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Portigon: Wird jetzt auch die Stradivari verkauft?

Portigon : Wird jetzt auch die Stradivari verkauft?

Die kostbare Geige, die Frank-Peter Zimmermann spielt, ist im Besitz des Finanzdienstleisters Portigon (Ex-WestLB). Wenn das Instrument verkauft wird, käme das nach der Beckmann-Versilberung einem Aberwitz gleich.

Zu den Kunstschätzen der ehemaligen WestLB, die sich derzeit im Bestand des Finanzdienstleisters Portigon befinden, zählt auch eine weltberühmte Geige, die "Lady Inchiquin" aus der Werkstatt des großen Antonio Stradivari. Sie wird von dem nicht minder weltberühmten Geiger Frank Peter Zimmermann gespielt, der seine Geigen stets von der WestLB geliehen bekam. Dieser Leihakt besaß auch für das Land Nordrhein-Westfalen höhere Relevanz: Der gebürtige Duisburger, der in Köln lebt, ist fraglos der bedeutendste deutsche Geiger der Gegenwart.

Nun steht die Frage im Raum, ob mit dem Ausverkauf von NRW-Kunst durch Portigon auch diese Stradivari zur Disposition steht. Kenner der Branche meinen, ein Verkauf an einen neuen, wenig kunstsinnigen Besitzer, der sie womöglich im Safe aufbewahrt und ihr damit den Atem zum Leben entzieht, wäre ein Aberwitz. Portigon teilte gestern lediglich mit: "Entscheidungen zum Verkauf von Objekten aus dem Kunstbestand sowie von Musikinstrumenten liegen nicht vor." Zu Spekulationen wolle man sich nicht äußern.

Der Musiker teilte gestern mit: "Viele Jahrzehnte war ich auf der Suche nach einem für mich idealen Instrument. Mit der 'Lady Inchiquin', die ich seit 2002 spiele, habe ich es gefunden; sie ist wie die große Liebe meines Lebens. Sie ist ein Teil meiner selbst geworden. Mehrere Jahre habe ich gebraucht, um ihre Geheimnisse zu ergründen. Ich kann mir ein künstlerisches Leben ohne sie nicht mehr vorstellen." Nun wird offenbar versucht, einen Käufer zu finden, der Zimmermann das Instrument weiter leiht.

Im Bestand von Portigon befinden sich aktuell drei wertvolle Instrumente, neben der Zimmermann-Stradivari gibt es ein weiteres Instrument dieses Geigenbauers aus Cremona, die "ExCroall"; sie wurde im Rahmen der WestLB-Nachwuchsförderung 2011 an Suyoen Kim vergeben. Ein Joseph-Rocca-Violoncello wird seit 2006 von der Nachwuchskünstlerin Lena Wignjosaputro gespielt.

Mit der Stradivari-Veräußerung würde Portigon nach dem Verkauf des Beckmann-Selbstporträts für 13,9 Millionen Euro im Jahr 2006 ein weiterer Coup gelingen, der einerseits hohe Erträge sichert, andererseits bis ins Mark eines Landes geht, das sich seit seiner Gründung darauf festgelegt hat, dass das Sammeln von Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart zu seiner Kernaufgabe gehört. Aus diesem Grunde regen sich große Widerstände gegen die bekanntgewordenen Kunstverkäufe im großen Stil.

Die für den 12. November geplante Versteigerung zweier bedeutender Warhol-Bilder aus dem Aachener Spielcasino durch Christie's hatte den Protest von 26 Museumsdirektoren zur Folge, die vor einem Ausverkauf der NRW-Kunst warnen. Auch Staatsministerin Monika Grütters und die Generalsekretärin der Stiftung der Länder, Isabel Pfeiffer-Poensgen, warnten vor solchen Verkäufen. Gestern erhob der Kulturrat NRW seine Stimme. Nicht hinnehmbar sei die Haltung der Landesregierung, die Finanzminister Walter-Borjans am 30. Oktober mit den Worten erläutert hatte, "Ein Kunstwerk hat einen Wert, wenn es zu veräußern ist. Wenn ausgeschlossen wird, es zu veräußern, hat es auch keinen Preis." Der Kulturrat NRW sehe mit Sorge, dass die Portigon-Sammlung stickum versilbert werden kann, ohne dass im Land darüber debattiert wird.

Schlüsselwerke und solche, die für Künstler stehen, die im Rheinland groß geworden sind, werden auf einen anonymen Markt geworfen, wo sie womöglich aus den Augen der Öffentlichkeit verschwinden. Dagegen hat sich auch die Frau des Künstlers Imi Knoebel ausgesprochen, die darauf hofft, dass man sie kontaktiert, bevor das Bild mit dem Titel "Carmen" auf den Markt geworfen wird. "Wenn ich wüsste, dass Portigon die Sammlung auflöst, würde ich unser Bild zurückkaufen", sagt Carmen Knoebel. Auch diese Arbeit des international renommierten Künstlers steht für ein Stück NRW-Geschichte. Carmen Knoebel (die Porträtierte) hat in Düsseldorf den legendären Ratinger Hof geführt, wo sie - neben anderen Verdiensten - Campino von den Toten Hosen förderte.

(RP)