Bergheim: Weitere RWE-Kraftwerke auf der Kippe

Bergheim : Weitere RWE-Kraftwerke auf der Kippe

Der Kraftwerksparte des Konzerns verbucht im ersten Quartal einen Gewinneinbruch um 25 Prozent. Wegen niedriger Strompreise schreibt jede vierte Anlage Verluste. Das will RWE nicht länger hinnehmen, auch Braunkohle wird geprüft.

Stellenabbau, Gewinneinbruch, abgeschaltete Kraftwerke - die Krise beim Energiekonzern RWE hat sich weiter verschärft. Die Kraftwerksparte RWE Generation prüft daher in den kommenden Monaten, weiteren unrentablen Anlagen den Stecker zu ziehen. "Wir nehmen jeden einzelnen Block kritisch unter die Lupe", sagte Spartenchef Matthias Hartung gestern bei einer Pressekonferenz. Seit Januar 2013 habe das Unternehmen bereits 13 Anlagen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien mit einer Gesamtleistung von mehr als 12 600 Megawatt ganz oder zeitweise abgeschaltet. Darunter sind auch relativ neue Anlagen wie etwa das Gaskraftwerk im niedersächsischen Lingen, das vorerst für die Sommermonate ruht. Insgesamt betreibt RWE europaweit rund 30 Gas- und Kohlekraftwerke.

Bisher waren vor allem Gaskraftwerke betroffen, doch nun sind auch die rentableren Kohlekraftwerke an der Reihe. Braunkohle-Vorstand Ulrich Hartmann bestätigte, dass zum Beispiel auch das Braunkohlekraftwerk in Grevenbroich-Frimmersdorf auf dem Prüfstand stehe. 20 bis 30 Prozent aller RWE-Anlagen erwirtschaften nicht einmal die Kosten für Brennstoff und CO2-Ausstoß. "Wir können nicht dauerhaft Kraftwerke weiter betreiben, die rote Zahlen schreiben. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht", sagte Hartung.

Das Problem für konventionelle Betreiber: Ökostrom genießt Vorrang im Netz. Wenn die Produktion ansteigt, wird der Strom aus konservativer Erzeugung verdrängt. Die so erzeugte Strommenge und damit auch die Auslastung sinkt. Das bestätigt eine Analyse des Fraunhofer-Instituts, wonach im ersten Halbjahr 2014 die erneuerbaren Energien (81,1 Terawattstunden) erstmals die Braunkohle (69,7 Terawattstunden) als wichtigste Quelle im Strommix abgelöst haben. Das macht sich auch bei RWE bemerkbar: Im Jahresvergleich sank die mit Braunkohle erzeugte Strommenge im ersten Quartal um 3,5 Prozent auf 29 Terawattstunden. Die in den Tagebauen Garzweiler, Hambach und Inden geförderte Menge Braunkohle sank um vier Prozent auf 24 Millionen Tonnen.

Doch das allein macht noch nicht den Gewinneinbruch bei RWE Generation aus, der sich fortgesetzt hat. Das betriebliche Ergebnis schrumpfte in den ersten drei Monaten um ein Viertel von 744 Millionen auf 559 Millionen Euro. Dieser Trend werde sich für das gesamte Jahr so fortsetzen, obwohl anders als im vergangenen Geschäftsjahr keine Abschreibungen anstehen, die das Ergebnis belasten, so Hartung. Das Unternehmen macht dafür vor allem die Großhandelspreise für Strom verantwortlich, die seit 2012 um rund 40 Prozent gefallen sind. Im Moment kostet die Kilowattstunde 3,4 Cent. Auch der Stellenabbau setzte sich fort, im Jahresvergleich sank die Zahl der Mitarbeiter in der Stromerzeugung in Deutschland um 669 auf gut 14 000.

RWE erneuerte seine Forderung, dass künftig nicht mehr nur der Verkauf von Strom bezahlt werden müsse, sondern schon die Bereitstellung von Kapazitäten. Dadurch würde sich auch der Strompreis für die Verbraucher erhöhen. RWE geht von etwa 0,2 Cent pro Kilowattstunde im Einführungsjahr aus. "Wenn man keinen Kapazitätsmarkt einführt, wird es zu weiteren Stilllegungen kommen, und dann ist die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet", sagte Hartung.

Doch die niedrigen Strompreise sind nicht die einzige Sorge der RWE-Kraftwerkssparte. Denn durch die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetztes (EEG) könnten die Tagebaue ihre Befreiung von der EEG-Umlage verlieren. Sollte RWE demnach für selbst erzeugten und verbrauchten Strom die volle Umlage zahlen müssen, rechnet Hartung mit zusätzlichen Kosten von bis zu 250 Millionen Euro. "Das wäre etwa so, als wenn ein Hobbygärtner für die selbst angebauten Kartoffeln die Mehrwertsteuer bezahlen müsste", schimpfte Hartung.

(RP)
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