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Ehemaliger Porsche-Vorstandschef vor Gericht: Wie Wiedeking seine Vision vor die Wand fuhr

Ehemaliger Porsche-Vorstandschef vor Gericht : Wie Wiedeking seine Vision vor die Wand fuhr

Am 25. September 2005 hatte Wendelin Wiedeking sein wichtigstes Projekt erfolgreich in die Wege geleitet. Der damalige Porsche-Vorstand sicherte seinem Unternehmen Porsche die 20-prozentige Beteiligung am größeren Konkurrenten Volkswagen.

Wiedekings Vision: An diesem Tag sollte für den Stuttgarter Sportwagenhersteller die Grundlage für eine VW-Übernahme in nicht allzu ferner Zukunft gelegt sein. So zumindest der Plan in der Theorie. Mehr als sieben Jahre später steht Wiedeking vor einem Scherbenhaufen.

Am Mittwoch hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen den Top-Manager und seinen ehemaligen Finanzvorstand Holger Härter Anklage wegen mutmaßlicher Marktmanipulation erhoben. Beide sollen öffentlich falsche Angaben zu dem Porsche-Plan gemacht haben, die Mehrheit an Volkswagen zu erwerben.

Bis zu fünf Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft rechnet mit einem Prozess-Beginn bereits im Februar oder März. Bei einer Verurteilung drohen den beiden Managern jeweils bis zu fünf Jahre Haft.

Worum geht es beim VW-Porsche-Deal? Wiedeking und Härter hatten vor sieben Jahren mit Rückendeckung des Porsche-Aufsichtsrates sowie des VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piech Pläne zur Übernahme des Wolfsburger VW-Konzerns geschmiedet, die letztlich aber Mitte 2009 kurz vor Abschluss scheiterten.

Bei einer anschließenden Razzia fanden die Strafverfolger Hinweise dafür, dass Porsche im Frühjahr und Sommer 2008 "in mindestens fünf öffentliche Erklärungen" falsche Angaben zu seinen Beherrschungsabsichten gemacht hatte, damit den Aktienkurs von VW zu seinen Gunsten beeinflusste und Investoren auf die falsche Fährte gelockt hatte.

"Freispruch im Ermittlungsverfahren"

Von dem anfänglich ebenfalls gehegten Verdacht der Untreue rückten die Strafverfolger in ihrer Anklage mangels hieb- und stichfester Beweise ab, was Wiedekings und Härters Verteidiger als "Freispruch im Ermittlungsverfahren" feierten.

Ex-Finanzchef Härter steht bereits seit Ende September wegen des Vorwurfs des Kreditbetruges vor dem Stuttgarter Landgericht: Er soll laut Anklage bei Kreditverhandlungen gegenüber einer Gläubigerbank falsche Angaben zum Liquiditätsbedarf des Unternehmens und zu den milliardenschweren Optionsgeschäften gemacht haben.

Die anfänglich kleine Beteiligung an VW hatte der mit komplexen Finanzwetten und seinem hochrentablen Sportwagen-Geschäft reich gewordene Stuttgarter Konzern von Herbst 2005 an in Trippelschritten aufgestockt und entsprechende Stimmrechtsmitteilungen veröffentlicht. Anfänglich hatte Porsche noch dementiert, mehr als 30 Prozent am VW-Stammkapital erwerben zu wollen.

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Aktienkurs expoldierte 2008

Die Stuttgarter änderten ihre Haltung: Nach dem Überschreiten dieser Schwelle stellte das Management auch die Absicht zur Übernahme von mehr als 50 Prozent der VW-Stimmrechte in Abrede, später ebenso die Absicht zum Abschluss eines Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrages.

Letztlich strebten Wiedeking und Härter dies jedoch an und sicherten sich über stillschweigend gekaufte Optionen den Zugriff auf weitere Aktien: Erst im Herbst 2008 veröffentlichte die Porsche Holding nach Beschlüssen im Vorstand und Aufsichtsrat offiziell eine Absichtserklärung an die Kapitalmärkte, mehr als 75 Prozent der Stimmrechte an VW erwerben und den Konzern damit doch beherrschen zu wollen.

Danach vervielfachte sich der Aktienkurs binnen kurzer Zeit, VW avancierte zum zeitweise teuersten Unternehmen der Welt. Volkswagen-Aktionäre, die in dem Machtpoker und im Vertrauen auf die Porsche-Dementis auf einen fallenden Kurs der VW-Stämme gesetzt hatten, wurden auf dem falschen Fuß erwischt.

Verluste und Schadenersatz

Die Folge: Für diese Verluste wollen mehrere Dutzend Investoren vor Gerichten in Deutschland und den USA Schadenersatz von Porsche in Milliardenhöhe erstreiten. Die Staatsanwaltschaft schlage sich mit ihrer Anklage auf die Seite dieser Spekulanten, kritisierten die Verteidiger Wiedekings und Härters.

Letztlich ging der waghalsige Übernahmeversuch der Porsche Holding im Zuge der im Herbst 2008 eskalierenden Finanzkrise schief, da den Stuttgartern das Geld für ihre riskanten Optionsgeschäfte auf VW-Stammaktien und die angehäuften Milliardenschulden ausging. VW drehte den Spieß um und bewahrte den Angreifer 2009 vor dem finanziellen Ruin, der dafür eine knapp 50-prozentige Beteiligung an seinem Fahrzeuggeschäft an die Wolfsburger abtreten musste.

Das Führungsduo Wiedeking und Härter, das die Anfang der 90er Jahre noch vor dem Zusammenbruch stehende Automarke Porsche binnen weniger Jahre zum weltweit profitabelsten Fahrzeughersteller aufgebaut hatte, wurde geschasst.

Im Sommer dieses Jahres verleibte sich VW die restlichen Anteile am Porsche-Autogeschäft für knapp 4,5 Milliarden Euro und eine VW-Stammaktie ein - seitdem ist Porsche die zwölfte Marke von VW. Die von den Familien Porsche und Piech sowie dem Emirat Katar kontrollierte Porsche Holding hält weiter gut die Hälfte der VW-Stimmrechte und ist damit der bestimmende VW-Aktionär.

Hier geht es zur Infostrecke: Die Chronologie der VW-Übernahmeschlacht

(nbe)