Interview mit Post-Chef Frank Appel: "Wir haben noch nie so viele Pakete ausgeliefert."

Interview mit Post-Chef Frank Appel : "Wir haben noch nie so viele Pakete ausgeliefert."

Der Boom im Internethandel treibt das Paketgeschäft der Post. Noch nie habe das Unternehmen so viele Pakete ausgeliefert wie im laufenden Jahr, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post DHL, Frank Appel, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Appel, grüßen Sie per Grußkarte oder SMS zum Fest?

Appel Weihnachten ist für mich das Fest der handgeschriebenen Botschaften. 470 Karten habe ich schon verschickt - die Menschen freuen sich über persönliche Grüße. Die Post wird zu den Festtagen sicher wieder rund 120 Millionen Karten und Briefe am Tag zustellen - doppelt so viel wie im Jahresschnitt.

Wie läuft das Weihnachtsgeschäft als Europas größter Paketausträger?

Appel Gut. Wir profitieren davon, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig ist wie seit 20 Jahren nicht. Natürlich freut es mich, wenn Menschen genug Geld verdienen, um Geschenke kaufen können. Wir liefern im Moment am Tag schon mehr als fünf Millionen Pakete aus, unsere Fahrer fahren auch am Wochenende aus. Für die letzte Woche vor Weihnachten erwarten wir sogar bis zu sieben Millionen Sendungen am Tag. Noch nie zuvor haben wir so viele Pakete ausgeliefert wie bisher in 2012, und wir erwarten auch ein sehr gutes Weihnachtsgeschäft.

Geht der Paketboom weiter?

Appel Wir glauben, dass das Paketgeschäft bis 2020 jedes Jahr um fünf bis sieben Prozent zulegt. Haupttreiber ist der E-Commerce-Boom, der Handel mit im Internet bestellter Ware: Der Marktanteil des Onlinehandels am Gesamtkonsum wird unserer Ansicht nach von sieben auf bis zu 20 Prozent steigen.

Beunruhigt Sie, dass der E-Commerce-Boom zur Verödung von Städten führen kann?

Appel Nein. Erstens sind Einkaufszentren auf der grünen Wiese eher der Hauptwettbewerber der Geschäfte in den Zentren als der Versandhandel. Zweitens ist der Trend zum Wohnen in den Städten so groß, dass die Städte immer lebendiger werden - und das zieht Kaufkraft an. Und drittens hilft der Versand von Waren den Menschen in der Stadt und auf dem Land, ihren Alltag zu gestalten. 80 Prozent der Einkäufe erledigen sie auch künftig in normalen Geschäften, doch bestimmte Spezialitäten oder einfache Bedarfsgüter können sie per Mausklick besorgen. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft hilft das.

Sie bauen die Aktivitäten rund um den E-Commerce aus?

Appel Ja. Wir testen, auch Lebensmittel an die Kunden auszuliefern. Und wir probieren aus, ob Kunden auf dem flachen Land Paket-Briefkästen erhalten, damit sie dort jederzeit Pakete und Waren unkompliziert empfangen und abgeben können. Das soll den Kundennutzen ähnlich erhöhen wie unsere rund 2500 Packstationen in den Städten.

Droht Umweltverschmutzung, wenn immer mehr Post-Laster mit Alltagswaren herumfahren?

Appel Nein, es ist grundsätzlich ökologischer, wenn ein Wagen von uns mehreren Familien in einer Straße Güter bringt, als wenn jede Familie extra in die Stadt fährt.

Weiteren Verkehr bringt es, wenn Sie mit dem ADAC, wie gestern angekündigt, ein neues Bussystem zwischen Großstädten aufbauen.

Appel Hier gilt die gleiche Logik. Besser viele Leute in einem Bus als viele in vielen Autos unterwegs. Wir arbeiten mit dem ADAC an einem Konzept für ein deutschlandweites Fernbusnetz. Wir haben gemeinsam die beste Voraussetzung, um eine preisgünstige, sichere und komfortable Mobilitätsoffensive anzubieten. Eines ist aber klar: Unser Kerngeschäft bleibt die Beförderung von Waren und Briefen.

Warum sollen Menschen Alltagsgüter elektronisch bestellen?

Appel Warum nicht? Bei Alltagswaren kann ich bei digitaler Bestellung nichts falsch machen: Wenn ich seit Jahren das gleiche Shampoo benutze, wäre es doch gut, wenn das automatisch geliefert wird. Ich persönlich finde es eher erstaunlich, dass so viele Menschen Bücher im Internet kaufen, obwohl es doch schön ist, im Buchladen zu stöbern.

Dann werden die Waren teurer?

Appel Nicht zwangsläufig. Ob ich Güter vom Lager aus in das Geschäft bringe oder der Post übergebe, macht keinen Unterschied. Und wenn ich Verkaufsflächen spare, kann ich das Geld in den Versand investieren.

Wie bewertet die Deutsche Post DHL als größter Logistikkonzern der Welt die Lage der Weltwirtschaft?

