Interview mit RAG-Stiftungschef Werner Müller: "Wir wollen den Anteil an Evonik auf gut 25 Prozent senken"

Interview mit RAG-Stiftungschef Werner Müller : "Wir wollen den Anteil an Evonik auf gut 25 Prozent senken"

Werner Müller ist Chef der RAG-Stiftung. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über künftige Investitionsmöglichkeiten, über die Beteiligung am Energiekonzern Evonik und die Altlasten des Bergbaus.

Ab 2019 muss die RAG-Stiftung für die Ewigkeits-Kosten des Bergbaus aufkommen. Schaffen Sie es, das notwendige Vermögen aufzubauen?

Müller Bis 2019 brauchen wir rund 18 Milliarden Euro Rückstellungen. Allein die Wasserhaltung wird rund 200 Millionen Euro pro Jahr kosten. Bei den aktuellen Minizinsen ist es schwierig, das Ziel zu erreichen. Bisher haben wir zu einem Großteil in Staatsanleihen angelegt. Da deren Zinsen aber derzeit niedriger sind als die Inflation, findet Werteverzehr statt. Um nicht weiter von der Hoffnung auf steigende Zinsen zu leben, ändert die RAG-Stiftung nun ihre Anlagepolitik. Das Kuratorium ist unseren Vorschlägen gefolgt und hat jüngst eine Änderung der Kapitalanlagen-Richtlinie gebilligt.

Wo will die Stiftung nun ihr Geld anlegen?

Müller Wir wollen künftig bis zu 35 Prozent unserer Anlagen in die gewerbliche Wirtschaft investieren. Wir halten beispielsweise nach Mittelständlern in Deutschland, der Schweiz und Österreich Ausschau, die bereits eine starke Position auf dem Markt haben. Wir könnten direkt einsteigen oder in Mittelstandsfonds investieren. In Start-Ups werden wir aber eher nicht gehen, das scheint mir etwas zu risikoreich.

Liegt Ihr Fokus dabei auf Nordrhein-Westfalen?

Müller Das Kuratorium hat uns keine regionalen Vorgaben gemacht. Unser Fokus liegt auf Stabilität und Rendite. Dynamische Mittelständler findet man vor allem im Südwesten Deutschlands, aber auch hier bei uns in NRW.

Wäre eine Beteiligung an notleidenden NRW-Konzernen wie ThyssenKrupp möglich? Das könnte doch ganz im Sinne der Ministerpräsidentin sein.

Müller Eine direkte Beteiligung an ThyssenKrupp steht und stand nie in Rede. Wir hätten allenfalls der Krupp-Stiftung ein Darlehen geben können, wenn sie auf uns zugekommen wäre, um sich an der Kapitalerhöhung beteiligen zu können. Nun ist das Thema erledigt.

Haben Sie schon Unternehmen oder Branchen im Visier?

Müller Die Industrie-Branchen, in die wir investieren wollen, sollen möglichst weit weg sein von der Chemie. Mit unserer 67,9-Prozent-Beteiligung an Evonik sind wir in der Chemie bereits stark engagiert. Das ist sehr erfolgreich und bringt eine gute Rendite. Langfristig aber wollen wir diversifizieren, um ein Klumpenrisiko in unserer Anlagestrategie zu vermeiden.

Das heißt, Sie wollen Ihren Evonik-Anteil senken?

Müller Ja klar. Wir werden früher oder später Evonik-Aktien verkaufen — ohne Eile und marktschonend. Auf lange Sicht wollen wir den Anteil an Evonik auf gut 25 Prozent senken. Evonik ist ein attraktiver Konzern. Doch auf Dauer müssen wir unsere Anlagen breiter streuen, dies sieht auch das Kuratorium so.

Wie viel wollen Sie im Jahr investieren?

Müller Alleine Evonik zahlt uns gut 300 Millionen Euro Dividende pro Jahr. Dieses plus die weiteren Erträge steht für die neue Anlagepolitik zur Verfügung.

Und wie hoch wird die Dividende für 2013 sein?

Müller Ich gehe davon aus, dass die Dividende für 2013 etwas höher liegen könnte als für 2012. Für 2012 gab es 0,92 Cent je Aktie. 2013 darf es eine runde Zahl sein.

Also ein Euro. Doch wo kommt das Geld her? Die Chemie-Konjunktur läuft schlecht, der Evonik-Gewinn wird 2013 zurückgehen. Setzen Sie auf eine Sonderausschüttung, weil Evonik die Immobilien-Sparte gut verkauft hat?

Müller Nein, eine Sonderausschüttung wird es bei Evonik weder wegen des Immobilien-Verkaufs noch wegen des Verkaufs der zweiten Tranche am Versorger Steag geben. Im Übrigen verdient Evonik auch 2013 gut. Der Konzern erwartet ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen in der Größenordnung von zwei Milliarden Euro. Das ist nicht ganz so viel wie im Vorjahr, aber weit mehr als ausgeschüttet wird.

Evonik baut gerade 1000 Stellen ab. Kann man da eine Dividenden-Erhöhung vertreten?

Müller Ja. Bei Evonik werden im Zuge des weltweiten Verwaltungsumbaus auch Stellen wegfallen. Das muss nach dem Umbau vom Mischkonzern zur Spezialchemie auch so sein. Der Abbau erfolgt sozialverträglich und senkt die Kosten.

Wenn es keine Sonderausschüttung geben wird: Was macht Evonik dann mit den Erlösen aus dem Immobilien- und Steag-Verkauf?

