Hamsterkäufe: Zuckermangel macht Eis teurer

Hamsterkäufe : Zuckermangel macht Eis teurer

Remscheid/Düsseldorf (RP). Neben den Preisen für Vanille, Kakao und Mehl sind auch die für Zucker explodiert. Das führt dazu, dass Eis in dieser Saison in vielen Eisdielen mehr kostet. Im Nachbarland Polen ist der Zucker inzwischen so knapp und teuer, dass die Menschen im deutschen Grenzgebiet Hamsterkäufe tätigen.

Schweren Herzens hat Pasquale Sagui zu Beginn der Saison die Preise in seiner Eisdiele in Remscheid-Lennep erhöht. 70 statt 60 Cent kostet bei ihm nun eine Kugel Eis. "Ich habe lange versucht, die Preiserhöhungen für Rohstoffe nicht an die Kunden weiterzugeben, aber jetzt ging es einfach nicht mehr anders", sagt der Italiener, der seit vielen Jahren seine Eisdiele betreibt. Vor allem die stark gestiegenen Preise für Zucker und Strom hätten diesen Schritt unumgänglich gemacht.

77 Euro muss Pasquale Sagui derzeit bei seinem Großhändler für 100 Kilogramm Zucker bezahlen — und das auch nur, weil er langfristige Verträge geschlossen hat. Im Februar seien es noch 63 Euro gewesen. "Mein Lieferant hat mir geraten, vorzusorgen und mehr Zucker einzulagern, weil die Preise noch weiter steigen sollen. Aber das geht ja auch nur begrenzt. Sonst muss ich bald Zucker unterm Bett stapeln", sagt der 52-Jährige. Die Großhändler rechnen mit weiteren Preissteigerungen. Mehr als hundert Euro pro 100 Kilogramm könnte der Zucker dann kosten. Das wäre Rekord und "kaum noch zu bezahlen", sagt Sagui. Schließlich sei Zucker einer der wichtigsten Bestandteile von Speiseeis und mache anteilig rund 20 bis 30 Prozent bei der Eisherstellung aus.

Zucker ist auf dem Weltmarkt Mangelware

Die Lieferanten kommen mit dem Zuckernachschub für ihre Kunden kaum hinterher. Auf der einen Seite habe die Nachfrage zugenommen, auf der anderen Seite gebe es am Weltmarkt kaum noch Zucker. "Zucker ist knapp. Wer keine Kontrakte abgeschlossen hat, für den wird es richtig teuer", sagt Rolf Leyhausen, Geschäftsführer von Interback Niederrhein. Der Tagespreis für 100 Kilogramm Zucker ohne Kontrakte liege aktuell bei 112 Euro. "Wir werden von der Industrie zu höheren Preisen mit Ware versorgt", sagt Leyhausen. "Unsere festen Kunden können wir beliefern. Wer aber zuvor nicht Kunde war, für den haben wir keine Ware." Alle günstigen Quellen seien leergekauft. Und die Zuckerproduzenten können derzeit nicht mehr liefern, als vertraglich geregelt.

Die Zuckerknappheit am Weltmarkt zeichnet sich bereits seit einiger Zeit ab. Im Januar lag der Preis für eine Tonne Zucker bei fast 600 Euro — so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. Das hat Gründe: Erwartete Importe aus Übersee blieben im vergangenen Jahr aus. "Die Zuckerrohrernte in Brasilien war zweimal in Folge schlecht", sagt Stefan Lehner, Geschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. Europa ist aber seit der Zuckerreform 2006 auf die Einfuhr von Zucker angewiesen. 85 Prozent des deutschen Zuckers kommen von heimischen Erzeugern, 15 Prozent sind Einfuhren.

Weil der Zucker knapp wird, hat die EU-Kommission nun ihren Herstellern erlaubt, einmalig 800 000 Tonnen Zucker zusätzlich auf den europäischen Markt zu bringen. "Wir gehen davon aus, dass sich die Lage wieder entspannen wird", sagt Lehner. Nur der Zeitpunkt ist noch nicht abzusehen. Für Endverbraucher und Verarbeiter sind die Preise derzeit folglich hoch. Weil die Nachfrage in einigen Filialen in Ostdeutschland extrem gestiegen sei und viele Verbraucher Hamsterkäufe tätigten, haben mehrere Discounter die Abgabemengen rationiert. Lidl beschränkt zurzeit in Märkten nahe der polnischen Grenze den Verkauf von Zucker auf vier Kilogramm pro Person.

In Osteuropa sind die Preise doppelt so hoch

Der Mangel ist in Osteuropa noch gravierender als in Deutschland, berichtet Lehner. Dort sind die Preise für ein Kilogramm Haushaltszucker doppelt so hoch wie im deutschen Nachbarland. In Polen liegt der Preis für ein Kilogramm Zucker zurzeit bei bis zu 1,50 Euro. "Das liegt vermutlich daran, dass dort keine oder nicht ausreichend Kontrakte abgeschlossen wurden", erklärt Lehner.

Der Düsseldorfer Eisdielenbesitzer Claudio Camerin hat vorgesorgt: Als sich die Krise am Zuckermarkt abzeichnete, hat er gleich eine große Menge bestellt. "Damit schaffe ich es über die Saison", sagt der Inhaber der Eisdiele Pia. "Den Preis für eine Kugel Eis kann ich also noch konstant bei 70 Cent belassen. Zum Glück. Sonst müsste ich mitten in der Saison neue Preiskarten drucken", erklärt Camerin, der seit 34 Jahren sein Eiscafé führt.

Nicht ganz so entspannt beobachtet Rino Da-Rold, Chef des Eiscafés Patricia in Düsseldorf-Derendorf, die Lage am Weltmarkt. "Wir halten seit vier Jahren den gleichen Preis von 70 Cent. Aber wenn es so weitergeht, müssen wir erhöhen." Neben Zucker seien auch Vanille, Kakao und Mehl teurer geworden. Einziger Trost: In Italien und Frankreich zahlen Kunden an der Eistheke bis zu zwei Euro für eine Kugel. Dagegen wirkt das deutsche Eis geradezu günstig.

Hier geht es zur Infostrecke: Eissorten im Kaloriencheck

(RP)
Mehr von RP ONLINE