Mönchengladbach: Kolumne Mensch Gladbach

Kolumne Mensch Gladbach : Manche Blumenkübel sind gleicher

Auf dem Rheydter Marktplatz dürfen tatsächlich dauerhaft Blumenpötte stehen. Aber nur mit Segen der städtischen Geschmackskontrolle. Da ist erlaubt, was ansonsten streng verboten ist.

Kennen Sie das? Wenn Undenkbares geschieht und man es zunächst ins Reich der Träume einsortiert. Bis man merkt: Es geht nicht mehr weg. Dann ist es Wirklichkeit. In Rheydt ist die Wirklichkeit etwa einen Meter hoch, weiß und aus reinstem Kunststoff. Genauer gesagt Blumenkübel, die auf dem Marktplatz stehen. Glauben Sie nicht, weil das doch durch die strenge städtische Satzung – von der Politik in seltener Einmütigkeit beschlossen –, gleich doppelt verboten ist? Die untersagt nämlich das Aufstellen von Blumenkübeln an sich und Kunststoff-Mobiliar im Speziellen.

Einzelhändler und Gastronomen bekommen die Härte der kommunalen Ordnungsmacht zu spüren, wenn sie sich nicht daran halten. Der Wirt des Rheydter Ratskellers hatte das über Monate hinweg erleben dürfen: Seine durchaus elegant anmutenden Blumenkübel aus Holz durfte er nicht aufstellen. Dass er damit seine Gäste auf der Terrasse vor den an Sommertagen gerne im direkt angrenzenden Brunnen tobenden Kindern schützen wollte, überzeugte die Verantwortlichen im Rathaus nicht. Als sich aber immer mehr Politiker für den Wirt einsetzten, darunter die SPD-Bezirksvorsteherin Barbara Gersmann, aber auch Ratsleute von CDU, Grünen und FDP, als Stammgäste Unterschriften sammelten kam ein Kompromiss auf den Tisch: Die Stadt und ihre Tochter Mags stellen einheitliche, bepflanzte Blumenkübel bereit, die gemietet werden können.

Von der Miete ist man nun offenbar abgerückt. Ob die jetzt aufgestellten Exemplare schöner sind als die des Ratskeller-Wirts ist Geschmackssache – und darüber lässt sich bekanntermaßen gut streiten. Dass sie aber aus dem verbotenen Kunststoff sind, schlägt für manchen Gestaltungssatzungs-Geplagten dem Blumenkübel den Boden aus.

„Manche Tiere sind gleicher“ heißt ein berühmter Satz aus George Orwells Bestseller „Die Farm der Tiere“. Gemeint ist, dass für einige trotz vermeintlicher Gleichberechtigung doch Privilegien gelten. Planungsdezernent Gregor Bonin deklarierte die Kübel kurzerhand zum Stadtmobiliar. Dafür gilt wohl das Kunststoff-Verbot nicht. Manche Blumenkübel sind eben gleicher.

Was nicht ausschließt, dass die Aktion am Ende ein Publikumsliebling wird.  Immerhin passiert etwas am Rheydter Marktplatz. Nicht weit entfernt wurden – ebenfalls aus Kunststoff – ausgefallene Sitzmöbel namens „Enzi“ aufgestellt. Das Design stammt ursprünglich aus dem Wiener Museumsviertel und hat längst andere Städte erobert, zum Beispiel Düsseldorf. Die Enzis sind bunt, ungewöhnlich, stehen auch am Geroweiher in Gladbach – und wurden vom Start weg gut angenommen.

Damit drückt das Rathaus eine leicht verwegene Lockerheit aus, die man sich an anderer Stelle wünschen würde. Besonders im Umgang mit den Gastronomen und Einzelhändlern, die in der von Leerstand und Kundenschwund gebeutelten Rheydter Innenstadt durchhalten, aber unter der gestalterische Regelungswut ächzen.

Das muss nicht Kunststoff für alle sein, aber vielleicht eine Prise mehr rheinische Gelassenheit.

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