Serie Mein Geld Podiumsdiskussion: "Warum dürfen Banken nicht pleitegehen?"

Serie Mein Geld Podiumsdiskussion : "Warum dürfen Banken nicht pleitegehen?"

Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen, EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger und Sparkassen-Direktor Arndt Hallmann im Gespräch.

Nur ein Viertel der Deutschen vertraut den Banken noch. Was müssen Sie tun, um das Vertrauen zurückzugewinnen?

Fitschen Dem Bankensektor allgemein vertrauen zu wenige. Wenn Sie aber fragen, wer seiner Bank vertraut, dann sind es 70 bis 80 Prozent. Die öffentliche Wahrnehmung ist insgesamt schlecht. Es ist einfach, Banken-Schelte zu betreiben und dafür Beifall zu bekommen. Das müssen wir ändern. Wir kommen aber an einer Tatsache nicht vorbei: Zu viele Menschen verlassen die Schule ohne ein Verständnis für den Finanzsektor. Wir müssen besser vermitteln. Das Vertrauen wieder zu gewinnen, ist unsere große Aufgabe. Deutschland wäre gut beraten, auf seinen Bankensektor stolz zu sein wie auf seinen Automobilsektor.

Aber auch das Image von Sparkassen hat gelitten. Ausgerechnet sie, die als seriös und langweilig galten, rieten alten Menschen einst, in riskante Lehman-Produkte zu investieren. Brauchen Sparkassen einen Kulturwandel?

Hallmann Man kann es sich einfach machen und sagen, wir sind die Gewinner der Krise. Doch auch wir haben unsere Themen, die wir abarbeiten müssen. Die Kunden haben großes Vertrauen zu uns. Aber wir müssen den Menschen auch klar machen: Volle Sicherheit können wir ihnen auch nicht geben. Rendite ist stets auch ein Ausdruck des Risikos. Wir müssen das viel besser erklären. In den Schulen fehlt zu oft das Fach Wirtschaft.

Auch die geplante Bankenunion soll das Risiko von Finanzkrisen verringern. Gestern haben sich EU-Kommission und EU-Parlament geeinigt. Einer ihrer Pfeiler ist die Bankenaufsicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) soll künftig etwa 128 Großbanken überwachen. Übernimmt sich die EZB?

Lautenschläger Es ist eine Herkulesaufgabe, aber wir sind gewappnet. Wir werden im November arbeitsfähig sein. Wir haben nicht nur Räume und Personal, sondern auch Konzepte. Wir werden die Aufsicht über ungefähr 120 Großbanken übernehmen, das sind 85 Prozent der aggregierten Finanzsumme. Bei 4000 weiteren Banken setzen wir die Richtlinien für die Aufsicht. Wir sind seit eineinhalb Jahren dabei, diese Aufsicht aufzubauen. Spätestens am 4. Mai wird die Rahmenverordnung veröffentlicht, die bindend sein wird. Allein die Deutsche Bank wird 69 Aufseher haben.

Fitschen Es sind sogar 70.

Aber ein Vorwurf lautet, die EZB hat noch gar nicht genug Personal.

Lautenschläger Gute 1500 Aufseher und Wirtschaftsprüfer sind aktuell allein in deutschen Banken unterwegs. Wir werden 58 Prozent der Risikoaktiva überprüfen. Das dient dazu, Transparenz zu schaffen und für Vertrauen in den Bankensektor zu sorgen. Die EZB wird so einen umfassenden Überblick über die Risikolage bekommen. Die Zeit, die Arbeit und das Geld sind gut angelegt.

Zur Regulierung gehört der Stresstest. Werden alle Banken bestehen?

Fitschen Ich glaube nicht, dass jemand durchfällt. Gerüstet sind alle. Auch wir. So einen Datenaustausch, wie wir ihn gerade durchführen, habe ich noch nicht gesehen. Vieles davon ist noch per Hand zu machen. Der Umfang ist aber auch richtig. Wenn alle den Test überstehen, dann darf das nicht darauf zurückgeführt werden, dass die Kriterien zu milde waren. Ein Muster ohne Wert hatten wir schon einmal.

Macht ein Blauer Brief für manche den Test nicht glaubwürdiger?

Fitschen Das ist wie in der Schule. Diejenigen, die eine Eins bekommen, sagen: Guck mal, es war nicht so einfach, eine gute Note zu bekommen.

Lautenschläger Für die Bilanzprüfung kann man sehr gut erkennen, dass wir das Thema ernst nehmen und dass wir hart sein werden.

Ein Pfeiler der Bankenunion ist die geordnete Abwicklung von notleidenden Banken. Dazu sollen Banken einen Fonds mit 55 Milliarden Euro füllen. Sollen Sparkassen künftig eine Bank in Griechenland retten?

