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Bundesweiter Kita-Protest: Warum Kindergärtnerinnen streiken

Bundesweiter Kita-Protest : Warum Kindergärtnerinnen streiken

Düsseldorf (RPO/RP). Bundesweit streiken an diesem Freitag Erzieherinnen. Allein in NRW sind 26 Städte betroffen. Die Streikenden fordern einen besseren Gesundheitsschutz, mehr Gehalt - und gesellschaftliche Anerkennung. "Kinder betreuen und fördern - das ist nicht einfach nur spielen", sagt eine Erzieherin aus Düsseldorf. Verdi droht mit einer Verschärfung der Streiks.

Die Klagen Erzieherinnen beklagen sich, dass ihr Beruf oft nicht ernstgenommen wird. Das Vorurteil: Kindergärtner müssen ja nur spielen und singen. In der Realitiät klagen Erzieherinnen über erhebliche Belastungen. "Die Anforderungen an die Erzieher steigen ständig - und das ohne Lohn- oder Personalausgleich", sagt Ingrid Jahn-Lutkewitz, Leiterin eines Familienzentrums in Düsseldorf und seit 20 Jahren im Beruf.

In NRW hat in der Branche vor allem das neue Kinderbildungsgesetz für Ärger verursacht. Damit ist sich nach Ansicht vieler Erzieherinnen vieles schlechter geworden. Mehr Bürokratie, mehr Aufgaben, der Personalschlüssel. In vielen Einrichtungen hat sich inzwischen der Krankenstand erhöht. Frust und Unmut gären.

Die Belastungen Neben den beruflichen kommen die gesundheitlichen Belastungen dazu. Die Arbeit mit Kindern belastet den Rücken und das Gehör. 75 Prozent der Erzieher glauben nicht, dass sie in ihrem Beruf das Rentenalter erreichen können, zitiert Verdi aus einer Studie des sozialpädagogischen Instituts Köln.

In den Kindertagesstätten ist es so laut wie auf einem Flugplatz. "Wenn die Kinder richtig aufdrehen, werden 117 Dezibel erreicht. Das ist so, als wenn man sich in der Nähe eines startenden Düsenflugzeugs aufhält", sagte Verdi-Pressesprecher Uwe Reepe unserer Redaktion. Hinzu komme das Sitzen Erwachsener auf Kinderstühlen und das lange Stehen in gebückter Haltung. Rücken- und Lendenwirbelschäden seien häufige Folgen.

Mit dem Streik, dem 89,9 Prozent der Mitglieder zugestimmt haben, soll nun erreicht werden, dass jeder einzelne der 220.000 Arbeitsplätze im Sozial- und Erziehungsdienst auf mögliche gesundheitliche Beeinträchtigung geprüft wird. Zum Beispiel könnte Schallschutz an Wänden und Decke Abhilfe schaffen, schlägt Reepen vor.

Das Gehalt Die körperlichen und psychischen Belastungen der Erzieher hätten sich in den vergangenen Jahren gehäuft, sagt auch Jürgen Reichert, für Soziales zuständiger Verdi-Landessekretär NRW. Hinzu komme, so Reichert gegenüber dem WDR, dass der Einkommensbereich in vielen Fällen gerade für Neueingestellte sehr schlecht sei. Gut ein Drittel der Kita-Mitarbeiter in Teilzeit verdiene nicht mehr als 1500 Euro brutto.

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Laut Verdi geht es bei dem unbefristeten Streik allerdings ausdrücklich nicht ums Gehalt — obwohl die Bezahlung der Kita-Kräfte alles andere als üppig sei. Eine ausgebildete Erzieherin bekomme bei Vollzeittätigkeit 2130 Euro brutto als Startgehalt und könne später maximal 2700 Euro erzielen. Für Kinderpflegerinnen liegt das Anfangsgehalt bei 1907 Euro brutto.

Die Ziele Die Eltern zeigen sich bisher verständnisvoll. Die Streik-Vorbereitungen wurden laut Verdi in enger Abstimmung mit den Eltern getroffen. Sie seien schon seit Wochen vorgewarnt. Ob das auf Dauer so bleibt, ist offen. Verdi jedenfalls droht mit einer Verschärfung der Streiks. "Wir sind steigerungsfähig", sagte Jürgen Reichert, für Soziales zuständiger Landessekretär NRW am Freitag dem WDR. Mit dem heutigen Tage sowie Montag und Dienstag fange man an, "und dann werden wir das noch weiter anziehen".

Zentrales Ziel sei, die Arbeitgeber zu bewegen, an einen Verhandlungstisch zu kommen, um einen Tarifvertrag für den Gesundheitsschutz abzuschließen. "Und da weigern sie sich, diese Sache anzunehmen und überhaupt nur mit uns darüber zu sprechen", erklärte Reichert dem Interview zufolge.

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Die Lage in den Ländern In NRW sind nach Gewerkschaftsangaben kommunale Kindergärten in 26 Städten mit bis zu 4000 Kräften betroffen, darunter Düsseldorf, Duisburg, Mönchengladbach, Remscheid und Wuppertal. Die Eltern, die Kinder in diese Einrichtungen schicken, seien angeschrieben und über den geplanten Streik informiert worden, sagte Verdi-Pressesprecher Uwe Reepen unserer Redaktion.

Auch auf Bundesebene sind am Freitag zahlreiche städtische Kindertagesstätten geschlossen geblieben. Zum Auftakt haben sich am Freitag rund 11.000 Erzieherinnen in sechs Bundesländern an Aktionen und Arbeitsniederlegungen beteiligt. Geschlossen waren nicht nur Kindergärten, sondern auch Jugendeinrichtungen, wie ver.di-Sprecherin Martina Sönnichsen am Freitag sagte. Am Montag und Dienstag sollen die Aktionen auf weitere drei Bundesländer ausgedehnt werden.

Schwerpunkte der Arbeitsniederlegungen sind laut Verdi neben Nordrhein-Westfalen Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Hessen und Bremen. Ab nächster Woche soll auch in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und im Saarland gestreikt werden.

Die Forderungen Verdi fordert einen Tarifvertrag zur betrieblichen Gesundheitsförderung für die bundesweit rund 220.000 Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst. Verdi und die Lehrergewerkschaft GEW hatten die Verhandlungen über einen Gesundheitstarifvertrag Ende April für gescheitert erklärt. Die Arbeitgeber hätten sich nicht bewegt, hieß es. Der Verband der kommunalen Arbeitgeber (VKA) wies dies zurück. In den vergangenen Wochen war es bereits vereinzelt zu Warnstreiks gekommen

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