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Zugbegleiter: "Wir brauchen diesen Streik"

Zugbegleiter : "Wir brauchen diesen Streik"

Ein Drittel der Bahnen in NRW steht seit gestern still. Nicht nur die Lokführer, sondern auch Begleitpersonal und Bordgastronomen streiken. Ein Zugbegleiter aus Köln erklärt, warum der Ausstand für ihn unverzichtbar ist.

Nach zwölf Stunden Streikschicht am Kölner Hauptbahnhof braucht der Zugbegleiter Christian Deckert erstmal eine heiße Dusche. Wie ein Großteil des Bahnpersonals hat auch der 35-Jährige seine Arbeit niedergelegt. "Von 2 Uhr bis 13.30 Uhr war ich mit meinen Kollegen auf dem Breslauer Platz bei der Streikwache", sagt Deckert.

Als Zugbegleiter gehört er zu einer Berufsgruppe, für die bisher noch kein Tarifvertrag existiert. Das soll sich ändern. Mit der Unterstützung der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die die Interessen von rund 20 000 Lokführern und 17 000 weiteren Mitarbeitern - darunter Zugbegleiter, Bistro-Mitarbeiter, Lokrangierführer, Ausbilder und Disponenten - vertritt, möchte auch das sogenannte Fahrpersonal einen eigenständigen Tarifvertrag aushandeln. Konkret fordert es darin eine Lohnerhöhung um fünf Prozent und "die Begrenzung der Überstunden", erklärt Deckert. "Denn die Belastung muss dringend reduziert werden."

Schon als Kind wollte Deckert Zugbegleiter werden. Und noch heute begeistert er sich für seinen Job. "Der Umgang mit den Kunden und der Technik macht mir großen Spaß. Ich gehe gerne zur Arbeit und trage gerne die Verantwortung für einen Zug", sagt er. Der Streik sei für ihn also kein befriedigender Zustand, lieber würde er stattdessen arbeiten. Allerdings müssten die Rahmenbedingungen dringend verbessert werden. "Wir brauchen diesen Streik."

Bei der Bahn läuft seit Mittwochnachmittag bis zum frühen Montagmorgen der bisher längste Streik in der Unternehmensgeschichte. Seit gestern Morgen ist nach dem Güterverkehr auch der Personenverkehr betroffen, im Fern- und Regionalverkehr sowie zum Teil bei der S-Bahn stehen viele Züge. Unter den streikenden Lokführern ist die Stimmung gegenüber der Bahn generell angeschlagen. "Alle sagen, dass das bisherige Angebot der Bahn unverschämt ist", berichtet Deckert. Die Zugführer fühlten sich vernachlässigt und könnten sich nicht erklären, wieso die Bahn eine solch ablehnende Haltung ihnen gegenüber einnehmen würde. Zwar hätte die Bahn den Lokführern bereits ein Schlichtungsangebot gemacht, das übrige Fahrpersonal sei darin allerdings nicht berücksichtigt worden. "Die Lokführer haben das Angebot nicht angenommen, sie haben ,nein' gesagt, denn wir sind ein Team - entweder alle oder keiner", sagt Deckert.

So offen wie der Kölner Zugbegleiter wollen nicht alle Kollegen über Sinn und Unsinn des Streiks sprechen. Gerade die Lokführer, die sich nicht beteiligen, schweigen lieber. Zu groß ist die Angst, unter den Kollegen als Streikbrecher zu gelten oder ihren guten Ruf zu riskieren. Ohne namentlich genannt werden zu wollen, sagt einer, dass der Streik dem Ansehen der Lokführer und der Bahn schade.

Einen Imageschaden des Bahnpersonals fürchtet Deckert nicht. Das Bild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet werde, werfe aber teilweise ein falsches Licht auf die Streikenden. "Würden die Fahrgäste Details unserer Situation kennen, hätten sie eine andere Meinung über uns", meint Deckert. Einige Kunden suchten bereits das Gespräch mit den Streikenden vor Ort. "Sie kommen zu uns und wollen mehr über die Gründe unseres Streiks erfahren", erzählt der Zugbegleiter. Nach den Gesprächen könnten viele die Haltung des Bahnpersonals nachvollziehen. "Oft verabschieden wir uns mit Handschlag."

(RP)