Appel Grundsätzlich sind die Aussichten für die nächsten zwölf Monate sicherlich nicht gerade rosig. Es kann aber auch Überraschungen geben: Entscheidet sich die neue chinesische Regierung, ein Wachstumsprogramm zu starten, könnte das einen positiven Impuls für die Welt bedeuten. Und wenn die USA die Haushaltssperre doch abwenden können, wäre das auch gut. Ansonsten halten die Konsumenten gerade im Norden Europas noch die Konjunktur in Gang, während die Unternehmen vorsichtiger sind.

Der Aktienindex Dax liegt mit 7600 Punkten so gut wie seit Jahren nicht. Ist das eine Blase wegen dem billigen Geld der Zentralbanken?

Appel Nein. Investoren weltweit sind von der Stärke der deutschen Wirtschaft überzeugt. Die deutschen Unternehmen sind global gut aufgestellt, haben gute Leute aus vielen Ländern in das Management geholt. Darum hat sich der Dax besser entwickelt als Vergleichsindizes in anderen Ländern. Und wegen der Exportstärke haben wir auch eine so niedrige Arbeitslosigkeit.

Unterstützen Sie die Euro-Krisen-Politik von Kanzlerin Angela Merkel?

Appel Die Bundesregierung geht den richtigen Weg. Wir müssen die schwächeren Länder Europas dazu drängen, wettbewerbsfähiger zu werden. Es hat 30 Jahre gedauert, die zu hohen Staatsschulden in Europa aufzubauen, jetzt hat Europa zehn schwere Jahre vor sich, um die Defizite wieder in den Griff zu kriegen.

Bleibt es dabei, dass Sie höhere Steuern für Gutverdiener fordern, um die Staatsschulden abzubauen?

Appel Grundsätzlich muss der Staat endlich mit den Steuern auskommen, die er einnimmt - es ist bedenklich, dass der Bund dieses Jahr trotz halbwegs guter Konjunktur ein so hohes Volumen an neuen Krediten aufgenommen hat. Im nächsten Schritt müssen wir dann endlich beginnen, die Schulden abzubauen - und da sollten die Gutverdiener und Wohlhabenden einen Sonderbeitrag leisten.

Es gibt die Sorge, dass Südeuropa kaputtgespart wird.

Appel Bei allen Belastungen geht es Spanien, Italien oder Griechenland deutlich besser als vor 20 Jahren. Dazu muss man sich einfach nur die Qualität der Straßen und Häuser dort einmal ansehen. Jetzt müssen diese Länder aber ihre Kosten senken, um Investitionen anzulocken. Das ist ein harter Weg, aber ich sehe keine Alternative.

Braucht Europa ein Konjunkturprogramm?

Appel Wenn man erwarten könnte, dass neue Schulden in besseren Zeiten wieder getilgt würden, wäre das denkbar. Tatsächlich hat keine europäische Demokratie seit 30 Jahren ernsthaft Schulden abgebaut. Angesichts dessen kann ich vor neuen schuldenfinanzierten Programmen nur warnen. Der Mensch will nicht verzichten, also ist Schuldenabbau in guten Zeiten eine Illusion.

Die EZB sorgt für extrem niedrige Zinsen, auch für Firmen. Warum investieren dann Konzerne wie die Post so wenig - Ihre Verschuldung liegt sogar unter einer Milliarde Euro.

Appel Von Investitionsstopp kann keine Rede sein: Wir investieren dieses Jahr mit etwa 1,8 Milliarden Euro eine beträchtliche Summe und noch mal deutlich mehr als 2011. Wir wachsen schneller als der Markt, können aber auch nicht Lagerhäuser bauen, die dann keiner braucht. Insofern bremst uns die schwache Weltkonjunktur.

Die Niedrigzinsen machen die private Geldanlage schwer. Was tun?

Appel Ich halte es für klug, einen Teil seines Geldes in Aktien von gut aufgestellten Unternehmen zu investieren - da werden langfristige Werte geschaffen. Immobilien halte ich prinzipiell auch für eine gute Investition, speziell wenn man sie selber bewohnt. Gleichzeitig haben wir allerdings Glück: Trotz aller Warnungen haben wir keine ernsthafte Inflation - das macht die Niedrigzinsen etwas erträglicher.

Zurück zum Briefeschreiben: Zum 1. Januar erhöht die Post das Porto von 55 Cent auf 58 Cent. Gibt es eine Gnadenfrist für Kunden, die noch die alten Briefmarken nutzen oder darauf verzichten, Drei-Cent-Briefmarken dazu zu kleben?

Appel Geschäftskunden stellen am 1. Januar einfach die Frankiermaschine um. Bei Privatkunden kann ich mir vorstellen, dass in den ersten Tagen sicher noch nicht bei jedem unterfrankierten Brief sofort ein Nachporto verlangt wird. Aber grundsätzlich gelten die neuen Briefpreise ab dem 1. Januar für alle ohne Ausnahme, weil wir unsere Kunden gleich behandeln müssen.

Das Interview führte RP-Redakteur Reinhard Kowalewsky.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die günstigsten Paketpreise im Überblick

(csr)
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