Hallmann Wir begrüßen, dass die Institutssicherung in das Konzept eingearbeitet wurde. Wir sehen es allerdings kritisch, wenn die Sparkassen und Regionalbanken für risikoreiche Geschäftsmodelle im Ausland zur Verfügung stehen müssen.

Reichen 55 Milliarden in dem Fonds? Oder müssen es 500 Milliarden sein?

Fitschen Dieser Topf wird ja hoffentlich nie angerührt – wie eine Feuerwehr, die man hat, aber hoffentlich nie braucht. Künftig wird es einfach sein: Jeder weiß, wann er drankommt bei der Inanspruchnahme seiner Bank. Wir werden mit neuen Haftungsverhältnisen leben müssen. Eines muss gewährlistet sein: Dass der Steuerzahler nicht wieder so zur Kasse gebeten wird. Das haben wir in der Krise gelernt. Jedes Unternehmen kann pleitegehen, ohne dass der Staat helfen muss. Warum darf das für Banken nicht auch gelten? Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, dass Institute herausfallen können, ohne dass wir wieder eine Krise erwarten müssen.

Vielen Deutschen macht am meisten Sorge die dritte Säule der Bankenunion, die geplante gemeinsame Einlagensicherung. Müssen deutsche Sparer spanische Banken retten?

Fitschen Dieser Punkt ist nicht abschließend behandelt. Ich bin überzeugt, dass die Einlagensicherung eines Tages vorhanden sein wird.

Wird es künftig weniger Banken geben?

Fitschen Es werden weniger sein. Wie viele, weiß ich nicht. Alle Industrien haben diesen Wandel durchgemacht, warum nicht auch Banken?

Banker-Boni sollen künftig maximal so hoch sein dürfen wie das Grundgehalt. Sind die Regeln ausreichend?

Lautenschläger Man muss die Regulierung der letzten fünf Jahre als Paket sehen. Es ist wichtig, dass wir die Vergütungsstruktur verbessert und reguliert haben. Ich glaube, dass wir zu wenige Regeln hatten. Und ich glaube nicht mehr an Selbstregulierung. Die Frage der Vergütung ist eine Frage der Regulierung. Passt das zusammen mit anderen Regulierungselementen? Wenn es nicht so ist, muss man da noch einmal ran. Ich bin sehr dafür, dass man mit Ausnahmen von ein paar Dingen jetzt erst einmal Halt macht und schaut, welche Folgen es gibt. Muss man noch ein bisschen zulegen oder in einigen Bereichen sogar zurückgehen? Das ist die Arbeit der nächsten zehn Jahre.

Fitschen Das haben Sie sehr nett formuliert. Das könnte von mir sein: Es wäre gut, dass wir jetzt einmal Halt machen mit der Regulierung. Die Regulierung der Vergütung verschafft uns global einen Nachteil im Wettbewerb um Mitarbeiter.

Lautenschläger In diesem Bereich bin ich überzeugt: Es war gut, dass wir vorangeschritten sind.

Fitschen Das sind wir im Energiesektor auch. Aber keiner hat nachgezogen, und jetzt haben wir das Problem.

Ist Ihr Gehalt angemessen?

Fitschen Wir sind alle sehr gut bezahlt, das wissen wir. Deswegen strengen wir uns an, das zu rechtfertigen. Die Frage können Sie unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten sehen, oder Sie können sie unter Wettbewerbsgesichtspunkten sehen. Am Ende zählt das, was der Aufsichtsrat entschieden hat.

Welche Auswirkungen haben die Sanktionen gegen Russland?

Fitschen Derzeit ist der Einfluss gering, aber das kann sich morgen schon ändern. Wir haben keinen Anlass zu Panikreaktionen. Ich sehe lange nicht, dass deutsche Banken nachhaltig geschädigt werden.

Haben Sie Angst vor Enteignungen, wie sie in der Duma als Antwort auf Sanktionen diskutiert werden?

Fitschen Nein, es wäre eine der dümmsten Reaktionen, die man sich vorstellen kann. Aber man ist ja gegen Dummheit nicht gefeit.

Das Beratungsprotokoll bei Wertpapiergeschäften soll die Beratung transparenter machen. Ist das nicht eine Überregulierung?

Lautenschläger Man muss für Transparenz sorgen und als Bank zeigen, wie man den Kunden beraten hat. Ich halte das Protokoll für sehr wichtig. Hier und dort wird es noch falsch angewandt. Es giltQuantität ist nicht gleich Qualität.

Hallmann Der Wertpapierbogen ist positiv zu sehen. Allerdings erfasst er nicht den Bereich, wo es zuletzt die größten Skandale gab: nämlich den grauen Kapitalmarkt.

DIE DEBATTE FASSTEN ANDREAS GRUHN UND FLORIAN RINKE ZUSAMMEN.

(RP)
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