1. Wirtschaft

Wie der Krieg die NRW-Wirtschaft getroffen hat​

Russland/Ukraine : Wie der Krieg die NRW-Wirtschaft getroffen hat

Unternehmen wie Henkel haben sich aus Russland zurückgezogen, andere wie die Metro müssen hohe Abschreibungen vornehmen, die Geschäfte der Maschinenbauer sind eingebrochen. Ein Überblick.

Dass der Ukraine-Krieg mit seinen Folgen (hohe Energiepreise, Gasknappheit, Lieferengpässe) schwerwiegende Folgen auch für die nordrhein-westfälische Wirtschaft hatte und hat, ist hinlänglich bekannt. Im Juli hat sich die Stimmung noch einmal deutlich verschlechtert, wie die Geschäftsklima-Umfrage des Münchner Ifo-Instituts bei rund 1000 NRW-Unternehmen aus der gewerblichen Wirtschaft ergeben hat. Der Konjunkturindikator der NRW.Bank fiel auf den tiefsten Stand seit Beginn der Coronakrise vor zwei Jahren, die Stimmung in der NRW-Wirtschaft sei so schlecht gewesen wie seit Juli 2020 nicht mehr, hieß es. Sämtliche Branchen erwarteten erheblich schlechtere Geschäfte für das zweite Halbjahr 2022. Ein signifikantes Beispiel, warum die Stimmung in der Wirtschaft so schlecht ist: Die Maschinenbauer verzeichneten bei den Exporten nach Russland für das erste Halbjahr einen Einbruch um 36,7 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. Aussicht auf Besserung: derzeit nicht. Wie wichtig Putin für die Maschinenbauer ist, zeigt der Blick nach NRW: Russland ist für Nordrhein-Westfalen der zehntgrößte Handelspartner von Maschinen und Anlagen. Das Exportvolumen aus NRW betrug im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro, was 3,4 Prozent des gesamten Ausfuhrvolumens des NRW-Maschinen- und Anlagenbaus entsprach.

Zudem haben die Aufgabe von Russland-Geschäften und die vom Westen verhängten Sanktionen auch einige große Konzerne aus der Region viel Geld gekostet. Henkel beispielsweise hat vor Monaten nach einigen Wochen Zögern angekündigt, sich ganz aus Russland und Belarus zurückzuziehen. Damit verlieren die Düsseldorfer mit einer Milliarde Euro rund fünf Prozent des Jahresumsatzes. 2500 Beschäftigte werden den Konzern verlassen. Vorstandschef Carsten Knobel hofft, bis Jahresende fast alle Werke in Russland und Belarus verkauft zu haben, einen oder mehrere Betriebe der Klebstoffsparte wird er wohl ganz schließen, weil dort Güter hergestellt werden können mit Relevanz für die russische Kriegsmaschine.

In Deutschland heißt der Hauptbetroffene des Krieges Uniper. Der Düsseldorfer Gasgroßhändler hat im ersten Halbjahr zwölf Milliarden Euro Verlust gemacht, weil Russland die Gaslieferungen gezielt heruntergefahren hat, während Uniper feste Lieferzusagen bei Stadtwerken und Firmenkunden einhalten und deshalb große Mengen Gas zu sehr hohen Preisen auf dem Spotmarkt einkaufen muss. Das bringt aktuell einen täglichen Verlust von durchschnittlich 60 Millionen Euro. In dem Zwölf-Milliarden-Euro-Verlust enthalten sind 2,7 Milliarden Euro, die Uniper abschreiben musste, weil die Gaspipeline Nordstream 2 nach dem Willen der Bundesregierung nicht in Betrieb geht.

