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Evonik-Chef Werner Müller: Zampano an der Ruhr

Evonik-Chef Werner Müller : Zampano an der Ruhr

Essen (RP). So ganz kann es niemand glauben. Als die Nachricht vom überraschenden Rücktritt des Evonik-Chefs Werner Müller durchsickert, bleiben viele Fragen. Will er sich einer neuen Aufgabe stellen? Wird er gar Chef von RWE für den angeschlagenen Jürgen Großmann? Strebt er ein repräsentatives Amt im Ruhrgebiet, seiner Heimat, an?

Müller selbst lässt für Spekulationen keinen Raum. Er sei zufrieden mit seinem Werk, aber auch "abgekämpft und müde". Nach fünf Jahren Dauerstress und sieben 14-Stunden-Tagen in der Woche möchte er endlich Zeit für seine Frau, für seine hochbetagten und zum Teil pflegebedürftigen Eltern (beide über 90 Jahre alt) und seine vier Enkelkinder haben. Auch das vielgeliebte Hobby, das Klavierspielen, sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen, von Urlaub, Entspannung und Lesen einmal ganz abgesehen.

Das klingt nachvollziehbar. Dennoch bleiben Zweifel — angesichts seiner Vitalität und der noch jüngst gezeigten Durchsetzungsfähigkeit. In einem Kraftakt ohnegleichen hat der 62-Jährige in einer Art zweiter Karriere Unternehmensgeschichte geschrieben. Der frühere Energieberater und Wirtschaftsminister, der stets als brillanter Vordenker galt, hatte endlich auch in der Praxis bewiesen, dass er gestalten kann.

Begonnen hatte die Alterskarriere Mitte 2002. Noch als Wirtschaftsminister im Kabinett Schröder (Müller über den Kanzler: "ein guter Chef") sollte er auf Betreiben von WestLB-Chef Friedel Neuber neuer Vorstandsvorsitzender von RWE werden. Die Personalie wurde publik, Müller musste absagen.

Doch bei den Machern im Revier war der Ex-Manager des Stromkonzerns Veba nicht vergessen. Als der Düsseldorfer Eon-Konzern (früher: Veba) die Fühler nach der Tochter Ruhrgas des Zechenkonzerns RAG ausstreckte, wurde ein starker Mann gesucht, das drohende Ruhr-Monopoly zugunsten der Bergleute abzufedern und der Belegschaft eine neue Perspektive zu geben.

Werner Müller, damals 57 Jahre alt, erklärte sich bereit. Mit Hilfe des mächtigen Chefs der Bergbau- und Chemiegewerkschaft IG BCE, Hubertus Schmoldt, wurde er Vorstandsvorsitzender der RAG, einem Konzern mit 20 Milliarden Euro Umsatz und 100 000 Beschäftigten.

Der Mann aus Mülheim, geboren in Essen, hatte gleich hochfliegende Pläne. Für die Zechen sollte es eine Auslaufplanung oder einen abgespeckten Sockelbergbau geben, die "weißen" Sparten einen neuen, börsenfähigen Konzern bilden. Müller pokerte hoch — und gewann. Unter Einsatz waghalsiger Finanztransaktionen tauschte er die Eon-Tochter Degussa gegen die Ruhrgas-Beteiligung. Er erfand ein Stiftungsmodell, um den Kohlenbergbau unabhängig vom neuen Konzern laufen zu lassen und mit den Emissionserlösen zugleich die Altlasten zu finanzieren.

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Doch unterwegs zu diesem Ziel machte er auch folgenschwere Fehler. Er rief öffentlich auf, den CDU-Kandidaten Jürgen Rüttgers nicht zum NRW-Ministerpräsidenten zu wählen — und schuf sich nach dessen Triumph einen persönlichen Feind. Sodann rief sein einstiger Mentor Schröder überraschend Neuwahlen aus, die er gegen die CDU-Kandidatin Angela Merkel verlor.

In diesem für Müller unfreundlichen Umfeld verzögerten sich die Börsenpläne. Mit Merkel fand der RAG-Chef schnell eine Arbeitsebene, die Beziehung zu Rüttgers war endgültig zerrüttet.

Am Ende setzte Müller die Stiftung mit den Zechen und den unabhängigen Konzern Evonik mit den Sparten Chemie, Energie und Immobilien durch. Sein Lebensziel, Vorsitzender der Stiftung zu werden, verfehlte er. Intimfeind Rüttgers verstellte den Weg. Wenigstens seine Wahl Wilhelm Bonse-Geuking brachte er durch. Den bat er auch am 4. August um Vertragsauflösung. Am Montag ist Müller übrigens noch einmal zu sehen. Gemeinsam mit WDR-Moderator Frank Plasberg diskutiert er vor 500 Top-Managern beim Ständehaus-Treff im Düsseldorfer Kunstmuseum K 21.

(RP)