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Wie Heycar den Markt für Gebrauchtwagen im Internet aufmischen will

Gebrauchtwagen im Internet : Angriff mit Unterstützung

Wer einen Gebrauchtwagen sucht, ging bisher etwa auf Seiten wie Mobile.de oder AutoScout24. Nun greift mit Heycar ein Start-up an – und hat mächtige Verbündete im Rücken: zwei Autokonzerne.

In der Automobil-Welt sind die Rollen klar verteilt: Volkswagen dominiert mit seinen Marken die Weltmärkte, Daimler das Premiumsegment – und Angreifer wie Tesla müssen viel Zeit und Geld aufwenden, um die Vormachtstellung der Etablierten zu brechen. Unzweifelhaft, wer David und wer Goliath in dieser Geschichte ist. In der digitalen Welt sind die Rollen vertauscht. Da sind die großen Auto-Konzerne plötzlich die Angreifer. Und genau das macht die Sache für Markus Kröger so interessant. Der Betriebswirt war früher in Führungspositionen bei Digitalunternehmen wie dem Bezahldienst Paypal und der Lieferplattform Delivery Hero beschäftigt, seit September 2017 leitet er ein neues Projekt: Heycar.

Hinter dem Namen verbirgt sich eine neue Online-Gebrauchtwagenbörse, die in den vergangenen Monaten versucht hat, mit viel Werbung bekannt zu werden. Finanziert wird sie von den Finanztöchtern von Volkswagen und Daimler, die mit Heycar den Markt der Gebrauchtwagenbörsen aufbrechen wollen. Denn bislang regierte hier mit Mobile.de und Autoscout24 eine Art Duopol und diktierte die Preise. Der Endkunde bekam davon nicht viel mit, doch auf Seiten der Händler stieg angeblich der Frust, weil sie immer stärker zur Kasse geboten wurden.

Bislang kam niemand an dem Duopol vorbei, doch Heycar will langfristig zum Marktführer werden. VW und Daimler stellen dafür ein paar Millionen bereit. Wieviel, das will Kröger lieber nicht verraten. Bis zur Spitze ist es jedoch noch ein weiter Weg: Heycar bietet momentan in Deutschland 320.000 Fahrzeuge an, Mobile.de 1,5 Millionen und Autoscout24 gibt sogar mehr als zwei Millionen an, allerdings europaweit. Warum sollten Kunden also zuerst bei Heycar nach einem Fahrzeug suchen? „Im Gegensatz zu anderen Plattformen vermitteln wir keine Inserate, wir helfen das Wunschauto zu finden“, sagt Kröger: „Der Nutzer bekommt nur die Autos angezeigt, die relevant für ihn sind – nicht die Autos, für dessen Anzeige am meisten bezahlt wurde.“ Man sei nur dann erfolgreich, wenn der Kunde ein Auto kauft. „Das gab es vorher nicht.“ Gleichzeitig verspricht mant, dass man bei Heycar geprüfte Gebrauchtwagen mit Garantie bekommt. Auch das soll helfen. „Bei uns sucht nicht der Schnäppchenjäger. Auf unserer Plattform findet man nicht den BMW für 200 Euro“, sagt Kröger.

Ähnlich argumentiert Kröger auch gegenüber den Händlern, die ihre Fahrzeuge auf der Plattform einstellen müssen. Schnellere Abschlüsse bedeuteten weniger Standtage der Autos auf dem Hof der Händler, bedeuteten niedrigere Kosten, weil jeder Tag einen Autohändler umgerechnet 25 Euro koste. Anders als bei den Marktführern ist auch das Inserieren bei Heycar für die Autohändler zunächst kostenlos. Erst bei einem Verkauf des Fahrzeugs wird eine Provision fällig.

Das verschafft Heycar einerseits einen großen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, ist andererseits aber auch ein Risiko. Denn was ist, wenn der Händler das Auto verkauft und behauptet, der Kunde habe es erst im Laden entdeckt und nicht vorher schon bei Heycar? „Stimmt“, sagt Markus Kröger: „100-prozentige Sicherheit haben wir nicht.“ Natürlich gibt es verschiedene Prüfmechanismen. Aber vor allem setzt man auf die Ehrlichkeit der Händler.

Die Angriffslust ist groß, aber auch nötig, denn die Platzhirsche sind mächtig. Bei Mobile.de gibt man sich entspannt. „Mit einer Reichweite von rund 17 Millionen individuellen Nutzern im Monat und mehr als 20 Jahren Erfahrung im Auto-Onlinebusiness sind wir im Wettbewerb sehr gut aufgestellt“, sagt ein Sprecher. Das Unternehmen arbeitet weiter daran, die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern – mit Preisbewertungen oder verschiedenen Finanzierungsoptionen. Autoscout24 erklärt gelassen: „Wir schauen in erster Linie auf uns.“ Ziel sei es, Autoscout24 als transparente und markenneutrale Plattform weiterzuentwickeln. „Durch die Einbindung von Finanzcheck.de, einem Portal für Verbraucherfinanzierung, das die Scout24-Gruppe im Juli diesen Jahres übernommen hat, haben Kunden die Möglichkeit, die für sie besten Konditionen zu finden“, sagt eine Sprecherin.

Bleibt die Frage, ob Heycar langfristig der Freund der Autohändler bleibt. Denn das Verhältnis der Händler und der Hersteller ist nicht ganz unbelastet, weil die Interessen immer unterschiedlicher werden. Die Autokonzerne würden ihre Fahrzeuge beispielsweise gerne direkt an die Kunden über das Internet verkaufen, die Hersteller natürlich nicht ihren Kundenzugang abgeben. Momentan herrscht bei Volkswagen wieder Frieden. Doch noch ist nicht gesagt, dass die Konflikte nicht in einigen Jahren wieder neu aufflammen. Und vielleicht spielt Heycar dann eine zentrale Rolle.

Denn das Start-up ist auch für die Automarken von großem Interesse. „Wir haben einen direkten Kundenzugang, den die Marken ja in der Regel nicht haben“, sagt Kröger. Zwar hätte jede Marke ihre eigene Gebrauchtwagenplattform, doch speziell Multimarkenkunden, die mal Seat, mal VW und dann Ford kaufen, sind für die Hersteller interessant. Dennoch sagt Kröger: „Wir sind auf die enge Partnerschaft der Händler angewiesen.“

Auch gegen andere Vorwürfe wehrt sich Kröger. So unkte mancher beim Start 2017, dass Volkswagen mit Heycar versuche, die nur noch schwer zu verkaufenden Diesel loszuwerden. „Wir sind keine Diesel-Abverkaufs-Plattform“, sagt Kröger. Die Idee zu Heycar sei schon vor drei Jahren entstanden, vor Bekanntwerden der Dieselkrise.

Heycar wurde als hausinternes Start-up in Berlin angesiedelt. Für den Standort habe man sich bewusst entschieden – wegen der vielen digitalen Talente vor Ort, aber auch wegen des Abstands zur Zentrale. „Das erhöht die Unabhängigkeit im Kopf und verhindert gleichzeitig den Start-up-Tourismus im Konzern, bei dem permanent Besuchergruppen durch das Büro geführt werden“, sagt Kröger.