Versicherungs-Chinesisch: Warum Verträge so schwer zu lesen sind

Versicherungs-Chinesisch : Warum Verträge so schwer zu lesen sind

Düsseldorf (RP). Rund 444 Millionen Versicherungsverträge gibt es in Deutschland. Jeder Deutsche hat also im Schnitt fünf Verträge in der Schublade. Verträge, für die er eine Police bekommt, irgendwann die erste Rechnung und vor allem ein Dickicht von Vertragsbedingungen. Die versteht längst nicht jeder, wie eine Studie der Technischen Universität Braunschweig ergab. Tenor: Versicherungstexte sind vor allem für Menschen über 50 oft schwer verständlich und unlesbar.

"Zu komplizierte Sätze, kein logischer Aufbau, unübersichtliches Layout" — so lautet ein Teil der Analyse des Sprachwissenschaftlers Günther Zimmermann, der die Studie mit dem sinnigen Namen "Babylon" zusammen mit der TU erstellt hat. 50 Probanden wurden zwei Originaltexte gegeben — ein Auszug aus Bedingungen der KarstadtQuelle Krankenversicherung und eine Definition von Schwerstpflegebedürftigkeit in den Unterlagen der Signal Iduna (siehe nebenstehende Grafik). Zu beiden gab es einen Verbesserungsvorschlag der Braunschweiger Wissenschaftler.

Schriftgrößen viel zu klein

Ergebnis der Lektüre von Originaltexten: Bestimmte Sätze seien auch nach mehrmaligem Lesen von 91 Prozent der Befragten nicht verstanden worden, so Zimmermann. Und um fünf Sätze zu lesen, hätten die Versuchspersonen bis zu 31 Minuten gebraucht — ohne den Text ausreichend verstanden zu haben, wie der Wissenschaftler erklärt. "Versicherungschinesisch" heißt das im allgemeinen Sprachgebrauch. Außerdem hätten die Befragten die Schriftgrößen (6 Punkt) als zu klein empfunden.

Vier von fünf Probanden waren übrigens Akademiker. Mit Bildung hat das mangelnde Verständnis also nichts zu tun. Das bestätigt Elke Weidenbach, Juristin und Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW: "Bei jeder dritten Anfrage, die uns erreicht, geht es darum, dass jemand etwas nicht verstanden hat. Das liegt aber nicht an der Dummheit der Leute. Viele fragen einfach nicht nach, weil sie gar nicht darauf kommen, dass irgendwo ein Problem sein könnte."

Die Versicherungswirtschaft räumt Mängel ein. "Trotz aller Mühe, die die Untenehmen sich geben — die Texte sind nicht durchgehend verständlich", sagt eine Sprecherin des Branchenverbandes GDV. Aber: "Das ist zum Teil auch nicht vermeidbar, weil die Formulierungen den Anforderungen des Versicherungsvertragsgesetzes genügen müssen." Die Verbandssprecherin verweist auf das Produktinformationsblatt, in dem verständlich formuliert drinstehe, was wie versichert sei.

Juristisch einwandfrei und für den Leser verständlich

Ein Sprecher des Versicherungskonzerns Ergo, zu dem die KarstadtQuelle Krankenversicherung gehört, erklärte auf Anfrage, Versicherer müssten eine Vielzahl von Interessen in Einklang bringen: Die Texte müssten fachlich richtig, juristisch einwandfrei und für den Leser verständlich sein. Das Unternehmen habe seinen Mitarbeitern Ende 2008 eine Broschüre mit Tipps für die Erstellung kundenfreundlicher Briefe geschickt.

Wem das nicht weiterhilft, der sollte denTipp von Verbraucherschützerin Weidenbach beherzigen: "Bei allem, was man nicht versteht, fragen, bis man es versteht. Auch wenn das fünf Stunden dauert."

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(RP)
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