Müller Evonik gewinnt damit zusätzliche Mittel, um weiter zu wachsen und könnte auch eine größere Übernahme stemmen. Doch das entscheidet der Vorstandschef Engel.

Da kommen Spekulationen um den Kauf von Lanxess oder Bayers Kunststoffsparte wieder hoch.

Müller Solche Spekulationen gibt es immer wieder. Ich weiß nicht einmal, ob Bayer Material Science überhaupt zum Verkauf steht. Und Lanxess war nie eine Überlegung für Evonik. Die Unternehmen passen nicht zusammen.

War es eigentlich hilfreich, dass bei der Kuratoriums-Sitzung Chef-Aufseher Jürgen Großmann nicht dabei war? Er gilt als chaotischer Leiter.

Müller Die Diskussion verlief sehr ergebnisorientiert, nicht zuletzt durch die Vorbereitung von Herrn Großmann, der an der Sitzungsteilnahme leider kurzfristig verhindert war.

Der jüngste Tagebruch in Essen hat viele überrascht. Ist die RAG-Stiftung hinreichend auf künftige Bergschäden vorbereitet?

Müller Auch wenn der Schacht vermutlich in die Verantwortung von RWE fällt, jedenfalls nicht der RAG, zeigt das Ereignis, wie wichtig Vorsorge auch für den seit 50 Jahren geschlossenen Bergbau ist. Über die rund 5000 RAG-Schächte wissen wir gut Bescheid, die RAG hat dafür Rückstellungen in Höhe von vier Milliarden Euro gebildet. Nicht nur die RAG, auch die anderen großen Unternehmen, die Altbergbau verantworten, stehen hier in der Pflicht.

Wofür trägt denn konkret die RAG-Stiftung Verantwortung?

Müller Für die Sicherheit der stillgelegten Schächte tragen Bergbauunternehmen die Verantwortung. Die RAG-Stiftung ist für Ewigkeitslasten zuständig, vor allem für die Wasserhaltung. Die Essener Innenstadt liegt halt gut zehn Meter unter Rheinniveau. Kein Problem, solange das Wasser abgepumpt wird.

Das Kuratorium hat auch die Erhöhung des Kultur-Etats beschlossen. Wie viel Geld kann die Stiftung künftig verteilen?

Müller In diesem Jahr unterstützen wir Bildung, Wissenschaft und Kultur mit 1,5 Millionen Euro, im nächsten Jahr mit 4,5 und im übernächsten rechnen wir mit 7,5 Millionen Euro. Auf Dauer planen wir, fünf bis zehn Prozent unserer Erlöse einzusetzen, immer vorausgesetzt, dass zugleich der Vermögensaufbau für die Deckung der Ewigkeitskosten definitiv gewährleistet ist.

Damit könnte der Kultur-Etat der Stiftung auf 20 Millionen Euro im Jahr anwachsen. Ist das sinnvoll?

Müller Durchaus. Wir wollen ja nicht sinnlos reich werden. Wir geben gerne einen Teil unserer Einnahmen, die wir nicht für den notwendigen Vermögensaufbau brauchen, an die früheren Bergbau-Regionen zurück. Bergbau darf nicht nur als Last verstanden werden, sondern auch als einstige Quelle unseres heutigen Wohlstands.

Wohin wollen Sie die neuen Förder-Millionen stecken?

Müller Unsere Zechentochter RAG gibt derzeit rund acht Millionen Euro an Fördergeldern aus, etwa für das Bergbau-Museum in Bochum, die Technische Fachhochschule Georg Agricola oder Bergmanns-Kapellen. Diese Einrichtungen dürfen doch 2019, wenn die letzte Zeche geschlossen ist, nicht untergehen. Das Saarland wünscht sich beispielsweise ein eigenes Bergbau-Museum. Auch das wollen wir gerne unterstützen.

Laut schwarz-rotem Koalitionsvertrag soll es künftig neue Subventionen geben: für die Betreiber von Kohle- und Gaskraftwerken. Sie sollen allein für das Vorhalten von Kraftwerks-Kapazität bezahlt werden. Ist das sinnvoll?

Müller Ja, Versorgungssicherheit hat ihren Preis. Es ist besser, beispielsweise eine Auffanggesellschaft für alle notwendigen, aber derzeit unrentablen Kohle- und Gaskraftwerke zu bilden, anstatt Netzagentur und Betreiber über jeden Block einzeln verhandeln zu lassen.

Über welche Summen reden wir? In der Energiebranche ist von acht Milliarden Euro die Rede.

Müller Das ist gut möglich. Doch so lange die Energiewende zu großen Problemen führt, müssen die Versorger etwas für das Vorhalten von Kraftwerks-Leistung bekommen. Die Feuerwehr wird ja auch nicht nach verbrauchtem Löschwasser bezahlt.

Soll es künftig einen Energieminister geben? Würden Sie SPD-Chef Gabriel empfehlen, das Amt zu übernehmen?

Müller Es ist ein Problem, dass Energiepolitik derzeit in mindestens vier Ministerien gemacht wird. Ob man die Zuständigkeiten in einem bestehenden Haus bündelt oder ein neues Ministerium schafft, ist zweitrangig. Die Energiewende ist eine Herkules-Aufgabe. Das Zeug dazu hat Herr Gabriel allemal.

Michael Bröcker und Antje Höning führten das Gespräch.

(brö)
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