  • Die Gaslieferungen sind Deutschlands wunder Punkt.
    Sechs Monate Ukraine-Krieg : Schaden die Sanktionen dem Westen mehr als Russland?
  • Sechs Monate Ukraine-Krieg : „Wir werden alle verlieren – ökonomisch, politisch, militärisch“
  • Sechs Monate dauert nun der Krieg
    Sechs Monate Ukraine-Krieg : Warum ein echter Waffenstillstand in weiter Ferne liegt

Zu den wenigen großen deutschen Konzernen, die ihr Geschäft in Russland in gewohnter Form aufrechterhalten haben, gehört die Metro. Die Entscheidung sei „nach sorgfältiger interner Prüfung getroffen“ worden, da das Unternehmen „Verantwortung für die 10.000 dortigen Kolleginnen und Kollegen hat und viele unserer Kunden ihre Lebensmittel bei uns beziehen“, bekräftigt die Metro auf Anfrage. Es seien allerdings seit Kriegsbeginn keine Wachstumsinvestitionen mehr in Russland erfolgt, und man beobachte die Entwicklung „weiterhin sehr aufmerksam“.  Das Engagement hat der Metro einerseits viel öffentliche Kritik eingetragen und andererseits deutliche wirtschaftliche Konsequenzen gehabt.  In den ersten neun Monaten des bis Ende September dauernden Geschäftsjahres hat der Konzern in Russland und der Ukraine zusammengerechnet etwa 120 Millionen Euro auf Firmenwerte und Sachanlagen abschreiben müssen, nachdem wegen der Sanktionen Umsatz- und Ergebniserwartungen hatten korrigiert werden müssen. Vor allem die Veränderungen beim Rubel-Wechselkurs haben beim Finanzergebnis ein Minus von fast einer halben Milliarde Euro ausgelöst.

Anhaltend hohe Inflation, drastisch steigende Energiekosten und eine mögliche Gaskrise haben bei Media-Markt und Saturn, den beiden bekanntesten Marken des Düsseldorfer Elektronikhändlers Ceconomy, zu deutlicher Kundenzurückhaltung geführt. Seit Juni habe sich das Konsumklima weiter spürbar eingetrübt, sagte Konzernchef Karsten Wildberger. Eine Konsequenz: Für das dritte Geschäftsquartal des Jahres 2021/22 (Anfang April bis Ende Juni) verbuchte Ceconomy einen Verlust von 95 Millionen Euro, ein Viertel mehr als im Vorjahr. Auch das sind Folgen des Krieges.

Die Telekom ist dabei, ihr Entwicklungszentrum in St. Petersburg zu schließen. Ein Teil der rund 2000 Beschäftigen wurde in die Türkei transferiert, wo sie in einem Hotel unterkamen. Teilweise kamen Familienangehörige mit.

Andererseits profitieren einige NRW-Konzerne von der Krise. Der Kurs der Aktie des Rüstungskonzerns Rheinmetall ist innerhalb eines Jahres um 108 Prozent gestiegen. Vorstandschef Armin Papperger hofft auf Aufträge von mehr als 30 Milliarden Euro in den nächsten Jahren, vorrangig weil die Bundeswehr mit einem Gesamtaufwand von mehr als 100 Milliarden Euro ertüchtigt werden soll. Außerdem setzt er auf Aufträge aus anderen Staaten, unter anderem für den neuen Panzer Panther, der pro Stück rund 15 Millionen Euro kosten soll. Eine Jobmaschine ist Rheinmetall jedenfalls auf jeden Fall. Papperger will bis zu 3000 neue Leute einstellen.

Der zweite Krisengewinner in NRW ist der Stromkonzern RWE.  Die Strompreise steigen schon länger an – gut für die Essener. Im Kerngeschäft verdoppelte sich der Gewinn nahezu im ersten Halbjahr auf 2,4 Milliarden Euro.  Nun hat der Bund beschlossen, dass drei Braunkohlekraftwerke, die bisher nur in „Sicherheitsbereitschaft“ sind, wieder angefahren werden. Das würde dann Millionen Euro zusätzlich in die Kasse spülen. Kein Wunder, dass die RWE-Aktie im vergangenen Jahr um 30 Prozent an Wert gewonnen hat.