Düsseldorf: Vodafone-Chef legt schon los

Düsseldorf : Vodafone-Chef legt schon los

Der künftige Vorstandschef Jens Schulte-Bockum übernimmt intern das Kommando. Morgen öffnet der Düsseldorfer Mobilfunker den ersten "Flagship-Store", die Zweitmarke Otelo wird gestärkt – Jobs wandern nach Düsseldorf.

An sich ist Vodafone-Chef Friedrich Joussen, 49, bis Ende September erster Vodafone-Mann in Deutschland, bevor er dann als künftiger Chef zum Tourismuskonzern TUI wechselt. Doch an immer mehr Indizien zeigt sich, dass sein inthronisierter Nachfolger Jens Schulte-Bockum, 45, klar das Kommando übernimmt, während Joussen sich zurückzieht. Schon am Donnerstag will Schulte-Bockum in Berlin auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin über seine Strategie informieren – Joussen gibt seinen Abschied auf der "Vodafone-Night" mit vielen Promis am 26. September ebenfalls in Berlin.

Der frühere McKinsey-Berater Schulte-Bockum schafft als "Chief Operating Officer" Fakten. So zeichnet sich klar ab, dass die frühere Zentrale des Festnetz-Zukaufs Arcor in Eschborn weitgehend geschliffen wird. Noch arbeiten dort viele Mitarbeiter im Personalwesen, im Finanzbereich und auch in der Rechtsabteilung, doch Vodafone prüft nun die Verlagerung aller dieser Jobs nach Düsseldorf, wenn der neue Campus in Düsseldorf-Heerdt eröffnet wird. Die Landeshauptstadt wird aufgewertet, insgesamt läuft das aber auf Jobabbau hinaus. "Jeder rechnet damit, dass in den umziehenden Abteilungen ein Viertel bis Drittel der Kollegen lieber eine Abfindung nimmt, als mitzugehen", sagt ein Vodafone-Manager, "damit wären dann wieder einige Dutzend Stellen weg."

Beim Vertrieb will Schulte-Bockum morgen Abend zeigen, wo es hingeht: Er eröffnet in Köln auf der Schildergasse den ersten "Flagship-Store" von Vodafone. Das Interessante: Erstmals können Kunden Termine vereinbaren, um sich von Experten beim Einstellen ihres Smartphones beraten zu lassen – Apple-Shops sind Vorbild. "Reines Verkaufen ist out", heißt es im Umfeld von Schulte-Bockum, "weil der Mobilfunk immer komplexer wird, müssen wir bessere Beratung bieten." Dabei soll der Kölner Shop Vorbild für bessere Bedienung in allen größeren Vodafone-Läden werden. Die Mitarbeiter bekamen schon Ende vergangenen Jahres Visitenkarten, damit Kunden einen festen Ansprechpartner haben.

Eine Gnadenfrist von Schulte-Bockum erhält das Anfang 2011 gestartete Angebot "Vodafone-TV." Als "Joussens Baby" wird es intern bespottet und es läuft nicht gut: Nur 170000 Haushalte nutzen das Angebot, berichten Insider, jetzt wurden die Planvorgaben um mehr als 50 Prozent gesenkt. Der neue Chef wird allerdings auf der IFA verkünden, an Vodafone-TV trotz der hohen Anlaufverluste festzuhalten. Immerhin hat Vodafone 3,4 Millionen DSL-Kunden.

Noch mehr als Joussen will Schulte-Bockum das Geschäft mit Geschäftskunden und mit Partnern ausbauen. So will Vodafone bei Energiedienstleistungen, bei Angeboten rund um Medizin und das Auto stärker punkten – die Telekom ist da insgesamt erfolgreicher.

Als Erfolg feiern die Düsseldorfer, dass der bisherige Chef der Geschäftskundensparte in Deutschland, Jan Geldmacher, zum 1. September die weltweite Geschäftskundensparte von London aus verantwortet.

Jetzt müssen Geldmacher und Schulte-Bockum aber als Duo bei Welt-Vorstandschef Vittorio Colao durchsetzen, dass mehr Geld für anspruchsvolle Entwicklungen in Zukunftsgeschäften locker gemacht wird. Joussen hatte unter anderem auch gekündigt, weil ihm große Investitionen speziell für den Ausbau des Festnetzes verweigert worden waren.

An sich ist Schulte-Bockum ein Mann der Zentrale – immerhin arbeite er fünf Jahre in London. Doch gleichzeitig gilt der Vater von vier Kindern auch als unabhängiger Kopf. So führte er als Chef von Vodafone in den Niederlanden jenseits der Konzerndisziplin eine Zweitmarke für preisbewusstere Kundengruppen an – jetzt will er die bereits von Joussen gestartete Zweitmarke Otelo weiter stärken.

Bekannt geworden ist Otelo vorrangig durch das Sponsoring für Fortuna Düsseldorf als Bundesliga-Aufsteiger – Schulte-Bockum muss jetzt entscheiden, ob er Otelo ebenso als Flatrate-Marke für den Mobilfunk ausbaut, wie es E-Plus mit Base macht.

In den Niederlanden kritisierte er jedenfalls öffentlich, dass die Mobilfunker ihre Kunden mit unklaren Aussagen oft verwirren – da Vodafone in Deutschland bald droht, die neu errungene Marktführung gegen die Telekom im deutschen Mobilfunk wieder zu verlieren, hat er also viel zu tun. Sein Rezept klingt fast schon banal: Gute Kunden durch guten Service halten.

Ob das reicht? Von Ende März bis Ende Juni verlor Vodafone insgesamt 655 000 Mobilfunkkunden in Deutschland und hat nun noch 35,8 Millionen Kunden, wogegen die Telekom von 35, 1 Millionen auf 35,5 Millionen Verträge zulegte. Noch so ein Quartal, und die Telekom ist wieder Marktführer – und Jens Schulte-Bockum müsste die Entwicklung erklären.

(RP)
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