Kolumne: Wenn alle sparen, sinken die Zinsen

Kolumne : Wenn alle sparen, sinken die Zinsen

Die Niedrigzinsphase ist keine Folge willkürlicher Zinspolitik, sondern das Ergebnis mangelnder Investitionen.

Sparen ist eine ganz wunderbare Sache – vor allem, wenn deine Eltern es für dich erledigt haben.“ So soll es der frühere britische Premierminister Winston Churchill einmal gesagt haben. Doch in jüngerer Zeit wachsen Zweifel, ob sich das Sparen überhaupt noch lohnt – egal, ob für sich selbst oder für die Kinder und Enkelkinder. In einem Leserbrief an diese Zeitung war kürzlich zu lesen, dass das Anlegen einer Reserve für schlechte Zeiten offensichtlich bestraft, Schuldenmachen dagegen belohnt werde.

Die Tatsache, dass aufs Sparbuch keine Zinsen gezahlt werden, ist für sich genommen nichts Aufregendes. Eine Reserve für schlechte Zeiten verliert ja nicht dadurch an Bedeutung, dass ich damit kein Geld verdiene. Erst der Vergleich mit der laufenden Geldentwertung macht die Klagen nachvollziehbar. Bei einer Inflationsrate von gut einem Prozent verliert das Sparguthaben ständig an Kaufkraft. Das ist aber auch nichts Besonderes. Es hat immer wieder Phasen gegeben, in denen die Zinsen nicht ausreichten, um die Geldentwertung auszugleichen.

Und wie sehr wird das Schuldenmachen belohnt? Klar, der Bundesfinanzminister verdient Geld, wenn er eine neue Staatsanleihe ausgibt. Ins Auge fällt etwa ein Papier, das im August 2026 fällig wird. Sein aktueller Preis liegt bei gut 1050 Euro, die Tilgung in sieben Jahren erfolgt zu 1000 Euro. Der Verlust von 50 Euro wird nicht einmal durch eine kleine Zinszahlung versüßt. Der Kupon beträgt null. Davon können private Schuldner nur träumen. Sie zahlen weiter einen Zins, wenn auch einen viel niedrigeren als vor einigen Jahren. Anfang des Jahres 2014 waren noch rund drei Prozent mehr pro Jahr fällig als heute. Danach ging es mit den Zinsen richtig bergab. Also wird streng genommen niemand wirklich für das Schuldenmachen belohnt.

Doch der versteckte Vorwurf bleibt: Die europäische Notenbank fördere finanziell unsolides Verhalten der Bürger. Diese Meinung rückt die Europäische Zentralbank in die Position eines Zinsgottes, der nach Gutdünken den Preis fürs Geld bestimme. Von der Realität ist das jedoch weit entfernt. Sonst wäre auch schwer zu verstehen, warum von Japan bis in die Schweiz so viele Notenbanken die Zinsen derart niedrig ansetzen – oft deutlich unter null.

Tatsache ist: In alternden Gesellschaften ist sehr viel Sparkapital vorhanden, aber nur noch wenig Neigung zu Investitionen. Warum auch, wenn Wachstum und Absatzchancen fehlen? In einer solchen Welt verhält sich der Preis für Kapital genauso wie der für Salatgurken oder für Flugtickets: Wenn mehr angeboten als nachgefragt wird, sinkt der Zins. Den Beweis durch Gegenprobe liefern die USA. Dort wächst die Bevölkerung weiter kräftig. Und der Zins für eine siebenjährige US-Anleihe beträgt eben nicht minus 0,7, sondern plus 1,6 Prozent.

Die Situation belegt sehr eindrucksvoll das, was schon seit langer Zeit als „Sparparadox“ bekannt ist: Für jeden Einzelnen ist es sinnvoll, zu sparen, wenn aber alle sparen, dann leidet die Nachfrage und mit ihr die Investitionstätigkeit. Das führt zu niedrigen Zinsen. Genau da wird’s gefährlich: Wer dann noch mehr spart, um die ausbleibenden Zinserträge auszugleichen, der trägt zum Abwürgen der Wirtschaft bei.

Um das zu verhindern, sind Wachstumsimpulse gefragt. Die können von der Regierung kommen, etwa durch Steuersenkungen, durch Ausgabenprogramme oder durch Zuwanderung. Kommt da nichts oder erweist es sich als unzureichend, können niedrige Zinsen helfen. Auch das versteht die EZB als ihre Aufgabe. Deshalb müssen Anleger auf der Suche nach höherer Rendite auf riskantere Anlagen ausweichen.

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