"Wir sitzen beim Energie-Umbau alle in einem Boot"

"Wir sitzen beim Energie-Umbau alle in einem Boot"

Interview Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur, hält den Atomausstieg zwischen 2020 und 2023 für wirtschaftlich "realistisch"

Wann kann Deutschland auf den letzten Atom-Meiler verzichten?

Kohler Der Atomausstieg ist richtig und machbar. Dabei dürfen wir aber nie vergessen, dass wir ein Industrieland sind und bleiben wollen. Die Politik hat die Verpflichtung sicherzustellen, dass die Industrie sicher und zu vernünftigen Preisen mit Strom versorgt wird, auch wenn alle Meiler abgeschaltet sind. Dafür muss jetzt vor allem geklärt werden, wer, wo und wann die notwendigen Kraftwerke und die Netzkapazitäten für die erneuerbaren Energien schafft. Wir müssen die Hochspannungsleitungen massiv und beschleunigt ausbauen. Nehmen wir dabei herkömmliche Leitungen, brauchen wir zusätzlich 3700 Kilometer an Netzkapazität. Nehmen wir dagegen leistungsstärkere, aber teurere Leitungen, brauchen wir nur 1600 Kilometer zusätzlich.

Wie schließen wir die Stromlücke, wenn die AKW abgeschaltet sind?

Kohler Wir müssen 15 bis 20 neue Gas- und moderne Kohlekraftwerke bis 2020 zubauen, um den Wegfall der Kernenergie und der alten Kohlekraftwerke zu kompensieren, die aus Klimagründen ja gleichzeitig vom Netz gehen sollen. Wenn wir das alles in diesem Jahrzehnt hinbekommen, ist ein endgültiger Atomausstieg zwischen 2020 und 2023 realistisch.

Steht denn die heimische Kohle vor einer Renaissance?

Kohler Nein. Die heimische Kohle wird auch künftig deutlich teurer sein als Kohle auf den Weltmärkten. Wenn wir künftig neue Kohlekraftwerke bauen, bedeutet das nicht, dass wir auch mehr Kohle verbrennen als heute: Weil die modernen Kraftwerke effizienter sind und alte Kraftwerke ersetzen, verbrauchen wir künftig sogar weniger Kohle als heute.

Wer wird den Netzausbau bezahlen?

Kohler Die Stromkunden. Doch das ist kein Argument gegen den Umstieg auf erneuerbare Energien: Nach unseren Berechnungen wird der Netzausbau die Stromkosten nur um 0,2 bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde erhöhen. Das sind für einen durchschnittlichen Privathaushalt acht bis 20 Euro jährlich. Bei der Industrie wird die Preiserhöhung etwas mehr durchschlagen. Aber unterm Strich ist der Netzausbau kein besonderer Preistreiber. Die Förderung der erneuerbaren Energien und der Zubau konventioneller Kraftwerke wird Strom stärker verteuern. Zudem wird das Stromangebot zurückgehen, und das verteuert den Strom automatisch. Das ist ein Grund mehr, den Stromverbrauch zu drosseln.

Wie machen wir das?

Kohler Indem die Energieversorgungsunternehmen den Stromkunden zum Beispiel Darlehen anbieten, mit denen sie elektrische Geräte mit niedrigem Stromverbrauch kaufen können. Bis 2020 sollte in jedem Privathaushalt nur noch ein Kühlschrank stehen, der den A++-Standard hat. Die Kredite können abbezahlt werden mit der Stromersparnis. Damit das flächendeckend gemacht wird, brauchen wir Kooperationen der Energieversorgungsunternehmen mit den großen Einzelhandelsketten und eine massive Werbekampagne.

Wie bewerten Sie die aktuellen Reibereien zwischen den vier großen Stromkonzernen und der Bundesregierung?

Kohler Das ist für den Umbau des Energiesystems absolut nicht hilfreich. Die vier großen Konzerne verfügen über drei Viertel der Kraftwerkskapazitäten. Die Politik ist auf die Kooperation mit den Großen angewiesen: beim Netzausbau, beim Umbau des Kraftwerkparks, bei der Preisgestaltung, beim Klimaschutz. Wir sitzen alle in einem Boot.

Birgit Marschall stellte die Fragen.

(RP)
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