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Was der Streik bei Amazon fürs Weihnachtsgeschäft bedeutet

Weihnachtsgeschäft : Was die Streiks bei Amazon bedeuten

Ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft verschärft sich der Streit zwischen Arbeitnehmern und dem größten Internethandelshaus der Welt. Wir erklären die Folgen des Streiks und die Lage des US-Konzerns.

Der Tonfall im Streit zwischen Amazon und der Gewerkschaft Verdi wird rauer. Man lasse sich nicht von jemandem erpressen, der drohe, "das Weihnachtsgeschäft für die Kinder zu ruinieren", heißt es bei Amazon. Und Verdi droht, dass den gestrigen Streiks an den Standorten Leipzig und Bad Hersfeld weitere in der Weihnachtszeit folgen könnten. Man wolle "Nadelstiche" setzen. Der seit langem schwelende Konflikt könnte damit mitten im Weihnachtsgeschäft eskalieren.

Worum geht es bei dem Streik?

Verdi fordert eine Bezahlung der Beschäftigten nach Bedingungen des Einzel- und Versandhandels. Amazon orientiert sich hingegen an den niedrigeren Tarifen der Logistikbranche (siehe Infokasten) und lehnt Verhandlungen mit Verdi ab. Doch hinter den Kulissen geht es um mehr. Die deutsche Gewerkschaft muss ihren Einfluss im Einzelhandel verteidigen. Die Tarifbindung sinkt in der Branche seit Jahren, für Verdi wird es schwieriger, Mitglieder zu werben. Ein Kampf gegen den größten Online-Händler der Welt kommt da gerade recht.

Amazon wiederum will seine amerikanische Firmenkultur verteidigen. Gespräche führe man nur mit Betriebsrat und Mitarbeitern und nicht mit Verdi, sagte Amazon-Manager Dave Clark der "Welt". Statt in Arbeitskämpfen zu streiken, sollen sich die Angestellten als Miteigentümer der Firma begreifen, zum Beispiel über ein Beteiligungsprogramm über Aktien.

Was bedeuten die Streiks für die Kunden?

Der Streik habe keinerlei Auswirkungen auf den Versand an Kunden gehabt, heißt es bei Amazon. Es ist die gleiche Botschaft, die der Konzern auch bei vorherigen Streiks verbreitete. Größere Ausfälle wurden tatsächlich nicht bekannt. Bislang scheint es Amazon zu gelingen, die Streiks in Leipzig und Bad Hersfeld über die restlichen sechs Logistikzentren in Deutschland aufzufangen. Unklar ist, ob dies auch bei weiteren Streiks im turbulenten Weihnachtsgeschäft möglich wäre. Personell ist Amazon gerüstet. Neben den 9000 Festangestellten setzt man auf 14 000 Saisonkräfte. Zum Vergleich: Gestern streikten laut Verdi rund 1000 Mitarbeiter.

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Wie wichtig ist Deutschland für Amazon?

Nach den USA ist Deutschland der zweitwichtigste Markt für Amazon. 2012 setzte das Unternehmen hier 8,7 Milliarden Dollar (6,8 Milliarden Euro) um. Damit kam knapp jeder siebte Dollar des Gesamtumsatzes von 61 Milliarden US-Dollar aus Deutschland. Ein Viertel aller Umsätze im deutschen Versandhandel entfallen auf Amazon. Doch die Konkurrenz nimmt zu. Zalando, Otto und Co. — jeder will ein Stück vom Kuchen. Sogar Media Markt und Saturn, die sich jahrelang dem Onlinehandel verweigerten, haben inzwischen Internetshops.

Das Weihnachtsgeschäft ist für den Handel extrem wichtig. Rund 8,5 Milliarden Euro, ein Viertel des gesamten Weihnachtsumsatzes, werden in diesem Jahr laut Schätzungen des Handelsverbands Deutschland online erzielt.

Was ist die Gefahr für Amazon?

Das Unternehmen kalkuliert mit knappen Margen, die Umsatzrendite lag in den vergangenen vier Jahren durchschnittlich bei 1,8 Prozent. Von jedem Euro Umsatz bleiben demnach nur 1,8 Cent für Amazon übrig. Höhere Löhne würden die mickrige Rendite weiter schrumpfen lassen — es sei denn, man erhöht die Preise. Das wahre Problem sind aber die Kratzer, die das Ansehen von Amazon durch Berichte über Streiks und schlechte Arbeitsbedingungen bekommt. Beim Markenindex "Yougov" rangierte Amazon zuletzt deutlich hinter Konkurrenten wie Otto. Bislang hatte dies keine Folgen: Die Konsumenten nehmen die kritischen Berichte wahr — kaufen am Ende aber doch wieder bei Amazon ein.

(RP)