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Die Ökonomin: Das rechte Maß für Staatsschulden

Die Ökonomin : Das rechte Maß für Staatsschulden

Der Rechenfehler von zwei Harvard-Ökonomen erschüttert Ökonomie und Euro-Retter. Doch die Kernaussage bleibt: Wer zu viele Schulden macht, hemmt die Wirtschaft.

Wie viel Schulden darf ein Staat machen? Darüber streiten Politik und Gelehrte seit jeher. Schon im antiken Rom wetterte Cicero gegen Ausgaben-Exzesse und verlangte, der Staatshaushalt müsse ausgeglichen sein. So viel Disziplin ist illusorisch, Maßhalten würde schon reichen. Aber was ist das rechte Maß?

Zur Gründung des Euro legte der Maastricht-Vertrag fest, dass Schulden von bis zu 60 Prozent des Sozialprodukts erlaubt sind. Diesen Wert hatte man nicht theoretisch entwickelt, sondern aus der Praxis abgeleitet: 60 Prozent entsprach der durchschnittlichen Verschuldung im Euro-Raum. Doch Deutschland riss unter der Schröder-Regierung (ungestraft) die Latte und lud andere zur Nachahmung ein. Heute steht Deutschland bei 80 Prozent, Griechenland bei 160 Prozent.

Im Jahr 2009 markierte eine empirische Langzeitstudie der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff die neue rote Linie. Danach schrumpft die Wirtschaft in Ländern, deren Schulden größer sind als 90 Prozent ihres Sozialprodukts. Dummerweise haben Reinhart/Rogoff sich verrechnet und umstrittene Annahmen getroffen, wie vor kurzem ein junger US-Doktorand herausfand. Korrigiert man dies, ergibt sich, dass auch Länder mit mehr als 90 Prozent Schulden noch wachsen – nämlich im Schnitt um 2,2 Prozent. Die Gegner des Merkel'schen Sparkurses sahen sich durch diese Revision bestätigt. Also volle Fahrt in neue Schulden?

Gemach. Auch in der korrigierten Reinhart/Rogoff-Rechnung bleibt es dabei: Je höher die Staatsverschuldung, desto niedriger das Wirtschaftswachstum, wie das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung betont. Länder, deren Schulden zwischen 60 und 90 Prozent liegen, wachsen nämlich stärker: um 3,2 Prozent.

Erst recht zeigt sich die Sprengkraft von Schulden in der Praxis: Je höher sie sind, desto mehr Zinsen verlangen Investoren – oder geben gar nichts. Wo genau die Schmerzgrenze liegt, lässt sich wohl nicht exakt ermitteln. Dass es sie gibt, erleben Griechen und Zyprer täglich.

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(RP)