Düsseldorf: Warum so viele einen Zweitjob haben

Düsseldorf : Warum so viele einen Zweitjob haben

Die Zahl der Menschen mit einer zusätzlichen Stelle hat sich binnen knapp zehn Jahren auf 2,66 Millionen verdoppelt. Arbeitsmarktforscher rätseln über die Gründe, Gewerkschaften machen hingegen Niedriglöhne dafür verantwortlich.

Rund 2,66 Millionen Menschen haben in Deutschland einen Zweitjob. Sie gehen neben der Arbeit kellnern, räumen im Supermarkt Regale ein oder kassieren an der Tankstelle – obwohl sie im Hauptberuf sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Das geht aus aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor. Seit 2003 hat sich die Anzahl der Menschen mit Zweitjob nahezu verdoppelt. Inzwischen verdient sich fast jeder zehnte Beschäftigte neben der Hauptarbeit noch etwas hinzu.

Was die Zahlen nicht verraten, sind die Gründe, warum Menschen neben ihrem Hauptberuf eine zusätzliche Stelle haben. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund ist man sich sicher, dass Niedriglöhne Ursache für die zunehmenden Zweitjobs sind. Auch die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Die Linke), glaubt, dass die Menschen "aus purer finanzieller Not und nicht freiwillig" arbeiten gingen. Anders im Arbeitsministerium: Hier mutmaßt man, auch die "gestiegene Konsumlust" könne ein Motiv sein.

Die Wissenschaft kann keine sichere Antwort geben. "Wir wissen es nicht", sagt Frank Wießner, Beschäftigungs-Experte beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Bei den rund 2,66 Millionen Menschen mit Zweitjob könne es ebenso viele Gründe geben, warum sie diesen zusätzlichen Arbeitsplatz annähmen. Allerdings, sagt Wießner, habe die Linken-Abgeordnete Zimmermann in einem Punkt Recht: "In dieser Mehrfachbeschäftigung kann eine soziale Frage stecken."

Eine IAB-Studie fand 2011 deutliche Hinweise darauf, dass ein geringer Lohn Grund für einen Zweitjob sein könnte: "Wenn jemand einen Mini-Nebenjob hat, verdienen 40 Prozent dieser Arbeitnehmer in ihrem ersten Job weniger als 1250 Euro brutto", heißt es da. Auch eine repräsentative Umfrage der IG Metall ergab zuletzt, dass etwa 39 Prozent der Beschäftigten nur mit Nebenjobs finanziell über die Runden kämen. Der Wert stieg binnen eines Jahres um 16 Prozent. Allerdings gaben auch 34 Prozent der über 35-Jährigen an, sich zusätzlich etwas leisten zu wollen, elf Prozent wollten Schulden zurückzahlen.

Ein Grund für den wachsenden Trend zum Zweitjob könnte auch der steigende Anteil der Teilzeitarbeiter sein. 7,5 Millionen, also knapp ein Viertel aller 29 Millionen Beschäftigten, arbeitet Teilzeit – es sind vor allem Frauen. Gleichzeitig liegt ihr Anteil auch bei den Beschäftigten mit Zweitjob höher. "Vielleicht kombinieren sie die Arbeit mit einem Mini-Job, um im Hinblick auf die Kinderbetreuung flexibel zu bleiben", spekuliert Wießner: "Oder ihr Chef ermöglicht es ihnen nicht, auf eine volle Stelle aufzustocken."

Wie auch immer – die Zahl der Zweitjobber nimmt zu. Im Dezember 2003 waren es 1,44 Millionen Menschen mit einer Zusatzbeschäftigung. 2008 lag die Zahl bereits bei 2,28 Millionen Beschäftigten, jetzt bei 2,66 Millionen Menschen mit (seit diesem Jahr) 450 Euro steuerfreiem Nebenverdienst. Die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen, denn ob Selbstständige oder Beamte einer Nebentätigkeit nachgehen, wird in den Statistiken nicht erfasst – und auch Schwarzarbeit spielt in den Zahlenreihen der Agentur für Arbeit keine Rolle.

Dass in Westdeutschland der Anteil der mehrfach beschäftigten Menschen doppelt so hoch ist wie im Osten, lässt sich aus Wießners Sicht einfach erklären: "Die Mehrfachbeschäftigung findet vor allem in prosperierenden Regionen statt, wo es auch die Nachfrage nach Arbeit gibt." Besonders hoch liegt der Anteil daher in Hamburg, Baden-Württemberg, Bayern und NRW.

(RP)