VDI warnt vor Jobverlagerungen ins Ausland

Industrie schafft 40.000 neue Stellen : VDI warnt vor Jobverlagerungen ins Ausland

Die deutsche Industrie sucht händeringend Personal. Was den Boom gefährden könnte: Sie findet es nicht. Mangels qualifizierter Bewerber bleiben rund eine Million Stellen unbesetzt. Der VDI warnt: In Deutschland wird zu viel studiert.

Wie schon in der Bankenkrise vor fünf Jahren ist die Industrie auch in der aktuellen Euro-Krise der stabilisierende Anker der deutschen Wirtschaft. Aktuell bereitet sie sich sogar auf einen Aufschwung vor und will noch in diesem Jahr 40.000 neue Jobs schaffen. Das geht aus dem "Industriereport 2014" hervor, den der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Dienstag vorgelegt hat.

DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte mit Blick auf die verbesserte Geschäftslage, optimistische Prognosen und steigende Investitionspläne bei 7800 befragten Unternehmen: "Die Industrie hat das Zeug, 2014 Konjunkturtreiber Nummer eins zu werden."

Trotzdem gossen Arbeitsmarktexperten, der Verband der Deutschen Ingenieure (VDI) und auch der DIHK selbst gestern Wasser in den Wein. So warnt Gesamtmetallchef Rainer Dulger sogar vor "ersten Anzeichen einer De-Industrialisierung" hierzulande: "In vielen deutschen Unternehmen liegen die Investitionen innerhalb Deutschlands unter den Abschreibungen", sagte der Arbeitgebervertreter. Viele Unternehmen würden neue Werke eben nicht hier, sondern im Ausland errichten. Wie der DIHK sieht Dulger in den hohen Energie- und Rohstoffkosten ein wachsendes Motiv für das Abwandern von Jobs. "Mittlerweile planen 25 Prozent der Industrieunternehmen, Produktionskapazitäten ins Ausland zu verlagern oder heimische Produktion zu verringern", berichtet der DIHK.

Vor zwei Jahren war der VDI noch gegenteiliger Meinung. "Die Produktionsverlagerung ins Ausland hat 2012 den niedrigsten Stand seit Mitte der 1990er Jahre erreicht", sagte der damalige VDI-Präsident Bruno Braun aufgrund einer damals noch aktuellen Studie und rief "die Renaissance des Produktionsstandortes Deutschland" aus. Der neue VDI-Direktor Ralph Appel sieht das inzwischen ganz anders. Er sagte am Dienstag unserer Redaktion: "Wenn die Energiepreise in Deutschland noch lange auf dem heutigen Niveau bleiben, werden wir industrielle Arbeitsplätze an das Ausland verlieren." Die Kehrtwende im Hause VDI erklärt er so: "Vor zwei Jahren konnte noch niemand absehen, dass die Energiewende so hohe Kosten verursachen würde. Die Bundesregierung sollte zügig geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen." Neben dem Chemiekonzern BASF hatte kürzlich auch der Stahlriese ThyssenKrupp die Gefahr der hohen Strompreise für die Jobs in seinen deutschen Werken betont.

Und noch ein zweites Problem brennt der Industrie unter den Nägeln: der Fachkräftemangel. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) blieben Ende 2013 in Deutschland über eine Million Stellen unbesetzt. Appel macht dafür auch "die zunehmende Akademisierung in Deutschland" verantwortlich. Der VDI-Chef sagt: "Sie führt dazu, dass immer mehr Leute Maschinen und Anlagen entwerfen, aber immer weniger in der Lage sind, diese Maschinen auch zu bauen."

Dass es trotz ihrer lauten Klagen über Fachkräftemangel und Strompreiskrise mit der deutschen Industrie weiter bergauf geht, ist für Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) kein Widerspruch. "Die deutsche Industrie ist derzeit eben so stark, dass sie diese Probleme noch kompensieren kann", sagt der Experte. Trotzdem seien die Klagen berechtigt. Eine Massenflucht der deutschen Unternehmen ins Ausland sieht das IW aber nicht. "Es noch gibt keine Zahlen, die das belegen", sagt Schäfer. Er betont dabei das "noch".

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(RP)