1. Wirtschaft
  2. Unternehmen

Wiederaufstieg nach tiefstem Einbruch

Konjunktur : Wiederaufstieg nach tiefstem Einbruch

Die deutsche Konjunktur hat sich nach dem größten Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Nachkriegszeit deutlich erholt. Doch der Aufschwung ist fragil: Alles hängt daran, einen zweiten Lockdown zu vermeiden.

Nach dem tiefsten Wachstumseinbruch der Nachkriegsgeschichte im zweiten Vierteljahr ist die deutsche Konjunktur im dritten Quartal des Jahres bereits wieder deutlich im Aufwind. Das signalisierte am Dienstag der vierte Anstieg des Ifo-Geschäftsklimaindex in Folge, dem wichtigsten Frühindikator. Das Konjunkturbarometer stieg im August von 90,4 auf 92,6 Punkte, teilte das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung mit. „Die deutsche Wirtschaft ist auf Erholungskurs“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Das Institut befragt monatlich die Einkaufsmanager einer repräsentativen Auswahl deutscher Unternehmen nach der aktuellen Geschäftslage und den Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate. Steigt das Ifo-Geschäftsklima drei Monate in Folge, gehen Ökonomen von einer eindeutigen Richtung der Konjunktur nach oben aus. Der Aufschwung ist jedoch fragil: Er wird sich nur dann mit Sicherheit fortsetzen, wenn es gelingt, in der Corona-Krise trotz wieder steigender Infektionszahlen einen zweiten flächendeckenden Lockdown mit Schul- und Geschäftsschließungen zu vermeiden. Über eine gemeinsame Strategie beraten die Ministerpräsidenten am Donnerstag mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die Rückkehr des Wirtschaftswachstums im dritten Quartal ist vor allem auf die Lockerungen der Corona-Kontaktbeschränkungen, aber auch auf das Konjunkturpaket der Bundesregierung zurückzuführen. Sie hatte zum 1.Juli die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent gesenkt. Die bis Jahresende befristete Maßnahme und das millionenfach ausgezahlte Kurzarbeitergeld halfen, die private Konsumnachfrage zu stabilisieren. So berichtet etwa die Möbelbranche von deutlich gestiegener Nachfrage. Die verfügbaren Einkommen sind dank der staatlichen Maßnahmen insgesamt im zweiten Quartal kaum gesunken.

„Diesen Erfolg gilt es angesichts wieder deutlich steigender Ansteckungen unbedingt zu bewahren“, sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der Staatsbank KfW. Alexander Krüger, Chefökonom beim Bankhaus Lampe, sieht allerdings auch bereits wieder erste Bremsspuren durch die gestiegenen Infektionszahlen, die vielen Unternehmen zu schaffen machten. „Der kräftigen Erholung des Ifo-Geschäftsklimas geht langsam die Puste aus“, sagte Krüger. Die Sorge vor einer „heftigen Insolvenzwelle“ im Herbst oder zum Jahreswechsel sei hoch. „Stand heute sieht es mehr nach Plumps statt Wumms aus“, sagte Krüger.

Im zweiten Quartal fiel die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung mit minus 9,7 Prozent etwas geringer aus als zunächst geschätzt (minus 10,1 Prozent), teilte das Statistische Bundesamt mit. Im März und April waren Export, Import, private Konsumausgaben und Unternehmensinvestitionen und damit fast alle Komponenten gleichzeitig massiv eingebrochen. Vergleichsweise glimpflich kam allein der Bau durch die Krise. Das Vorkrisenniveau wird Deutschland nach Einschätzung von Ökonomen aber frühestens Ende 2021 wieder erreichen. Entscheidend wird im kommenden Jahr sein, ob und wann ein Impfstoff gegen das Corona-Virus für viele Länder zur Verfügung steht.

Die Schrumpfung im zweiten Quartal ließ auch das Staatsdefizit drastisch ansteigen. Die öffentliche Hand inklusive der Sozialversicherungen gab im ersten Halbjahr 51,6 Milliarden Euro mehr als sie einnahm. Zuletzt hatte es 2011, im Jahr nach der Finanzkrise, ein Staatsdefizit gegeben.