WAZ-Gruppe will Defizit reduzieren: "Westfälische Rundschau" wird aufgegeben

WAZ-Gruppe will Defizit reduzieren : "Westfälische Rundschau" wird aufgegeben

Die Redaktion wird geschlossen, aber die Zeitung soll weiterleben. Was die WAZ-Gruppe mit ihrer "Westfälischen Rundschau" macht, ist eine Notoperation. Ob der Patient überlebt, entscheiden die Leser.

Die 120 Arbeitsplätze bei der "Westfälischen Rundschau" sind verloren. 50 Millionen Euro Defizit seit 2008 - das durfte aus Sicht der Geschäftsführung nicht so weitergehen. "Die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Aber sie muss sein, auch im Interesse der Arbeitsplätze in den anderen Zeitungen, die wir haben", sagt Christian Nienhaus, einer der drei WAZ-Geschäftsführer.

Die klassischen Sanierungsmaßnahmen wie Marketing und Investitionen seien ausgeschöpft gewesen, beteuern Nienhaus und seine Kollegen Manfred Braun und Thomas Ziegler. "Wir haben gesagt: Wir geben nicht kampflos auf", sagt Nienhaus. Aber es habe keinen Sinn mehr, Millionen in ein Blatt zu stecken, das fast in seinem ganzen Verbreitungsgebiet eine oder zwei größere Konkurrenzzeitungen hat.

Daher nun der radikale Schnitt, das Ende der Redaktion der "Westfälischen Rundschau" WR. "Das liegt nicht daran, dass die Redakteure schlecht wären, die haben einen guten Job gemacht. Sondern es liegt daran, dass die Westfälische Rundschau keinen klaren Erstzeitungsmarkt hat", meint Nienhaus.

Für die betroffenen Journalistinnen und Journalisten ist das bitter. Lokalberichterstattung, da sind sich alle Experten einig, ist die Kernkompetenz von Regionalzeitungen. Diese Arbeit gut zu machen und nur deshalb zu scheitern, weil die Zahl der Abonnenten nicht reicht, ist nicht mal ein schwacher Trost.

Keine bösen Worte

Die WAZ Mediengruppe und drei Verlage in der Nachbarschaft, die Dortmunder "Ruhr Nachrichten", der "Hellweger Anzeiger" in Unna und der Märkische Zeitungsverlag in Lüdenscheid ziehen daraus aber eine aufsehenerregende Konsequenz: Wenn der lokale Markt nicht mehr für zwei oder drei konkurrierende Zeitungen reicht, dann sollte man sich nicht gegenseitig ruinieren, sondern den Platzhirsch stärken.

Konkret: Die "Westfälische Rundschau" kauft die lokalen Inhalte ab Februar zu - von der WAZ-eigenen "Westfalenpost", aber eben auch von den drei Wettbewerbern. Die Kosten auf WAZ-Seite sinken dramatisch, während die Zulieferer eine zusätzliche Einnahmequelle bekommen.

Die Rechnung geht allerdings nur auf, wenn die Leser mitspielen. 115 000 Abonnenten und Käufer hat die WR. Dass der Mantel vom zentralen "Content Desk" der WAZ-Gruppe kommt, ist eingeübt. Ob die Kunden auch mit ihren künftigen Lokalteilen zufrieden genug sind, um die WR zu behalten, ist die spannende Frage.

"Das, was wir jetzt einkaufen von den anderen Verlagen, ist nicht 0-8-15-Lokalberichterstattung, die machen dort sehr gute Arbeit", ist Braun überzeugt. Dass dann in einer Gemeinde nur noch ein Journalist über den Streit um die Schwimmbadschließung oder die Bürgermeisterwahl berichtet und nicht mehr zwei, ist die Kehrseite.

"Wir wissen natürlich, dass es weniger Pressevielfalt ist, als wir sie heute - auf unsere Kosten und mit Verlust - darstellen. Aber es ist mehr Pressevielfalt, als wenn man die Westfälische Rundschau einfach eingestellt hätte", rechnet Nienhaus gegen.

Die ganze Branche wird gespannt zuschauen, ob der Patient die Notoperation übersteht. Zwei Signale sind schon deutlich sichtbar. Eines an die Leser, nämlich dass hochwertige Lokalberichterstattung künftig, wenn überhaupt, aus immer mehr Orten nur noch in einfacher Ausführung und nicht mehr von zwei oder drei Anbietern kommen dürfte. Und an die Journalisten, dass ihr Arbeitsmarkt weiter schrumpft.

(lnw/csr)
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