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Düsseldorf: Wer nie krank ist, bekommt eine Prämie

Düsseldorf : Wer nie krank ist, bekommt eine Prämie

Einige Unternehmen zahlen Mitarbeitern einen Bonus, wenn diese sich nicht krankmelden. Amazon setzt dabei auf Gruppenloyalität - für den Bonus sind die Fehlzeiten des Teams entscheidend. Bei Experten kommt das nicht gut an.

Bei Amazon gilt beim Thema Fehlzeiten in Teilen das Motto der drei Musketiere: einer für alle. Die Mitarbeiter des Online-Händlers werden in einigen Logistikzentren belohnt, wenn sie nicht krank werden. Die volle Prämie am Jahresende erhält, wer keinen Tag gefehlt hat. Voraussetzung ist - und hier kommen die Musketiere ins Spiel - dass sich auch die Kollegen verlässlich am Arbeitsplatz einfanden.

Amazon ist nicht der einzige Arbeitgeber, der mit solchen Modellen experimentiert. Der Gewerkschaft Verdi ist die Methode ein Dorn im Auge. Sie sei eine "völlig verfehlte Herangehensweise an ein großes Problem bei Amazon", sagt Thomas Voss, der bei Verdi für Amazon zuständig ist. Die Krankenraten im Unternehmen seien wesentlich höher als der Durchschnitt. "Wir sind der Überzeugung, das liegt an der physisch und psychisch hohen Belastung", sagte Voss. Vor allem kritisiert er, dass der Bonus auch von den Kollegen abhängt. "Im Team wird Druck ausgeübt auf diejenigen, die krank sind." Sorgt der Bonus also eher für ein "Alle gegen einen"-Arbeitsklima?

Diese Sorge hat jedenfalls Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück: "Dabei haben gerade zwischenmenschliche Faktoren einen großen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit." Heißt: Wer unzufrieden ist, macht häufiger "blau".

Auch aus Sicht der Motivationsforschung sei die Prämie kein kluger Weg. "Die Beschäftigten werden für etwas belohnt, das eigentlich selbstverständlich ist."

Jörg Schüring hat sich trotzdem auf einen Test eingelassen. Er ist Betriebsratschef am Amazon-Standort in Rheinberg. Man habe kontrovers diskutiert, aber einer Testphase zugestimmt - allerdings unter bestimmten Bedingungen. "Uns war wichtig, dass die Gruppen sehr groß sind und die Mitglieder anonym bleiben, damit für den einzelnen Mitarbeiter kein Druck entsteht, krank zur Arbeit zu kommen", sagt Schüring. Die Belegschaft wurde dazu in vier Gruppen mit jeweils rund 500 Mitarbeitern eingeteilt.Ende des Monats endet der Test. "Wir werden genau prüfen, ob die Krankenquoten rückläufig sind. Das wäre für uns ein Hinweis darauf, dass die Mitarbeiter krank zur Arbeit kommen", so Schüring. Standortleiter Karsten Frost sagt aber deutlich: "Wer krank ist, soll sich erholen."

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In Rheinberg hat der Betriebsrat zugestimmt, weil er hofft, dass dieses Bonussystem für die Mitarbeiter vorteilhafter ist als das alte. "Bislang ist die Resonanz aus der Belegschaft relativ positiv", so Schüring. Auch andernorts ist der Anwesenheitsbonus kein seltenes Phänomen.

Seit Anfang des Jahres zahlt der Auto-Hersteller Daimler Mitarbeitern eine Prämie von maximal 200 Euro brutto pro Jahr. Diese ist jedoch nur von individuellen Fehlzeiten abhängig. Den vollen Betrag erhält, wer innerhalb eines Jahres keinen Tag arbeitsunfähig war. Bei einem Fehltag pro Quartal gibt es noch 30 Euro, danach entfällt der Bonus für diesen Zeitraum. Die quartalsweise Verteilung soll sicherstellen, dass auch bei einer längeren Krankheit nicht die komplette Prämie entfällt. In einer zweijährigen Pilotphase habe man positive Erfahrungen mit dem Bonus gemacht, sagte ein Sprecher.

Eines sollten Betriebe dabei jedoch nicht außer Acht lassen: Langfristig könnten Mitarbeiter, die krank zur Arbeit kommen, um den Bonus zu bekommen, sogar von Nachteil sein. Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, warnt: "Beschäftigte, die öfter krank im Betrieb erscheinen, sind später einem erhöhten Risiko für schwere Erkrankungen ausgesetzt." Das Auskurieren sollte daher, so Schröder, auch ohne schlechtes Gewissen möglich sein.

(RP)