Analyse: Wann gibt's mal wieder richtig Zinsen?

Analyse : Wann gibt's mal wieder richtig Zinsen?

Die EZB hält den Leitzins bei null und kauft weiter jeden Monat Anleihen - wenn auch nur noch für 60 Milliarden Euro. Das Unverständnis, das sie ernten, ficht die Notenbanker nicht an. Für Sparer ist die Durststrecke noch längst nicht zu Ende.

Das Signal, das die Europäische Zentralbank (EZB) ausgesandt hat, ist an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen. Die Schlüsselzinssätze würden weit über die Zeit des Anleihen-Kaufprogramms hinaus auf dem aktuellen Niveau oder sogar noch niedriger liegen - so war die Botschaft der europäischen Notenbanker nach der Sitzung des EZB-Rates.

Auf dem aktuellen Niveau oder noch niedriger - das heißt: Der Leitzins bleibt bei null oder fällt sogar darunter. Eine Botschaft, die in den Augen der Sparer keine frohe ist. Denn sie bedeutet, dass das Ende der Durststrecke bei festverzinslichen Geldanlagen noch lange kein Ende hat. Wer Rendite haben will, ist weiterhin auf Aktien, Gold oder Immobilien angewiesen, mit dem entsprechenden Risiko von Kursschwankungen und Blasenbildung. Ganz zu schweigen davon, dass die Wahrscheinlichkeit wächst, dass Banken und Sparkassen den Strafzins, den sie selbst für kurzzeitige Einlagen bei der EZB zahlen müssen, irgendwann doch an die Privatkunden weitergeben, auch wenn sie davor noch zurückschrecken.

Dagegen dürfen sich jene, die ein Haus oder eine Wohnung bauen oder kaufen, weiterhin über günstige Finanzierungsmöglichkeiten freuen. Und auch der Staat spart jedes Jahr Milliarden an Zinszahlungen. Änderung, so heißt es, sei in diesem Jahr nicht in Sicht. Auf die Anleger-Frage: "Wann gibt's mal wieder richtig Zinsen" kann man wohl nur antworten: Nicht vor 2018.

Natürlich kann es niemals eine Geldpolitik geben, die allen gefällt, weil Partikularinteressen von Sparern und Kreditnehmern diametral verschieden sind. Die Frage ist, wie lange die aktuelle Geldpolitik unter dem Strich nutzt respektive ab wann sie schadet. Die Währungshüter haben die Niedrigzinspolitik und die Anleihenkäufe, deren monatliche Höhe ab April von 80 Milliarden auf 60 Milliarden Euro sinkt, begonnen, weil sie damit die Konjunkturschwäche vor allem in Frankreich und in den Ländern Südeuropas bekämpfen und einer möglichen Deflationsspirale mit fatalen Folgen für die europäische Wirtschaft vorbeugen wollten. Nur: Diese Ziele sind weitgehend erreicht. Von Deflationsgefahr kann in Europa nicht mehr die Rede sein. 2016 lag die Preissteigerungsrate in Deutschland zwar bei nur 0,5 Prozent, aber im Februar stieg sie auf zwei Prozent. Und für 2017 und 2018 werden Raten von 1,7 beziehungsweise 1,6 Prozent vorausgesagt. Die Konjunktur in der Euro-Zone hat zuletzt deutliche Fortschritte gemacht.

Warum also bleibt die EZB bei ihrer harten Linie? Antwort: Weil für sie die Kerninflation ein entscheidendes Kriterium ist, also der Preisanstieg unter Herausrechnung des Effekts, der durch teureres Öl und höhere Lebensmittelpreise entsteht. Öl ist zuletzt wieder deutlich teurer geworden, aber dies ist aus EZB-Sicht nur ein vorübergehender Effekt. Credo der Notenbank: Die Kerninflationsrate beträgt nur 0,9 Prozent, und das liegt deutlich unter der Zielmarke von zwei Prozent. Also gibt es für die Währungshüter vorerst noch keinen Grund, von Niedrigzinspolitik und Anleihenkäufen abzurücken.

Und: Die Notenbanker ficht das Unverständnis, das sie ernten, auch deshalb noch nicht an, weil sie die Wahlen in Frankreich und den Niederlanden als Risikofaktor sehen. Gäbe es in diesen beiden Ländern nämlich Wahlsiege der Rechtspopulisten, könnte das entsprechende negative Folgen für die Konjunktur haben. Vor allem Frankreich als zweitgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone könnte das Wachstum extrem bremsen. Ein Zinsanstieg, der die Kredite verteuern würde, wäre Gift. Die Möglichkeit, die Zinsen im Extremfall sogar unter die Nulllinie fallen zu lassen, ist sicherlich vor allem einem solchen Szenario geschuldet.

Umgekehrt gilt aber: Ohne Wahlsiege von Le Pen/und oder Geert Wilders verliert die EZB spätestens im Mai die Argumentationsbasis für Niedrigzinspolitik und Märkteflutung. Auch eine Inflationsrate, die "nur" bei einem Prozent läge, würde eine derart expansive Geldpolitik mit einem realen Vermögensverlust für Sicherheitssparer nicht mehr rechtfertigen. Ein langsamer Ausstieg aus Anleihen-Kaufprogramm, eine Anhebung des Leitzinses und ein Abrücken von Negativzinsen sind also vorgezeichnet. Passiert das nämlich nicht, drohen vor allem Spekulationsblasen an den Aktien- und Immobilienmärkten und neue Probleme in der Geldwirtschaft, weil das Zinsgeschäft zunehmend schwieriger wird. Und neue Sorgen um die Banken kann Europa wahrlich auch nicht gebrauchen.

(RP)
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