Rekord-Zubau bei Gasheizungen Warum Russland weiter kräftig Gas liefert
Düsseldorf · Moskau macht gute Geschäfte mit Europa: Österreich erhält 98 Prozent seines Gases von Gazprom. Davon profitiert auch Deutschland. Experten mahnen mehr Unabhängigkeit an. Öl- und Kohle-Sanktionen wirken kaum.
Nord Stream-Pipelines - Chronologie und Baugeschichte
Vor fast zwei Jahren startete Russland den Angriff auf die Ukraine. Bis heute überzieht es das Land mit Krieg. Die Sanktionen des Westens wirken kaum, das Geschäft mit Erdgas aus Sibirien läuft weiter blendend. Die EU hat den Import von Erdgas nichts sanktioniert. Und anders als Deutschland unternimmt etwa Österreich nichts, um unabhängiger zu werden. Die Alpenrepublik erhielt im Dezember satte 98 Prozent ihres Erdgases aus Russland. Das Gas fließt unter anderem durch Pipelines in der Ukraine und der Slowakei.
Lage in Österreich Die dortige Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) kritisiert die Abhängigkeit und will laut Nachrichtenagentur Reuters die Versorger nun per Gesetz verpflichten, schrittweise den Anteil nicht-russischer Lieferanten zu erhöhen. Der Energiekonzern OMV spielt auf Zeit: „Russisches Erdgas unterliegt in Europa keinen Sanktionen und wird von mehreren Ländern importiert – über Pipelines oder LNG-Terminals. Sofern der Gesetzgeber einen Ausstieg aus russischem Gas vornehmen möchte, müssten zuerst die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen werden“, erklärte der OMV-Sprecher. Man handele jederzeit sanktions- und rechtskonform. Im Bedarfsfall könne man Kunden in Österreich zu 100 Prozent mit nicht-russischem Gas beliefern. Aber Gazprom ist wegen der langfristigen Verträge offenbar günstiger.
Lage in Deutschland Seit der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines erhält Deutschland kein Pipeline-Gas mehr. „Das Flüssiggas (LNG), das an deutschen Terminals ankommt, stammt unseres Wissens ebenfalls nicht aus Russland. Das kann bei Terminals in den Niederlanden oder Belgien anders sein“, hatte der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, vor Kurzem erklärt. Zugleich profitiert Deutschland davon, dass Länder wie Österreich und Ungarn weiter an russischem Erdgas hängen: „Wenn Länder wie Österreich günstig Gas aus Russland beziehen, müssen wir diesen nicht mit teuer importiertem verflüssigten Erdgas aushelfen“, sagte Manuel Frondel, Energieexperte des RWI-Leibniz-Instituts. Müsste Deutschland den Nachbarn aushelfen, würde das die Gaspreise wieder steigen lassen.
Sanktionen auf Gas? Russland lebt vom Energie-Verkauf. Das Öl- und Gasgeschäft machte 2022 rund 42 Prozent der Gesamteinnahmen des Staatshaushaltes aus. Manche Ökonomen sehen die Zeit für ein Gas-Embargo gekommen. Der RWI-Experte hält nichts davon: „Gas aus Russland zu sanktionieren, wäre nicht hilfreich, die Sanktionen bei Öl und Kohle sind weitgehend wirkungslos“, sagte Frondel. Die EU hat zwar den Import von Kohle und Öl sanktioniert, aber Moskau kann leicht ausweichen: „Die Öl- und Kohletanker fahren von Russland statt in die EU nach Asien, Richtung Indien und China.“ Außerdem halten sich nicht alle an die Sanktionen: „Die Sanktionen würden sicherlich noch besser wirken, wenn griechische und andere Reeder mitmachen würden“, hatte Moritz Schularick, Chef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, gesagt. Die Türkei war zudem lange Zeit ein Umschlagplatz für Grauimporte aus Russland, stellte Melinda Fremerey vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fest. Beim Erdgas ist das Ausweichen für Russland zwar schwieriger als bei den leicht schiffbaren Gütern Kohle und Öl. Denn das Pipeline-System, durch das Gas floss oder auch noch fließt, ist Richtung Europa ausgerichtet. Aber Flüssiggas ist rund um die Welt verschiffbar.
Europa ohne Gas? „Für die EU, vor allem Deutschland, ist es nicht einfach, in den nächsten Jahrzehnten vom Gas loszukommen“, sagt Frondel. Die hiesigen Haushalte würden zu rund 50 Prozent mit Gas heizen, in vielen Ländern sei das ähnlich. Schlimmer noch: Ausgerechnet das Heizungsgesetz, mit dem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Deutschland vom Gas unabhängig machen will, hat zum Gegenteil geführt: „Es hatte 2023, völlig unbeabsichtigt, zu einem Zubau-Rekord bei Gasheizungen von rund 700.000 geführt, mehr als die Hälfte aller neu eingebauten Heizungen“, so Frondel. Die jüngst von Habeck verkündete Kraftwerksstrategie sieht zwar den Bau von zehn Gigawatt neuer wasserstofffähiger Gaskraftwerke vor. „Da kostengünstiger Wasserstoff dafür noch Jahrzehnte auf sich warten lässt, müssen die neuen und die bestehenden Gaskraftwerke noch lange mit fossilem Erdgas betrieben werden“.