächlich fand der geniale Navigator nach 17-tägiger Überfahrt die Stecknadel im Ozean, sie landeten auf Südgeorgien. Dummerweise wegen eines schweren Sturms auf der falschen Seite der Insel. Und so gab es eine neue Prüfung: Um zur Walfangstation auf der anderen Seite zu gelangen, mussten sie auch noch zu Fuß einen Gletscher auf Südgeorien erklimmen und 40 Kilometer marschieren. Ohne Karte, ohne Bergschuhe, ohne Zelt machte sich Shackleton mit Worsley und dem Matrosen Tom Crean auf den Weg. 36 Stunden wanderten sie durch. Nägel, die sie aus dem Rettungsboot gezogen hatte, dienten ihnen als Spikes. Sie schafften es und erreichten völlig erschöpft die belebte Walfangstation.

Shackleton machte sich sofort auf, eine Rettung der zurück gelassenen Mannschaft auf Elephant Island zu organisieren. Doch in Europa tobte der Erste Weltkrieg, keiner interessierte sich für die Expedition am Ende der Welt. Und so dauerte es noch vier Monate und einige Versuche, bis Shackleton wieder auf Elephant Island landete und die Männer heimholte. Alle. Frank Wild hatte, wie sein Chef selbst, die Moral mit Tagesplan und Vorbild hochgehalten. Dass die Männer später, zurück im bürgerlichen Leben, fast alle scheiterten, schmälerte ihre Leistung nicht.

Bis heute ist Shackleton, der als Forscher scheiterte und als Team-Chef siegte, ein Vorbild. Auch in der Führungslehre. „Shackletons Führungskunst“ oder „Was Manager von dem Polarforscher lernen können“ heißen Ratgeber. Bei der Wahl der „100 größten Briten“ im Jahr 2002 wählten ihn die Briten auf Platz 11. Der Düsseldorfer Handelskonzern Metro hatte 2012 drei Nachwuchs-Führungskräfte für zwei Wochen in die Antarktis geschickt. Hier sollten sie lernen, unter Stress zu arbeiten und im Team zu agieren. Mittlerweile werden Kreuzfahrten von Chile aus in die Antarktis angeboten. Ein Ausflug auf die längst verlassene Insel Südgeorgien, wo Shackleton nach seinem Tod 1922 begraben wurde, gehört zu den Highlights dieser Fahrten. Arved Fuchs Nachbau der „James Caird“ steht heute im Museum in Hamburg.

Die Schiffbrüchigen auf Elephant Island. Foto: picture alliance / Heritage-Imag/dpa

Shackletons Abenteuer beschäftigt auch die Forscher weiter. Leiter der nun gestarteten „Weddell Sea“-Expedition ist der Polarforscher John Shears, auch Glaziologen und Ozeanographen sind an Bord seines Eisbrechers „Agulhas II“. Mithilfe ihrer autonom fahrenden U-Boote wollen sie das Wrack des Dreimasters in über 3000 Meter Tiefe aufspüren und fotografieren. Wegen der eisigen Temperaturen dürfte es gut erhalten sein. Zugleich will die Expedition erforschen, wie stark das Schelfeis (also das auf Wasser schwimmende Eis) in der Antarktis vom Klimawandel betroffen ist. In den vergangenen Jahren waren immer wieder gewaltige Risse aufgetreten und riesige Eisberge etwa vom Schelf namens Larsen C abgebrochen.

Shears ist fasziniert von Shackleton. Der habe eine „unglaubliche Geschichte von Überleben und Führung“ abgeliefert, sagte Shears nun britischen Medien. Das Beeindruckende am „Boss“ war dies: Die Suche nach eigenem Ruhm stellte er (anders als sein am Südpol umgekommener Landmann Scott) zurück und verfolgte am Ende nur ein Ziel – seine Männer heil nach Hause zu bringen. Chef sein und zugleich der härteste Arbeiter, das funktioniert. Oder wie Shackleton später seiner Frau schrieb: „Nicht ein Leben verloren, und wir sind durch die Hölle gegangen.“

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